Nicht von dieser Welt

Die Morgensonne bricht ihr Licht in den Scheiben, Farben erleuchten den Raum, nur wenige Menschen sind zu dieser frühen Stunde an diesem Ort. Es herrscht eine angenehme Ruhe und der Blick gleitet nach vorne, doch er wird durch die Säulen und das Licht nach oben gelenkt. Ich fühle mich enthoben in einen Himmel, ich bin für genau einen solchen Augen-Blick nicht von dieser Welt, meine Seele ist hinaufgestiegen. Ich senke meinen Blick, spüre diesem gerade erlebten Gefühl noch ein wenig nach, drehe mich um und verlasse den Kölner Dom.

Dom in Köln

Foto: dpa / picture-alliance

Eine solche Erfahrung ist nicht nur typisch für den Kölner Dom, in den meisten gotischen Kathedralen kann man solche Erlebnisse machen. Es gibt auch bestimmte Wälder, die ebenso wie eine gotische Kathedrale wirken. Manche Felsformation erinnert an eine Kathedrale. Es ließen sich die theologischen Hintergründe für diese Architektur erklären, doch zunächst einmal ist diese Erfahrung vorhanden, dass der Blick nach oben genommen wird und das Gefühl des Hinaufgenommenseins entsteht. Dieser Moment der Versenkung nach oben hat etwas Unwirkliches.

Realistisch bleiben

Die Erfahrung im Kölner Dom oder vergleichbaren Orten bringt eine Leichtigkeit mit sich. Den Boden der Tatsachen zu verlassen, befreit von der Schwere des Alltags. Draußen schreit die Realität, sie verlangt ihre Anerkennung. Und ist man vor den Türen, so wird man vom Trubel, vom Lärm erfasst und die Sinne sind verstopft. Man stellt sich die Frage, ob Realität nichts anderes ist als die Stumpfheit der Wahrnehmungsorgane? Es wird für Wirklichkeit gehalten, was eigentlich das Produkt einer Unaufmerksamkeit ist.

Abgehobener Blick auf die Realität

Ein Objekt lässt sich aus verschiedenen Perspektiven anschauen. Dabei können neue und andere Eindrücke von diesem Objekt gemacht werden. Um anderen solche Perspektiven zu eröffnen, kann man sie an die Hand und sie mit zu dem Ort nehmen, wo sie die gleiche Blickrichtung haben. Schwierig wird es jedoch dann, wenn nicht die Perspektive als Orientierung im Raum genommen wird, sondern die Befindlichkeit oder Stimmung, mit der man auf das Objekt schaut. Hier muss man auf Erklärungen, Beschreibungen zurückgreifen, man muss erzählen, was man innerlich fühlt und wie man das Objekt anschaut. Das verlangt Offenheit, denn intuitiv ist jedem klar, dass ein solcher Perspektivenwechsel mehr ist als eine Ortsveränderung. Der Verortung des Geistes im eigenen Leben und Weltbild wird verändert. Die üblichen Kriterien für Realität gelten nicht, man hebt ab.

Sehnsucht nach dem Leichten

Mit oben verbinden wir Himmel, wir denken an Vögel, die sich von der Thermik treiben lassen, das Fliegen erinnert an Freiheit. Von oben wie ein Vogel zu schauen, bedeutet, den Überblick zu haben, den Feinden enthoben zu sein. Oben steht für leicht und unten für schwer. Indem der Blick nach oben geht und die Gedanken sich oben verankern, steht man zwar immer noch auf dem Boden, doch gleichzeitig nimmt man die Perspektive von oben ein und eine Empfindung von Leichtigkeit stellt sich ein. Etwas Unrealistisches ist spürbar geworden und die Naturgesetze scheinen nicht zu gelten. Und mancher hat im Ohr: „Oh Augenblick verweile doch, du bist so schön.“

Thomas Holtbernd

Foto: dpa / picture-alliance

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