Moderne Romantik des Antimodernen: J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“

Tolkien war traditioneller Katholik, Soldat im Ersten Weltkrieg, Skeptiker der Moderne und Professor für alte Sprachen. All diese Überzeugungen, Prägungen und Einflüsse sind wichtig, will man die Bücher und Filme der „Der Herr der Ringe“ Trilogie verstehen. Auch zeigt sich so, was die Faszination von Tolkiens Werken ausmacht.

Foto: dpa / picture-alliance

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Keine direkte Allegorie

„I dislike allegory whenever I smell it“ – Ich mag keine Allegorie, wo auch immer ich sie rieche. So Tolkiens Antwort in einem Interview mit der BBC, ob „Der Herr der Ringe“ allegorisch zu verstehen sei. Eine direkte Allegorie, in der unsere Welt im übertragenen Sinn dargestellt wird, sowie zum Beispiel der Löwe „Aslan“ in C.S. Lewis‘ „Die Chroniken von Narnia“, für „Christus“ steht, wollte Tolkien nicht schaffen. Tolkiens Werke sind beeinflusst von dessen Lebenserfahrungen, wollen aber nicht eine Art Gleichnis für unsere Welt sein, sondern eine eigene Geschichte erzählen. Aber wir können die Überzeugungen herausarbeiten.

Der Einfluss des Katholizismus

Tolkiens Mutter konvertierte nach dem Tod ihres Mannes zum Katholizismus. Als sie 1904 starb, war J.R.R. Tolkien 12 Jahre alt. Der englische Priester Francis Xavier Morgan wurde sein Vormund. Tolkiens katholische Prägung kann man wohl sehen, wenn in den Büchern und im Film der Kampf des Guten gegen das Böse geschildert wird, war die damalige Theologe doch recht dualistisch geprägt. Eine Analogie zum ewigen Leben ist die Fahrt zu den „Grauen Anfurten“, den unsterblichen Landen. Die Elben, die sehr an klassische Engeldarstellungen erinnern, sind unsterblich und segeln dorthin. Das Böse ist geprägt durch die Verführung zu Macht und Gier. Die Ringe sind die Werkzeuge des Bösen. Es nutzt besonders die Schwäche des Menschen, um ihn auf die dunkle Seite zu ziehen:

„Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,
Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.
Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.“

Dennoch ist das Gute auch in der Welt: „Es gibt etwas Gutes in dieser Welt, Herr Frodo und dafür lohnt es sich zu kämpfen“ – ist nicht umsonst ein wichtiger Satz im Film.

Die Macht der Freundschaft und der Liebe besiegt im „Der Herr der Ringe“ jede scheinbare Allmacht der Dunkelheit: „Und die Gemeinschaft des Ringes, obgleich ewig verbunden in Liebe und Freundschaft, löste sich auf. Genau vor 13 Monaten hatte uns Gandalf auf unsere lange Reise geschickt. Nun bot sich uns ein vertrauter Anblick. Wir waren zu Hause!“

Antimoderne Romantik

Zuhause, Heimat, das macht auch „Der Herr der Ringe“ aus, besonders deren Bedrohung durch Krieg und Veränderungen. Die Moderne zeichnet sich ja eben dadurch aus, dass sie eine Art Erneuerung durch Zerstörung des Alten hervorbringt. In „Der Herr der Ringe“ ist das von den „Halblingen“ bewohnte „Auenland“ eine Analogie aller vormodernen Romantik. Dort gelten traditionelle Werte und Tugenden, man schätzt das Beständige, Wandel lehnt man meist ab. So heißt es im Film treffend über das „Auenland“: „Und so geht das Leben im Auenland weiter, ziemlich genauso wie im vergangenen Zeitalter. Es herrscht das übliche Kommen und Gehen und Veränderungen finden nur langsam statt, wenn überhaupt. Denn im Auenland schätzt man Dinge, die von Dauer sind. Sie werden von einer Generation an die nächste weitergereicht. Schon immer hat ein Beutlin hier unter dem Berg gelebt, in Beutelsend. Und so wird es auch immer bleiben.“ Das Auenland, eine ländliche Idylle, bewohnt von Bauern und Handwerkern, ist in „Der Herr der Ringe“ gleichsam der Gegenentwurf zu dem dunklen Land „Mordor“ im Osten, in dem in einer Art vorindustrieller Massenproduktion Armeen aufgestellt werden, die später das Auenland bedrohen.

Diese Sehnsucht nach der heilen Welt, für die das antimoderne Auenland steht, macht wohl einen großen Reiz in „Der Herr der Ringe“ aus. Die Vorstellung einer beständigen Heimat, die gegen alle zerstörerischen Veränderungen Geborgenheit schenkt, ein sicherer Zufluchtsort gegen alle Bosheit und Enttäuschungen des Lebens, all das erfüllt das Auenland in Mittelerde. Die magisch verzauberte Welt in „Der Herr der Ringe“, verbunden mit religiösen Hoffnungsmotiven, wird zum Gegenentwurf zur Fortschrittsgläubigkeit. Auenlandschaften statt Autobahnen, Geborgenheit statt Veränderung, Getragensein von guten Mächten, statt dem Ausgeliefertsein an ein kaltes, gleichgültiges Universum. Im Märchen paaren sich so Religion und Antimodernismus zu einer Flucht in die Phantasie. Nicht umsonst spricht man vom Genre „Fantasy“.

Die Sehnsucht braucht einen Ort, wo sie leben kann. Die Welt in „Der Herr der Ringe“, Mittelerde, ist ein solcher Ort.

Josef Jung

2 Gedanken zu “Moderne Romantik des Antimodernen: J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“

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