Der Leib des Menschen hat Ewigkeitswert

Der Osterglaube fordert Gewaltverzicht

Die Würde des Menschen steht infrage. Es geht dabei nicht nur um seine Seele, sondern um seinen Leib. Wird er nur als Exemplar einer biologischen Gattung gesehen, dann basiert seine Würde auf den besonderen Gehirnleistungen. Solange das Gehirn funktioniert, der einzelne über Bewusstsein und Entscheidungsfähigkeit verfügt, gilt ihm der Schutz des Grundgesetzes. Ist das Gehirn zerstört oder hat es sich beim Embryo noch nicht entwickelt, entfällt das Substrat, das Würde-fähig wäre. Nach der jetzigen Rechtsprechung gewinnt ein werdender Mensch erst nach 3 Monaten den vollen Schutz als Individuum. Wenn das Gehirn nicht mehr funktionsfähig ist, dann ist auch der ihn umgebene Körper nutzlos. Es erscheint dann nur als logische Schritt, das System ganz „abzuschalten“. Aber nicht nur die naturwissenschaftliche Reduzierung des Menschen auf seine Gehirnfunktionen gibt seinen Körper für die Beendigung des Lebens frei. Genauso können Ideologien und Religionen das Recht beanspruchen, einen Menschen zu töten.

in der Kapelle des Bildungshauses Norte Dame de Vie in Weisendorf bei Erlangen. Foto: E.Bieger

in der Kapelle des Bildungshauses Norte Dame de Vie in Weisendorf bei Erlangen. Foto: E.Bieger

Die Ausschaltung Andersdenkender
Wer sich in Diktaturen auflehnt, muss mit dem Tod rechnen. Aber auch religiöse Menschen und  auch Theologen, die von der allgemein anerkannten Lehrmeinung abweichen, können zum Tode verurteilt werden. Der sog. Islamische  Staat beansprucht für sich das Recht, Nicht-Muslime hinrichten zu dürfen. Aber es trifft auch, wie früher im Christentum, Gläubige, die eine Lehrmeinung vertreten, die nicht korrekt erscheint. So wurde der sudanesische Islamgelehrte Mahmud Mohammed Taha 1985 hingerichtet, weil er sich für eine andere Koranauslegung einsetzte, nämlich die Suren, die Gewalt thematisieren, nur für eine bestimmte Epoche als gültig zu erachten. Hinrichtungen durch eine Diktatur oder eine Religion haben eine andere Zielsetzung als eine Abtreibung oder die Tötung eines hinfälligen Körpers. Sie wollen den geistigen Kern des Menschen in seinen Überzeugungen treffen, die geistige und moralische Person, den Ideenträger, der die Mächtigen ethisch herausfordert, zum Schweigen bringen.

Die Unverletzbarkeit des Körpers
Ob die Würde des einzelnen durch die Funktionsfähigkeit des Gehirns bestimmt wird oder durch die „richtige“ politische Einstellung bzw. den Glaubensgehorsam, es scheint der Körper zu sein, über den fassbar wird, was den Menschen ausmacht. Entweder ist das Geistige nur eine besonders komplexe Form von Materie, eben das Nervensystem des Gehirns. Oder der falsch denkende bzw. falsch glaubende geistige Kern des Menschen ist nur über den Körper zu zwingen. Diese Einsicht liegt der „Habeas Corpus Akte“ zugrunde, die die körperliche Unversehrtheit des einzelnen über staatliche Rechts- und Machtinteressen stellt. 1679 wurde sie in England gegen willkürliche Verhaftungen durchgesetzt. Sie begründet eine Werthaltung, die den Vorrang des Geistigen im Menschen herausstellt. Mit dem Folterverbot dürfen die Aussagen eines Angeklagten nicht über Beeinträchtigung des Körpers erzwungen werden. Das ist darin begründet, dass der Leib nicht bloß ein Anhängsel der Person ist.

Der Leib ermöglicht Begegnung mit der Person
Das Geistige eines Menschen ist mit seinem Körper in Raum und Zeit eingebunden. Ich kann den anderen nur da treffen, wo er sich räumlich aufhält. Auch ein Telefonat oder ein Brief muss ihn an dem Raumpunkt erreichen, an dem er sich körperlich befindet. Selbst wenn Email und Handy den Raum entgrenzt haben, eine Mail kann nur von jemandem abgerufen, ein Telefonat nur entgegengenommen werden, wenn der andere das Smartphone an dem Ort bedient, wo er sich gerade körperlich aufhält. Daher behält trotz Handy und Video-Telefonie die direkte Begegnung, die Wahrnehmung des Mienenspiels des anderen, seiner Körpersprache den höchsten Wert im menschlichen Miteinander. Deshalb sollten wir daran festhalten, dass der Leibbezug des menschlichen Geistes auch nach dem Tod fortbesteht, selbst wenn es den Vertretern eines naturwissenschaftlich reduzierten Menschenbilde als abwegig erscheint, dem Menschen als Einheit von Leib und Seele eine Zukunft über den Tod hinaus einzuräumen.
Wenn aber die menschliche Person in einer Beziehung zu etwas Materiellem konstituiert ist, dann gerät eine Religion, die eine leibliche Auferstehung als Zukunft des Menschen annimmt, in Widerspruch zu sich selbst, wenn sie den geistigen Kern des Menschen über seinen Leib zu manipulieren versucht.

