Verführen lassen

Foto: dpa / picture-alliance

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Bei Worten wie Verführung denkt man gleich an Erotik, an Anrüchiges, an Verbotenes. Verführung ist mit Lust verbunden, der man nicht widerstehen kann. Willenlos gibt der Verführte dem Verlangen nach. Und wie Forscher herausfanden, ist das sehr gesund und stärkt das Selbstbewusstsein.

So überraschend ein solches Ergebnis ist, so leicht lässt sich doch erschließen, wie dieser Zusammenhang zu erklären ist. Ein Mensch, der verführt wird, kann in der Gewissheit leben, dass er es gar nicht war, der diese oder jene Handlung bewusst und intentional vollzogen hat. Ohne ein Schuldgefühl mag er vielleicht einen schalen Geschmack im Mund haben, doch verliert er nicht seine positive Haltung seiner Kontrollfähigkeit gegenüber. Die Tat war nicht das Ergebnis einer schlechten Planung oder Organisation, es war halt „nur“ der Verführer, die Verführerin oder wie manche sagen mögen der Teufel.

Seliger Teufel
So schlecht war also die Vorstellung von einem Teufel gar nicht. Die Schuld liegt bei dieser Schlange. Die Verführung lässt sich genießen und wenn einer fragt, warum man sich so verhalten hat, dann fällt die Antwort leicht. Vielleicht zweifelt man ein wenig an seiner Willensschwäche, doch die kann man beweisen, wenn der Satan mal gerade nicht sein Unwesen treibt. Der Genuss als solcher wird nicht mit Schuldgefühlen negativ aufgeladen.

Ein bisschen Freiheit
Viele Ernährungsbewusste oder Sportaktivisten haben genaue Pläne und Checklisten. Der Tag und das Tun sind strikt geplant. Abends ist zufrieden, wer seine Vorsätze eingehalten hat. Ganz aufgeklärte Planer wissen, dass auch Freiheiten notwendig sind. Folglich gibt es ein Zeitfenster für spontane Aktivitäten oder „kleine Sünden“. Gegen Verführungen macht man sich immun, denn die bringen das ganze System durcheinander und würden nur beweisen, wie schlecht die Welt ist. Freiheit wird verstanden als Zugeständnis kleiner Freiheiten. Die Freiheit, sich mit Haut und Haaren verführen zu lassen, ist gleichbedeutend mit dem Untergang.

Genuss
Die Lust, ein starkes Verlangen oder die Begierde sind grenzenlos. Es geht darum, etwas ganz, es unbedingt zu wollen. Dabei ist es nicht die Menge – die kann es auch sein -, es ist die Qualität der Aneignung. Der letzte Krümel will gegessen werden. Mit einem vernünftigen oder geplanten Tun kann eine solche Erfahrung nicht gemacht werden. Ist es nicht geplant, dann muss vom Gegenüber oder dem verführerischen Apfel eine große Macht ausgehen, die die Planung über den Haufen wirft. Der Genuss, die Lust stehen im Vordergrund.

Fundamentalisten
Die vorherrschende Haltung, dass geplant und organisiert werden muss, dass Verführungen in jedem Fall schlecht sind, wirkt sich möglicherweise auch auf Religionen aus. Religion wird zu einer rationalen Entscheidung, Kirchenleute entwickeln Marketingstrategien, verwässern den Glauben und bieten kleine Häppchen Religion an, die nach irgendetwas schmecken, aber nicht zum Ganzen verführen. Die Sehnsucht der Menschen bleibt und es könnte sein, dass die Verführung gewaltsam herbeigebombt wird, um das Gefühl haben zu können, von Gott zum Leben verführt worden zu sein. Die Lösung dieser Konflikte liegt daher nicht so sehr darin, die Gewalt einzudämmen, sondern das Verführerische in den modernen Gesellschaften wieder zu beleben. Die Menschen werden weniger dazu angehalten, Gesetze und Ordnungen einzuhalten, sondern sich frei für Verführungen zu machen und sich hinzugeben.

Thomas Holtbernd

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