Warum Germany’s Next Topmodel uns fasziniert und betrifft!

Ich gebe es zu – jeden Donnerstagabend schalte ich es ein: Germany’s Next Topmodel [GNTM]. Eine Sendung, die seit ihrer Erstausstrahlung im Jahr 2006 stark umstritten ist und doch von über 3 Millionen Zuschauern verfolgt wird. Der Ablauf ist immer derselbe: Eine junge Frau, meist zwischen 16 und 22, stellt sich den prüfenden Blicken der Jury, wird ausgewählt oder eben nicht. Es folgen Tränen, Konflikte, Zankereien. Neben einer „Topfigur“ ist der Unterhaltungswert eines Mädchens das, was zu zählen scheint. Wer sich nicht unterordnet, fliegt vom Flughafen Los Angeles in sein Dorf zurück. Doch welche Faszination geht letztlich von GNTM aus? Warum sitzen wir donnerstags vor dem Fernseher und verfolgen Heidi Klum auf ihrer Modelsafari? Ein Erklärungsversuch.

Die Finalistinnen 2014, Foto: dpa/picture-alliance

Die Finalistinnen 2014, Foto: dpa/picture-alliance

 

The Pursuit of Happiness: Höher, schneller, weiter

Der Mensch strebt immer nach dem Höheren, nach dem, was er gerade nicht in seinem näheren Umfeld hat.  Sei es ein Sportwagen, ein Traummann, eine Traumfrau, die Millionen auf dem Konto oder eben die perfekte Bikinifigur. Wir finden immer etwas zu mäkeln. Wann sind wir wirklich zufrieden? Wir sind wie Ikarus, wir wollen immer mehr und in immer höhere Sphären aufsteigen. Wir streben stets nach dem Perfekten. Sendungen wie GNTM spiegeln genau diesen Wunsch unseres Unterbewusstseins wider: Jugend, Erfolg, Schönheit – Perfektionismus in allen Lebenslagen. Das sind die Schlagwörter unseres Zeitalters. Noch nie schien es so wichtig, schon in jungen Jahren so viel wie möglich erreicht zu haben. „Dank“ G8-Abitur steigen wir immer früher in das Berufsleben ein. Das Studium soll in „Speedgeschwindigkeit“ durchgezogen werden. Wer seinen Weg nicht schnell genug findet, ist draußen und fliegt wie die Germany’s Next Topmodel Kandidatinnen zurück in die gesellschaftliche Peripherie. Doch ist es das, was wir wollen? Ist es das, was wir brauchen?

GNTM: Wettkampf als Existenzgrundlage

Bei Germany’s Next Topmodel geht es um die „Competition“, zu Deutsch: den Wettbewerb. Jedes Mädchen hat eine Konkurrentin, die vielleicht den Kunden noch ein bisschen mehr überzeugt, noch ein bisschen schlanker und noch ein bisschen unterwürfiger ist als ihre Mitstreiterinnen. Es geht darum die Anweisungen der „Modelmama“ Heidi Klum zu befolgen. Geht nicht, gibt´s nicht! „Personality“, „Attitude“, Figur und Kleidungsstil der Topmodel-Anwärterinnen werden strengstens unter die Lupe genommen. In der aktuellen Staffel wird Heidi dann auch mal direkter, wenn ein Mädchen nicht ihren Vorstellungen entspricht und geht auf Tuchfühlung: „Das darf nicht weich sein. Das ist viel zu squishy [wabbelig]!“, so kommentiert die „Modelmama“ den schlanken Bauch ihres 18-jährigen Schützlings Vanessa.

GNTM: Modernes Amphitheater mit gefährlichen Nebenwirkungen

Was Heidi Klum versucht mit gesunden Einkaufstouren in amerikanischen Supermärkten mit ihren Kandidatinnen der vorherigen Staffeln zu überdecken, ist die überhaupt nicht glamouröse Seite des Topmodelkultes: Immer lauter werden in den letzten Wochen und Monaten Stimmen, die von Magersuchtrisiken wegen falsch vermittelter Körperideale sprechen. Die allzu schicke und glitzernde Modelwelt der Heidi Klum beginnt zu bröckeln.

Diese öffentliche Fleischbeschau wirkt nachhaltig auf uns ein: Die Visualisierung unserer Sehnsüchte lockt uns immer wieder vor den Fernseher. Vielleicht ist es unser „natürlicher“ Voyeurismus, der uns einschalten lässt: Wir freuen uns über die Niederlagen der unsympathischen Kandidatin und über Erfolge unserer Favoritin. Geschichtlich betrachtet lässt sich GNTM sicherlich als „Brot und Spiele“ des 21. Jahrhunderts betrachten. Ein Spiel, das harmlos klingt, aber auch eine zerstörerische Seite in sich trägt. GNTM treibt unseren gesellschaftlichen Wahn nach Perfektionismus an die Spitze. Konkurrenzdruck und Wettbewerbsfähigkeit begleiten uns – wie die Germany´s Next Topmodel Kandidatinnen – heute im schon im schulischen und später im beruflichen Alltag. Es lassen sich also durchaus Parallelen ziehen. Letztlich sollten wir jedoch stets bedenken, dass gerade ein übermäßiges Maß an Perfektionismus, wie es GNTM anstrebt, immer auf Kosten der Individualität geht oder gar in die Krankheit führen kann. Hunger wird nicht selten zum engsten Vertrauen der Models. Angesichts der weltweiten Unterernährung von Millionen Menschen, ist der Magerwahn zu Optimierungszwecken ein Skandal!

Jill Graw

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