Reliquien zurück in die Kirchen? Religiöse Kunst in Museen

Reliquien, Messkelche und Heiligenfiguren finden wir nicht nur in Kirchen, sondern auch in Museen. Dort wirken sie aber für den religiösen Betrachter oft deplaziert. Denn dort sind sie ihrer ursprünglichen Aufgabe entfremdet.

Ancient Egyptian mummy body preserved by mummification

Foto: fotolia

Vor einigen Jahren habe ich den spanischen Ort Alba de Tormes besucht. Dort befindet sich das Grab der Heiligen Teresa von Avila. Von der Kirche kam ich in ein kleines Museum, indem, neben Erinnerungsstücken an die Heilige, auch einige Reliquien aufbewahrt wurden. Die Herzreliquie Teresas fand ich in einen Schaukasten, als handle es sich um eine Münzsammlung. Der religiöse Gehalt der Reliquie wird dabei in keinster Weise berücksichtigt.

Tote im Schaukasten statt im Grab

Museen haben die Aufgabe, Objekte zu konservieren und der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Sie bewahren dabei die Artefakte, entfremden diese aber zugleich. Denn sie reißen sie aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang, definieren einen neuen Zweck für die alten Objekte und stellen sie in einer neutralen Umgebung auf.

Vielen Menschen finden es befremdlich, wenn sie im britischen Museum Mumien in Glasvitrinen vorfinden. Menschenkörper, einst für die Ewigkeit im Sarkophag pietätvoll präpariert, werden in einer Glasvitrine den Lebenden zur Schau gestellt. Die Kuratoren holen religiöse Andachtsgegenstände aus den Kirchen in die Museen, wo Besucher oft keinen Sinn mehr für ihren Bezug haben und sie auf ihre historische oder künstlerische Dimension reduziert werden.

Reliquien können nicht verehrt werden

Die Differenz wird besonders deutlich, wenn die Objekte noch ihre ursprünglich zugedachten Nutzen erfüllen könnten. Niemand wird etwas gegen die Ausstellung römischer Münzen einzuwenden haben, da sie als Zahlungsmittel obsolet sind. Werden hingegen religiöse Andachtsgegenstände aus ihrem Zusammenhang gerissen und ihrer Aufgabe entzogen, ist das kritischer zu bewerten. Das gilt besonders dann, wenn sie vor allem unter historischen oder künstlichen Perspektiven erklärt werden.

Viele Besucher erfahren etwa über einen Messkelch, dass er aus dem 17 Jahrhundert stammt, von Kurfürst Maximilian I. von Bayern gestiftet wurde und ein gutes Beispiel für die Emailkunst der Münchner Goldschmiedeschule ist. Der Besucher, oft säkular erzogen, weiss danach aber nichts über die Verwendung von Messkelchen oder ihre Bedeutung für Liturgie und Priestertum.

Dramatischer noch ist es beim Beispiel der Reliquie der Heiligen Teresa. Eigentlich handelt es sich um ein Objekt, das den Gläubigen zur Andacht und zur Verehrung einlädt. Durch die Präsentation wird es aber fast unmöglich gemacht, die Reliquie noch religiös zu „nutzen“. Mehr noch, der Gläubige wird zum Fremdkörper, sollte er versuchen, sie zu verehren.

Entfremdung im Museum mildern

Die Entfremdung des Objektes gehört zum Wesen der Museen. Allerdings gibt es drei Möglichkeiten, wie der Effekt verringert werden kann:
Erstens: Dem Bedürfnis der religiösen Menschen nach einem andächtigen Betrachten eines religiösen Gegenstandes kann entsprochen werden, indem die Museen ihnen etwa geeignetes Mobiliar zur Verfügung stellen. In manchen kirchlichen Museen stehen Kniebänke vor besonders wichtigen Reliquien.
Zweitens: Die Gegenstände werden Dual genutzt. Sie stehen normalerweise im Museum, allerdings werden sie zu geeigneten Zeiten auch in ihrem ursprünglichen Zusammenhang verwendet, etwa bei Messfeiern, wenn man an Kelche denkt oder bei Festen, die mit einer Reliquie zusammen hängen.
Drittens: Das Museum präsentiert die Objekte in einem speziell aufbereiteten Rahmen, der ihren religiösen Charakter hervorhebt und ihn den Besuchern erschließt. Das ist besonders in kirchlichen Museen oder in Sonderausstellungen möglich.

Kirchenkunst gehört in Kirchen wie Mumien in Gräber gehören und nicht ins Britische Museum. Dennoch hat die Öffentlichkeit ein begründetes Interesse daran, dass kulturelle Objekte zugänglich gemacht werden. Dafür sind Museen ideal, gerade wenn es sich um rein historische Gegenstände handelt. Gerade religiöse Kunst sollte aber ihrem ursprünglichen Nutzen nicht vollständig entzogen werden.

Maximilian Röll

Foto: fotolia

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