Leibhaftig nach dem Tod

Oder wie materiell ist die Materie?

Was passiert mit unserem Körper, wenn wir sterben? Er zerfällt. Ob „Ich“ als Person mit meinem Gehirn zerfalle, wird allgemein angenommen. Aber das wäre nur der Fall, wenn mein Ich mit dem Gehirn identisch wäre. In dem Beitrag „Was passiert mit meiner Seele nach dem Tod“  wurde gezeigt, dass es in uns etwas gibt, was nicht Materie ist. Wenn wir nämlich miteinander sprechen, reden nicht zwei Gehirne, vergleichbar zwei Computern, miteinander, sondern Ich und Du. Aber die Computer, nämlich die Gehirne, zerfallen. Bekommt dann unsere Person einen neuen Körper? Wenn Ja, wie kann man sich das vorstellen. Gibt es in der anderen Welt denn Materie? Das scheint doch sehr fraglich.

Foto: Eckhard Bieger Der Bildhauer überlebt nicht nur in seinem Werk

Foto: Eckhard Bieger
Der Bildhauer überlebt nicht nur in seinem Werk

Welche Chance für einen neuen Leib
Wenn wir nach unserem Augenschein urteilen, dann ist der Körper verwest. Die Geistseele mag Platz in der anderen Welt des Himmels finden. So hatten die Griechen es sich vorgestellt. Die Seele verliert den Ballast des Materiellen und ist frei für die reine Anschauung. Das widerspricht aber der Verfassung der Person. Denn das Ich ist mit dem Leib verbunden, das Du ist nur anzutreffen, wo der Leib ist. Kann das nicht im Himmel auch so sein? Folgen wir unserem Körpergefühl, dann halten wir das nicht für möglich, mit dem Tod scheint alles aus zu sein. Jedoch können wir unseren Blick über das Körpergefühl hinaus weiten. Gerade die Naturwissenschaften, die oft als Argument gegen die Existenz einer Seele und ein Weiterleben nach dem Tod angeführt werden, zeigen, dass die Materie ganz anders konstruiert ist als es unser Augenschein uns meldet. Vor allem die Quantenphysik zeigt uns, dass die Materie gar nicht so ist, wie wir sie spontan wahrnehmen. Harald Lesch und Josef M. Gaßner haben in „Urknall, Weltall und das Leben“  die Erkenntnisse der Physik in allgemeinverständlicher Sprache dargestellt. Was sie aus der Forschung berichten, stellt dann unsere Vorstellungswelt auf den Kopf. Sie sieht das Nichts, in dem es gar nichts mehr gibt, anders. Sie sieht den Kosmos aus dem Nichts entstanden. Erst mit der Materie gibt es auch die Zeit. Aber die Materie ist nicht materiell, sondern eigentlich nur Energie. Also alles, was uns mit unserer Wahrnehmung selbstverständlich erscheint, ist anders, wenn man an den Beginn des Universums geht.

Die Zeit gibt es nur, wenn es Abläufe gibt
Weil wir uns die Zeit immer wie automatisch mit vorstellen, können wir uns nicht etwas ausmalen, was zeitlos vor der Zeit war. Aber das gibt es. Die Materie ist aus etwas entstanden, was unterhalb der beobachtbaren Materie liegt und von den Physikern Quantenfluktuation genannt wird. Sie vergleichen das mit einem Meer, das leicht gekräuselt ist. In dieser Quantenfluktuation gibt es keine Zeit. Denn erst wenn Materie entsteht, also Sterne, die sich verändern, in denen physikalische Prozesse ablaufen, und die, weil sie voneinander zu fliehen scheinen, zur ständigen Ausdehnung des Kosmos führen, entsteht Zeit. Wenn sich nichts verändert, gibt es keine Zeit, auch wenn wir uns die Quantenfluktuation nicht ohne zeitlichen Ablauf vorstellen können. Aus dieser Welt, die für keines unserer Messgeräte zugänglich ist, entstand durch eine Energieeruption das riesige Weltall. Aber das war erst einmal nur Energie. Wenn wir aber von unserem Körper reden, dann existiert er in einem riesigen Weltall mit vielen andere Körpern, Sternen, Planeten, Gaswolken, Meteoriten. Die sind aber erst nach der Energieeruption, dem Urknall auf besondere Weise entstanden.

