Kar- und Ostertage: Notwendige Erinnerungsarbeit

Ist geschehen, was geschieht? Wenn etwas geschieht, dann ist es irgendwann vorbei. Wenn es vorbei ist, geschieht es dann nicht mehr? Kann überhaupt etwas ein Geschehen sein, was nur ein Geschehen im Augenblick ist? 

Foto: Eckhard Bieger

Foto: Eckhard Bieger

Die Tatsache, dass wir von einem Geschehen reden, beruht darauf, dass das Geschehen Auswirkungen hat. Entweder sind wir direkt betroffen oder wir haben etwas wahrgenommen und erzählen davon. Somit ist ein Geschehen nicht beendet, wenn es vorbei ist. Es gehört sogar wesentlich zum Geschehen, dass es weiter geschieht. Was jedoch weiter geschieht, ist schon mehr als das Geschehen selbst. Derjenige, der mitbekommt, dass gerade etwas geschieht, nimmt es subjektiv wahr und erzählt vom Geschehen das, was ihm wichtig und wesentlich erscheint. Wird diese Erzählung eines einzelnen wiederum weiter erzählt, dann kann es dazu kommen, dass die Erzählung so entfremdet ist, dass eigentlich gar nicht mehr das Geschehen erzählt wird. Wird dieses dann weiter erzählt, wird etwas für ein Geschehen gehalten, was so gar nicht existierte. Gab es dieses Geschehen dann vielleicht gar nicht?

Es geschah, was geschehen sollte

Im Rückblick ist es nicht mehr zu entscheiden, ob es das Geschehen gegeben hat. Etwas, was vergangen ist, wird nicht mehr erfahren, es kann nicht realiter abgeglichen werden. Auch wenn Historiker, Archäologen usw. Beweise für ein bestimmtes Geschehen vorweisen können, so lässt sich damit nur eine Wahrscheinlichkeit über bestimmte Aspekte des Geschehenen darlegen. Ein Zweifel am Geschehen bleibt immer, weil es nicht in der Gegenwart erlebt werden kann. Die Vorstellungen davon, dass man mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit fährt, zeigt, wie eng das Gedachte über das Geschehen mit dem Geschehen zusammenhängen. Wäre es möglich, in die Vergangenheit zurückzugehen, dann wäre dies ein Eingriff in das Geschehen. Das würde jedoch bewirken, dass die Ausgangsbasis, von der aus man in die Vergangenheit zurückging, nicht mehr so existiert, wie zum Zeitpunkt, als man von dort in die Vergangenheit zurückging. Umgekehrt bedeutet dies, damit ich eine sichere Position im Jetzt habe, werde ich an den Erzählungen von Geschehenem festhalten wollen.

Festhalten am Geschehenen bedeutet, dass nichts mehr geschieht

Würde die Erzählung von einem Geschehen jedoch nicht mehr verändert werden dürfen, dann hieße dies auch, dass nichts weiter geschehen könnte. Denn wenn etwas Neues geschieht, dann hat dies Auswirkungen auf die Erzählungen von früher Geschehenem. Dies bedeutet, dass eine Erzählung immer die Verbindung von mehreren Geschehen ist. Somit gibt es ein einzelnes Geschehen gar nicht. Wenn Christen glauben, dass Jesus gestorben ist, dann gibt es diesen Tod als solchen gar nicht, denn es ist ein Geschehen, von dem erzählt wurde und das durch neue Geschehnisse ein anderes Geschehen wurde. Der eigentliche Tod wäre es, die Erzählungen von diesem Geschehen auf den Punkt genau beibehalten zu wollen. Das, was geschehen ist, kann in seiner wahren Form nicht mehr festgestellt werden. Und da das Geschehen als solches gar nicht existieren kann, besteht im Erzählen das Geschehen. Dies ist jedoch keine Erinnerungsarbeit, sondern kreatives Verbinden mehrerer Geschehnisse, die alle gleichberechtigt sind. Die Suche nach einem Ursprung wäre die Auflösung des Geschehens.

Geschehen ist, was geschieht

Ein Geschehen ist also kein Punkt in der Vergangenheit. Es ist ein dynamischer Zustand sich anschließender Geschehnisse. Dabei kann ein einzelnes Geschehen gar nicht genau bestimmt werden. Die Orientierung an historischen Geschehnissen verhindert, dass die Geschehnisse nicht nur fiktive Erzählungen sind, sondern auch mit den Geschehnissen und dem dadurch bewirkten aktuellen Geschehen in Beziehung stehen. Jede Erzählung und jeder Erzähler verändert das Geschehen. Macht man das Geschehen zu einem Akt, der nicht berührt werden darf, gerät das Geschehen in Vergessenheit, es berührt nicht mehr, es initiiert nicht weitere Geschehnisse. Ein Geschehen wird demnach dadurch zum Geschehen, dass es weiter geschieht und nicht nur einmal geschehen ist.

© Thomas Holtbernd

Foto: Eckhard Bieger

Am Magdeburger Dom werden die Überlegungen von Thomas Holtbernd visualisiert. Maria Magdalena begegnet nicht nur dem Auferstandenen, sie soll es auch den Jüngern erzählen.

Ein Gedanke zu “Kar- und Ostertage: Notwendige Erinnerungsarbeit

  1. erinnernswert…
    das Geschehene wird algorhythmisiert: bewertet,sortiert, abgespeichert.
    Fatal ist es,wenn mit dem „Erinnerungswert“ manipuliert wird,zB. zur Rechtfertigung von „Deutungshoheit“.
    Erinnerungsarbeit mündet dann in Herrschaftswissen, Macht und Ohnmacht…

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