Wenn der Leib den Tod überdauert
Was bedeuten aber dann die Todesurteile, die im Christentum über Ketzer und in letzter Zeit immer häufiger unter Berufung auf den Koran im Islam verhängt werden? Beide Religionen versprechen ein köperbezogenes Leben nach dem Tod. Offensichtlich gehen sie davon aus, dass sie den Willen ihres Gottes umsetzen, der Zweifler wie die Andersgläubigen bereits für die Hölle bestimmt hat. Wie sind diese Optionen für das endgültige Schicksal des Menschen zu beurteilen? Im Zusammenhang mit der Auferstehungsbotschaft des Christentums lassen sich die Hoffnungen deutlicher verorten:
Ob die naturwissenschaftlich reduzierte Sicht oder das von Regimen verhängte Todesurteil  – beide Instanzen gehen davon aus, dass der Körper über den Menschen entscheidet. Dem widerspricht unser gewöhnlicher Umgang mit Menschen. Wir sehen im Anderen ein Du, der Mensch ist eben etwas anderes als ein funktionierendes Gehirn. Zwar wollen uns Google und Facebook bis in die letzten Gemütsregungen durchschaubar machen, um das Konsumverhalten immer genauer zu berechnen und damit steuern zu können. Den Menschen als optimal funktionierende Gehirnmaschine zu sehen, widerspricht jedoch unserem alltäglichen Umgang miteinander wie auch dem Grundverständnis, auf dem unsere Gemeinwesens beruht. Ein Rechtssystem, das nicht von Diktaturen missbraucht werden soll, muss die Würde des Menschen als Basis formulieren. Noch stärker geraten die Religionen in Widerspruch mit sich selbst. Denn sie setzen, obwohl sie die Unversehrtheit des Körpers missachten, sogar voraus, dass die Seele, also das Geistige im Menschen, entscheidend ist. Sie wollen ja auch, indem sie den Körper zerstören, nicht diesen, sondern den geistigen Einfluss des Menschen ausschalten. Sie müssten, wenn sie sich mit Irrlehren auseinandersetzen, aber auf das Geistige  im Menschen vertrauen. Wenn sie dem Glauben so wenig Überzeugungskraft zutrauen, dass sie im Namen ihrer Glaubenslehre den Körper zerstören, dann ist Religion mit einer politischen Ideologie gleichzusetzen, die zur Durchsetzung ihres Machtanspruchs Todesurteile vollstrecken muss.

Keine Gewalt gegen Abweichler – die ersten tausend Jahre Christenheit
Eine Religion ist in ihrer Glaubenskraft daran zu messen, ob sie Lehren, die vom Mainstream abweichen, mit dem Tode bedrohen muss. Was auf den ersten Blick als Kraft erscheint, nämlich „Ketzer“ umzubringen, ist eigentlich Glaubensschwäche. Man traut dem eigenen Glauben und vor allem Gott nicht zu, dass er die Menschen von der Botschaft überzeugen kann, deren Ursprung er ja ist. Gewalt im Namen Gottes ist eigentlich Ausdruck von geistiger Machtlosigkeit und mangelndem Vertrauen.
Ein Hinweis, dass die Botschaft von der leiblichen Auferstehung die Christen davon abgehalten hat, Abweichler umzubringen, ist der Umgang mit sog. Ketzern. In den ersten tausend Jahren der Christenheit gab es keine kirchlich veranlassten Ketzerverbrennungen. Es wurde zwar noch vom römischen Gericht in Trier ein spanischer Bischof zum Tode verurteilt. Die damaligen Bischöfe, so der hl. Martin von Tours, setzen sich für eine Aussetzung des Todesurteils ein. Der hl. Martin reiste extra nach Trier, wo der Bischof verurteilt wurde, um die Vollstreckung des Urteils zu verhindern. Osterglaube befähigt, die Unversehrtheit des Leibes zu achten.

Aufarbeitung der christlichen Religionskriege
Im zweiten Jahrtausend sahen sich die Bischöfe nicht mehr veranlasst, verurteilte Häretiker vor dem Tod zu bewahren. Die Ausrufung der Kreuzzüge hat nicht des östlichen Christentum gerettet, sondern seinen Untergang beschleunigt. Die Reformation war alles andere als eine Rückkehr zu einer Wertschätzung der leiblichen Unversehrtheit. Auch die bei Rom verbliebenen Bistümer und Staaten handelten nicht aus der Überzeugung, dass Gewalt gegen Abweichler unmöglich geworden ist, weil sie einer leiblichen Auferstehung widerspricht.

Im Blick auf den Islam
Wenn den christlichen Staaten, allen voran „God’s own Country“, nämlich der USA, nichts anderes einfällt, als auf Anschläge von Islamisten mit Waffen zu reagieren, dann sind sie eigentlich in eine vorchristliche Religiosität zurückgefallen. Setzt man auf die zentrale christliche Botschaft, dass die Erlösung des Menschen direkt mit der Auferstehung des Leibes verbunden ist, also Erlösung gerade den Leib einbezieht, ist die Christenheit nicht in der geistig-religiösen Verfassung, sich mit Gewalt im Namen der Religion auseinanderzusetzen. Und wie wollen Christen Selbstmordattentäter überzeugen, wenn sie selbst zum Mittel körperlicher Gewalt greifen. Sie müssen mit den Muslimen vielmehr religiös um die Frage ringen, ob im Blick auf die leibliche Auferstehung die Verwandlung eines Körpers in eine Waffe nicht in direktem Widerspruch zu religiösen Überzeugung steht.

Eckhard Bieger S.J.

s. zur Körpebezogenheit des menschlichen Geistes: Leibhaftig nach dem Tod

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