Materie besteht nicht aus Materie
Dieser Satz steht auf S. 62 des Buches. Er besagt, dass es eigentlich nur Energie gibt. Energie ist aber nicht das, was uns Widerstand entgegenstellt. Die Energie des Sonnenlichts, Wärme, die elektromagnetischen Wellen, über die unser Smartphone seine Informationen erhält, u.a. umgeben uns, sind aber etwas anderes als ein Fels, der uns abprallen lässt. Wenn unser Körper auf eine Wand zuläuft, dann kann er nicht durch die Wand hindurchgehen. Was macht aber aus Energie Materie, die widerständig ist? Es gibt etwas, in dem sich die Energie vorfindet und was der Energie Widerstandskraft, also Masse verleiht. Dieses wird Higgs-Feld genannt. Es füllt den ganzen Kosmos aus und macht aus Energie erst Materie. Um dieses Higgsfeld empirisch zu verifizieren, wurden im Genfer CERN riesige Anlagen installiert, damit Elementarteilchen mit hoher Energie aufeinanderprallen. Die Forscher konnten diese Teilchen nachweisen. Anders als die frühere Atomphysik sich den Atomkern und die ihn umkreisenden Elektronen als kleinste Materieteilchen sich vorstellten, geht man heute davon aus, dass diese Elementarteilchen, die sich noch einmal aus Quarks u.a. zusammensetzen, nur Energie sind. Sie erhalten Materieeigenschaften sozusagen von außen, durch das sie umgebende Higgsfeld. Dass wir einen Körper haben, beruht auf dem Higgsfeld.

In einer anderen Welt kann es eine andere Körperlichkeit geben
Wenn also Materie eigentlich nur entsteht, wenn Energie in ein Higgsfeld gerät, dann gibt es unsere jetzige Körperlichkeit nur in einem Umfeld, in dem ein Higgsfeld wirkt. Woher dieses Feld kommt und warum es zu unserem Kosmos gehört, kann die Physik nicht sagen. Sie kann es nur unter hohem Aufwand messen. Auch die Zeit gibt es nur, wenn sich Materie verändert. Es kann also neben unserer Welt eine andere liegen, in der kein Higgsfeld wirkt und keine Veränderungen der Materie geschehen. Dann gibt es dort keine Zeit und dann haben wir auch nicht den Körper, den wir in diesem Kosmos hatten.

Aber ist die Person nicht doch viel flüchtiger als Materie?
Wurde Materie oben sehr skizzenhaft als etwas nicht so Festes und Dauerhaftes dargestellt, haben wir mit unserem Sinnesapparat eine ganz andere Erfahrung. Materie ist trotz Quantenphysik etwas, das uns überdauert. Der Berg, auf den wir blicken, wird noch stehen, wenn wir längst verwest sind. Liest man aber in dem Buch von Lesch und Gaßner, dann verschwindet Materie so schnell, wie sie aus der Quantenfluktuation hervorgegangen ist, einfach weil es nicht nur Teilchen, sondern auch Antiteilchen gibt. Positive und negative Energie heben sich gegenseitig wieder auf. Die Autoren erklären auf den Seiten 47-58 und 87f, dass die Entstehung unseres Kosmos eigentlich eher ein Zufall war, weil sich die Energien gegenseitig aufheben. Es musste sehr viel Energie aus der Quantenfluktuation hervorbrechen, damit überhaupt Energie übrig bleib.  So ist von dem Urknall, dem sich unser Universum verdankt, nur wenig übrig geblieben, auf S. 91 nennen die Autoren eine Zahl von einem unter 1 Milliarde Teilchen, die nicht wieder verschluckt wurden.  Deshalb ist der riesengroße Kosmos auch fast leer. Weil um die Erde kaum Materie schwebt, können wir überhaupt die vielen Sterne und Milchstraßen sehen. Dieses Universum steuert zudem auf einen Energietod zu. Hat man die ersten 100 Seiten des Buches gelesen hat, verliert unser Lebensraum den Eindruck des Stabilen. Erscheint schon unsere eigene Existenz als Folge wechselhafter Zustände, so hat auch der Kosmos den Charakter von einer die Zeit überdauernden Ordnung verloren. Denn die Sterne sind keine festen Gebilde, sie dehnen sich aus, explodieren oder verschwinden in Schwarzen Löchern.
Wir empfinden uns selbst als noch fragiler. Aber könnte nicht unser Personkern etwas Dauerhaftes, Unzerstörbares haben, wenn die Materie nur flüchtige Energie ist, die sich noch gegenseitig verschluckt und wo ganze Sternhaufen in Schwarzen Löchern verschwinden. Die Unzerstörbarkeit unserer Person war die Idee Platons. Er sah den inneren Kern des Menschen nicht teilbar, so dass die Seele nicht wie unser Körper zerfallen kann. Man kann diesen Gedanken weiter verfolgen. Wir empfinden uns als mit uns identisch, etwas, was ein Stein nie kann. Denn er besteht aus Kristallen. Auch wenn diese fest aneinander gebunden sind, sie können ohne Problem getrennt werden. Anders als z.B. unser Fuß. Wird er vom Körper getrennt kann er nicht weiter existieren. Damit stoßen wir auf uralte Intuitionen der Menschheit

