Ich bin die Kultur

Der Selfie-Stick gehört mittlerweile für Smartphone-Besitzer zur üblichen Ausstattung. Da sieht man Menschen, die ein berühmtes Gebäude, ein Kunstwerk o. ä. fotografieren und dies nicht etwa tun, um die Erinnerung an gerade dieses Werk der Kultur festzuhalten, sondern um sich vor diesem Kulturgut als Bild festzuhalten, das man dann gleich auf Facebook posten oder beim nächsten Treffen mit seinen Freunden auf seinem Smartphone präsentieren kann. Vor allem bei jüngeren Menschen lässt sich beobachten, dass sie sofort eine lächelnde Pose einnehmen, wenn jemand ein Foto schießen will. Hauptsache, ich mache eine gute Figur und das Foto von mir ist vorzeigbar.

Foto: Syda Productions – fotolia.com

Kultur ist anders

Um sich Gebäuden, Kunstwerken oder einem Denkmal zu nähern, reicht ein Foto nicht. Als Beobachter solcher Fotoorgien an bedeutenden Plätzen der Kultur wünscht man sich, dass die Monarchie wieder eingeführt wird, in der der König beschließen kann, dass ohne Grund einfach etwas verboten oder geboten wird, weil er es so für richtig hält. Und eigentlich möchte man manche Banausen gleich des Ortes verweisen. Wenn IS-Truppen Kulturgüter zerstören, dann ist offensichtlich, dass sie damit den Ausdruck oder den imaginären Mittelpunkt eines Volkes, einer Gruppe oder Religionsgemeinschaft treffen wollen. Die Entrüstung über solche Taten ist groß. Inwieweit vielen Menschen jedoch die zerstörten Kulturgüter nahe und erschließbar sind, das ist eine ebenso wichtige Frage. Und möglicherweise überbewerten IS und andere fundamentalistische Gruppen die Bedeutung von Kulturgütern im Bewusstsein heute lebender Zeitgenossen.

Ein Foto bildet ab

Der Vorwurf, der schnell gegen kritische Einlassungen über dieses Selfie-Fotografieren erhoben wird, ist, dass solche Meinungsäußerungen kulturpessimistisch seien. Die Vertreter solcher Ansichten seien von Vorgestern und hätten nicht verstanden, dass die Zeiten sich geändert hätten. Andere stimmen grundsätzlich zu, wollen jedoch nicht alles regeln und vertrauen darauf, dass sich solche Unarten mit der Zeit verlieren. Die Thematik dürfte mit solchen Diskussionen kaum ausreichend erfasst sein. Elias Canetti formulierte das Bonmot: Die Fotografie ist die Zerstörung des Ebenbildes. Und Canetti hat damit einen deutlichen Unterschied benannt zwischen dem, was abgebildet werden kann und dem, was als Abbild wesentlich ist. Ein Foto ist nicht das Abgebildete, sondern der als Bild festgehaltene subjektive Eindruck. Es ist also nicht der subjektive Eindruck selbst. Der lässt sich nämlich nicht auf einen bestimmten Augenblick reduzieren.

Der Eindruck bin ich

Wenn das Foto letztendlich gar nicht wiedergeben kann, was ich sehe, dann verliert das Foto den Bezug zu meinen Erfahrungen. Was ich fotografiert habe, hat keinen offensichtlichen Bezug zu mir. Kann ich mich jedoch auf diesem Foto auch sehen, dann nehme ich ja wahr, dass das Abgebildete und ich in einer Beziehung stehen. Auf diese Art und Weise habe ich zwar nicht den Wert einer Statue von Michelangelo beispielsweise erfasst, doch ich konnte mich in eine Kulturwelt hineinnehmen und Teil von ihr werden. Der subjektive Eindruck allerdings hat damit seine Vielfältigkeit verloren und lediglich den Bezug zu mir. Ich bin der Eindruck auf einem Hintergrund, den ich eigentlich nicht kenne und der mich als solcher auch nicht interessiert.

Singularität führt zur Simplifizierung

Selfies sind somit ein Hinweis darauf, dass Kohärenzen allein durch die Inszenierung des Ichs erzeugt oder wahrgenommen werden. Die Interpretationsmuster sind folglich auch dadurch gekennzeichnet, dass dem Ich das Kunstwerk gefällt, es muss zu mir passen, einen schönen Hintergrund bilden für das Ich als Deutungsfokus auf das Kulturobjekt. Die Bezüge, die zur Geschichte, zu anderen Künstlern, zur Kultur usw. bestehen, werden nivelliert. Hauptbezugspunkt ist das Ich. Geht man davon aus, dass Menschen auch durch die sie umgebende Kultur und die Kulturgüter geprägt werden, dann ist die Singularität in den Bezügen nicht nur eine Simplifizierung kultureller Werte, sondern auch eine Verarmung des psychischen Erlebens. Das bekannte Ich wird in das Kulturgut hineinprojiziert und verhindert, dass über die Schwierigkeit des manchmal mühsamen Herstellens von Bezügen, die innere Welt angeregt und bereichert wird. ‚Ich bin die Kultur‘ wird zur Prämisse erhoben und das Werden des Ichs in der Begegnung mit Kunst und Kultur wird mit dem ‚ich war da‘ verwechselt.

Thomas Holtbernd

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s