Was passiert an Ostern mit dem Bösen?

Es amputiert sich selbst, aber überlässt anderen die Verarbeitung der Folgen

An Ostern wird den Gläubigen versprochen, dass das Böse überwunden worden ist. Aber der Kampf ist nicht ausgestanden. Früher war man sich dessen sogar mehr bewusst. In mittelalterlichen Kirchen wird das Böse als gefährlicher Drache symbolisiert, um, wie auf der Darstellung aus dem Halberstädter Dom, mit dem Schwert besiegt zu werden. Aber hat Jesus nicht gerade im Akzeptieren seiner Verurteilung das Böse besiegt. Der Tod, den die Bibel als Folge des Ungehorsams der Ureltern erklärt, wird durch den Tod des Gottessohnes überwunden. Tod, wo ist  dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg. Was passiert mit dem Bösen nach Ostern?

Das Böse                                                                  Foto: E.Bieger, Dom von Halberstadt

Das Böse dominiert
Es bleibt wirksam, indem es menschliches Leben zu vernichten droht – ob im Bürgerkrieg oder indem ein Flugzeug gegen eine Felswand gesteuert wird. Das Böse macht reiche Beute. Von einem Sieg über das Böse kann man nicht sprechen. Mit seinem Gewaltpotential scheint es ungebremst zu wirken. Die Nachrichten von neuen Kämpfen und Gewaltakten überwiegen im Vergleich zu denen über Friedensbemühungen. Selten erfährt man etwas in den Nachrichten vom Frieden, viel mehr dagegen über weitere Gewaltopfer. Die Gewaltakte kommen nicht zuletzt deshalb so häufig in den Nachrichten vor, weil sie uns Menschen, nicht die materielle Welt betreffen.

Das Böse ist böse gegen das Leben
Gäbe es nur Steine, Sand oder untergehende Sterne, das Böse könnte nichts ausrichten. Um böse sein zu können, muss es etwas vernichten können. Da im Weltall ständig Materie verglüht, Sterne explodieren, Materie von Schwarzen Löchern aufgesaugt wird, ist Materie nicht anfällig für Gewalt. Erst wenn es so etwas Fragiles wie das Lebendige gibt, kann das Böse überhaupt wirksam werden. Aber nicht alles, was das Leben beeinträchtigt, ist böse. Wenn die Verschiebung von Erdplatten einen Tsunami auslöst, ist das nicht böse. Erst wenn Häuser und Fabriken zu nahe an gefährliche Stellen gebaut werden, dann ist der Mensch beteiligt. Das galt bereits für die Erklärung der Toten beim Erdbeben von Lissabon 1755: die Häuser waren zu nahe am Wasser gebaut. Das gilt auch für den Tsunami, der das Atomkraftwerk Fukushima beschädigt hat. Es sind Naturkräfte, die auf vom Menschen Gemachtes treffen. Diese Naturkräfte können wir nicht als „böse“ bezeichnen, denn sie legen es nicht darauf an, dem Menschen zu schaden. Denn das Böse braucht nicht nur das Potential, Schaden anrichten zu können, es braucht die Zielsetzung, Lebendiges zu beschädigen oder sogar zu vernichten.

Das Böse ist nicht anonym
Auch wenn wir ein „Das“ vor das Böse schreiben, es ist weder die Materie noch die Mentalität eines Drachen, sondern die bewusste Absicht, andere zu schädigen. Ich muss ein Individuum treffen. Ich kann einen Felsbrocken zerstören, aber ihn damit nicht schädigen, allenfalls seinen Besitzer. Es wird zwar argumentiert, dass Strukturen deshalb „böse“ sein können, weil sie menschliches Leben beeinträchtigen. Aber erst wenn dahinter ein Bewusstsein identifiziert werden kann, das Schaden zufügen will, kann man von Bösem sprechen. Wenn also das Böse überwunden werden soll, dann kommt Freiheit ins Spiel. Denn damit eine Handlung böse sein kann, muss sie gewollt sein und somit auch nicht ausgeführt werden können. Daraus ergibt sich eine logische Folgerung: je mehr Menschen die Erde bevölkern, desto mehr Freiheiten. Diese sind immer mit dem Risiko verbunden sind, anderen zu schaden. es ist also nicht verwunderlich, dass die Gewalttaten mit dem schnellen Wachstum der Menschheit zunehmen. Wenn es aber um Freiheit geht, dann sind dem Handeln Gottes Grenzen gesetzt. Aber auch dem Bösen?

Die Getöteten sind kein Vorteil für die Menschheit
Wie praktisch alle Gewalthandlungen gehen auch die Täter, ob Massaker oder herbeigeführte Flugzeugkatastrophe, davon aus, dass die Welt für die, die übrig bleiben, eher bessere Bedingungen bieten wird als eine mit diesen Menschen. Diese These beanspruchten die deutschen Nationalsozialisten, um die Judenvernichtung in Gang zu setzen, nach dem Motto: Den Deutschen wird es besser gehen, wenn die Juden getötet sind. Kann ein solches Versprechen zutreffen? In einem kurzfristigen Denken auch nur auf den ersten Blick, denn es wird viel Potential vernichtet, was den anderen fehlt. Der Beitrag der Juden zur Wissenschaft, der Kunst, der Entwicklung des Banksektors und damit der Industrialisierung zeigt das. Eine politische oder religiöse Herrschaft, die sich über Gewalt aufbauen will, wird sich immer selbst amputieren. Diese Einsicht verschärft sich noch, wenn man mit einem Leben nach dem Tod rechnet. Dann müssen ja gerade die Gewaltopfer zu den Geretteten gehören.  Wir Menschen gehen deshalb davon aus, dass die Gewalttätigen vom Himmel ausgeschlossen sind. Ob Gott das wirklich will, können wir nicht voraussetzen.

Je mehr Böses, desto mehr Versöhnungsarbeit
Gott wird niemanden ausschließen, der dazu gehören will. Aber was ist dann mit den Gewalttaten. Wenn Gewalttäter und Gewaltopfer einmal zusammen leben sollen, dann ist Versöhnung unerlässlich, ja die Voraussetzung für ein Leben nach dem Tod. Vielleicht deshalb berichtet das Johannesevangelium von dem Mandat der Sündenvergebung, das Jesus den Aposteln am Abend des Auferstehungstages übergeben hat: „Wem ihr die Sünden nachlasst, dem sind sie nachgelassen.“ Es ist deutlich, warum Jesu Gang auf den Hinrichtungsort Golgatha Versöhnung zum Hauptthema hatte. Das Böse selbst zerläuft ins Leere, aber wenn Gott das Böse überwinden will, muss er die Menschen davon überzeugen, dass jeder dazugehört. Und er muss ein großes Werk der Versöhnung in Gang setzen. Denn das Böse kann nicht mit Gewalt besiegt werden, sonst würden ja nur neue Opfer produziert werden.

Eckhard Bieger S.J.

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