Reliquien und Totenkult
Wenn schon die Frühmenschen ihre Toten mit einem Ritus bestattet haben, werden sie durch die Quantenphysik und die Erkenntnisse zum Urknall eigentlich rehabilitiert. Das Geistige könnte sich im Vergleich mit dem Körper als dauerhafter erweisen. Auch der in Misskredit geratene Reliquienkult könnte durch die Erkenntnisse der Physik wieder als menschliche Reaktion auf die Nichtigkeit des Materiellen gesehen werden. Reliquien, das, was Heilige zurückgelassen haben, hat ja nur deshalb Bedeutung, weil es in Beziehung zu der Person bleibt, die als heilig im Himmel gesehen wird. Wenn diese bei der Auferstehung der Toten ihre Leiblichkeit vollständig zurückgewinnt, wird das, was von ihnen körperlich zurückgeblieben ist, wieder vom Geistigen angezogen. Die Physik bestätigt diese Vorstellung gerade nicht, aber sie lässt uns die Materie als so fragil erkennen, dass der Vorrang des Geistigen, der den Reliquienkult inspiriert hat, nicht mehr so abwegig erscheint. Denn diesen Kult trägt die Intuition, dass das Geistige das Bleibende ist und die Materie dem Vergehen geweiht ist.

Christentum – Rehabilitation des Materiellen
Als das Christentum mit Paulus und anderen Missionaren in den hellenistischen Kulturraum gelangte, wurde es mit einer Missachtung allen Materiellen konfrontiert. Es ging in dem damals herrschenden Mittelplatonismus um die Seele. Diesem schien die Seele wegen ihrer Bindung an den Körper in ihrem Erkenntnisvermögen geschwächt. Sie sieht nur Schatten. Der Geist muss sich vom Materiellen befreien um zur Anschauung des Absoluten, des einen Gottes zu gelangen. Diese Weltsicht konnten die Christen nicht übernehmen. Sie hätten den Kreuzestod ihres Erlösers zu einer Farce gemacht. Ihre Botschaft ist die leibliche Auferstehung ihres Erlösers. Wie dieser Auferstehungsleib vorstellbar ist, dafür hat die Physik des 20. Jahrhunderts  viele Möglichkeiten eröffnet. Wie schon für die Urmenschen und dann für jede Generation bleibt die Herausforderung, den Menschen von seinem geistigen Prinzip her zu verstehen. Der leibliche Tod stellt das immer infrage. Dass der Vorrang des Geistigen nicht das Körperliche zum Verschwinden bringt, dafür eröffnen die Erkenntnisse der Naturwissenschaften neue Räume.  Wenn Gott als Schöpfer anerkannt wird, dann ist es leicht zu erklären, dass der Mensch vor allem ein geistiges Wesen ist. Darüber können die Naturwissenschaften keine Aussage machen. Wir können nur von unserer Geistigkeit, vor allem von unserem Bewusstsein der Identität unserer Person ausgehen. Dieses Geistige auf Materie zurückzuführen, ist ein Trugschluss. Dann wären unsere Gehirne nur biologische Computer, die miteinander Daten austauschen, es gäbe kein Ich und kein Du.

Eckhard Bieger S.J.

Literaturhinweis: Harald Lesch, Josef M. Gaßner, Urknall, Weltall und das Leben; Vom Nichts bis heute Morgen, zweite Auflage, Verlag Komplett-Media, München 2014, 407 S.

Ein Gedanke zu “Leibhaftig nach dem Tod

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