Den Gekreuzigten lieben, nicht das Kreuz

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Christus der König. Kreuz in der Abteikirche zu Königsmünster beim Wiederaufhängen am Karsamstag. Foto: Matthias Schmidt

Auf dem Weg der Nachfolge Christi muss man bereit sein, das Kreuz anzunehmen und Christus nachzuahmen. Muss man sich dafür selbst zerstören und aufopfern? Führt die Kreuzesnachfolge automatisch zu Heil und Ehre?

Man kann nur Güter wählen, aber Schwächen annehmen
Das Zentrum jeder christlichen Berufung zur Nachfolge ist die Liebe zu Christus und daher die Nachahmung Christi. Diese geschieht in der Annahme meines eigenen Kreuzes, das auch immer das Kreuz Christi ist. Im Kreuz Christi erkenne ich als Berufene/r meine Schwächen und Begrenzungen, mein eigenes Kreuz. Dadurch werden meine Wunden geheilt und die eigenen Grenzen geheiligt. Die Nachfolge hinein in diese Annahme der eigenen Schwächen, die ich als Heilsangebot Gottes erkenne, ist ausdrücklich keine Wahl von Negativa, – eine solche ist unter moralischer Rücksicht nicht erlaubt, denn wählen kann man nur zwischen bona (Güter) – , sondern die Wahl und Entscheidung, die eigenen Schwächen und Grenzen zu heiligen, indem ich in ihnen die Heilszusage Gottes annehme, darin Christus und den (anderen) Armen nahe bin und damit gewissermaßen prophetisch wirken und dienen kann.

Kreuzesnachfolge als Verzicht und Dienst
Stefan Kiechle versteht unter „Kreuz das freiwillige oder unfreiwillige, aktive oder passive, immer jedoch schmerzliche Verzichten auf Möglichkeiten der Erfüllung von Glück, Freude und Lebensentfaltung […]; dieser Verzicht wird im Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus und um der Förderung des Reiches Gottes willen angenommen.“ Unter Nachfolge versteht er eine „intensive Form der Christusbeziehung“, die „eine Lebensweise nach seinem Vorbild und eine Übergabe in einen konkreten Dienst, nach seinem Willen und aufgrund seiner Sendung“ einschließt. Aus diesen Begriffen ergibt sich dann die sogenannte „Kreuzesnachfolge“. (vgl. Kiechle, Stefan: „Schmerz mit dem schmerzerfüllten Christus“ : Zur Kreuzesnachfolge in der ignatianischen Spiritualität. In: Geist und Leben 69 (1996), 243-259)

Persönliche Nähe zu Christus

Christus nachfolgen schließt also immer Elemente eines solchen Kreuzes, also Verzicht auf Leben ein. Die so gelebte Nachfolge führt mit Christus zum Eintritt in die Herrlichkeit der

Auferstehung. Dafür braucht es eine ganz konkrete, personale Nähe zu Christus. Es geht also um eine „Kreuzesvorliebe“, also eine „Vor-Liebe“ zu Christus. Diese kann nicht etwa eine abstrakte Vorliebe für Gerechtigkeit oder ähnliches sein, denn es geht um eine konkrete Person.
Die Liebe zu Christus und zu seinem Weg in Armut kann nur eine konkrete sein, weil sie inkarnatorisch, fleischlich ist. Eine abstrakte Vorliebe für Werte wie Gerechtigkeit, Friede oder Nächstenliebe etwa wäre unkonkret und nicht fassbar. Sie verlöre den Bezug zum Kreuz Christi und schwebte im luftleeren Raum. Ich bin mit meinen Schwächen konkret Mensch und Sünder. Abstrakt kann ich mich zu Christus gar nicht verhalten. Eine Christusbeziehung ist entweder konkret oder sie ist gar nicht. Anderenfalls ist sie vergeistigt und abgehoben.

Mittvollziehen des Leidens
Ich muss mich daher immer wieder fragen, ob ich das Kreuz meide oder ob ich eben bereit bin, es anzunehmen, in solchen Situationen, wo es als mein Kreuz auf mich zukommt. In diesen Momenten kann ich nicht indifferent sein, sondern muss wählen. Die Annäherung an Jesu Leben ist nicht zu trennen von seinem Tod am Kreuz. Das Mitvollziehen von Jesu Leben und Sterben sind keine bloße Übung, sondern ein echter Weg, der in letzter Konsequenz zum Kreuz führt. Dabei soll ich nicht das Kreuz selbst lieben, sondern den Gekreuzigten. Mit ihm und von ihm soll ich lernen, mein eigenes Kreuz annehmen zu lernen und darin Heil zu finden, welches der Auferstandene schenkt:

„Eine voreilige Verliebtheit in das Kreuz, in die Schmach und den Tod wäre geistiger Masochismus oder eine schwere psychische Erkrankung, nein: Christus der Herr und die Göttliche Majestät stehen im Vordergrund, seine Schmach, sein Kreuz und sein Tod sind die Situation, in der ich ihm nahe sein möchte.“ (PRZYWARA, Erich: Der geistliche Weg der Exerzitien. Patristisches Zentrum Koinonia-Oriens e.V., 2002, 109f.)

In der Karwoche bleibt die Nachahmung Christi das Ziel. Die Kirche geht mit Christus den Weg, der mit seiner Menschwerdung begonnen hat, mit Christus nach ganz unten in den Schmerz, die Traurigkeit und die Dunkelheit. Diese bahnen nun den Weg zu Christus. Es geht dabei um ein existentielles Mitempfinden, nicht etwa um eine nachahmende Wiederholung des Kreuzestodes. Auch die Liebe zu einer Person, selbst zu Christus, darf keinesfalls bedeuten, dass ich mich ohne Rücksicht auf meine eigene Person in der Beziehung zu ihm völlig ihm angleiche und mich dafür selbst kaputtmache. Dies widerspräche dem Gebot der Selbstliebe.

Das Kreuz aus Sehnsucht bejahen
Es geht aber um die tiefe Sehnsucht, meinem Geliebten möglichst ganz nahe und für ihn da zu sein. Die Bejahung des Kreuzes, auch in der Betrachtung des Kreuzes, ist daher ein Ja zur Liebe Jesu und zu Jesus, nicht eine fehlgeleitete Bejahung der Selbstzerstörung. Allerdings ist das Kreuz nicht immer absolute Ohnmacht. Es gibt keine christliche Vorliebe für Selbstzerstörung. Eine abstrakte Vorliebe ist aber zu wenig. Zwischen diesen beiden Extrema, die weder wünschenswert noch wählbar sind, liegt die Liebe zur Person Jesu. Sie ist bereit, sich ganz zu verschenken und sich hinzugeben. „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Joh 15,13). So bleibt selbst ein recht verstandenes Martyrium um Christi willen trotz der offensichtlichen Todesbereitschaft stets lebensbejahend.

 Matthias Alexander Schmidt

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