Martyrium – nicht Todessehnsucht, sondern Lebensbejahung

Was macht ein wirkliches Martyrium aus? Darf ein Martyrer seinen Martyrertod um Christi willen wollen? Ist er dann noch ein Martyrer? Darf er sich Ruhm, Ehre und Herrlichkeit nach dem Tod erhoffen? Bewegt den Martyrer also eine Kreuzesvorliebe oder ist er „nur“ bereit, das Kreuz anzunehmen, wenn es auf ihn zukommt?

Christus der herrliche König - Kreuz in der Abteikirche zu Königsmünster in Meschede - Foto: Matthias Schmidt

Christus der herrliche König – Kreuz in der Abteikirche zu Königsmünster in Meschede – Foto: Matthias Schmidt

Christentum: Keine suizidale Grundstimmung

Der Wunsch, Christus nachzufolgen, beinhaltet die Bereitschaft, mit ihm sein Kreuz auf sich zu nehmen. Die Nachfolge Christi, die eindeutig mit dem Leiden, dem Kreuz und dem Tod Christi verbunden ist, darf jedoch niemals selbstzerstörerische Elemente beinhalten: „Die Jünger Jesu sind keine Legionäre, die Jesus in den Opfertod hinterher marschieren.“ (Mertes: Sein Leben hingeben, 70.) Das Christentum enthält keine selbstquälerische oder gar suizidale Grundstimmung, auch wenn es immer wieder um die Betrachtung des Lebens und Sterbens Jesu und die Annäherung an seine Person, auch im Leiden, geht.

Versuchung unter dem Schein des Guten

Ignatius von Loyola warnt in seinen Geistlichen Übungen immer wieder vor einer sogenannten „ungeordneten Kreuzesvorliebe“, die nur die eigene Ehre, vielleicht die der Heldenhaftigkeit, oder auch eine Selbstzerstörung anstrebt. In seiner „Unterscheidung der Geister“ macht Ignatius darauf aufmerksam: etwa die eitle Ruhmsucht (Exerzitienbuch Nr. 322, 351) oder die „Versuchung unter dem Schein des Guten“ (Exerzitienbuch 332) können zu einer solchen falschen, weil ungeordneten Kreuzesvorliebe führen. Das Martyrium kann ausdrücklich keine Ausnahme von der Goldenen Regel bilden, auch wenn es sich um Pläne Gottes handelt.

Martyrer-Spiritualität: Annahme des Kreuzes

Ignatius selbst rechnete offenbar mit dem Martyrium, nachdem er eine Vision hatte, in der Gottvater ihn zu Jesus unter das Kreuz stellte. Als Ignatius und seine Gefährten 1537 in Italien auf eine Überfahrt ins Heilige Land warteten, wurden Peter Faber, Diego Laínez und Ignatius nach Rom gerufen. In der Kapelle einer kleinen Stadt vor den Toren Roms, La Storta, sah Ignatius Christus, der das Kreuz auf seiner Schulter trägt, und Gottvater, der neben ihm steht (vgl. Pilgerbericht 96). Der Vater sagt zum Sohn: ‚Ich will, dass du diesen als meinen Diener annimmst.‘ Jesus nimmt ihn an und sagte: ‚Ich will, dass du uns dienst.‘

Entscheidend ist, dass die Initiative der Berufung unter das Kreuz von Gottvater ausgeht, während Jesus Ignatius dann in den Dienst aufnimmt. Das Erlebnis in La Storta war für die ganze Gruppe der frühen Gefährten sehr wichtig. Die Annahme des Kreuzes bzw. die Aufnahme unter das Kreuz nimmt dabei eine zentrale Rolle ein, die für die Spiritualität und das Selbstverständnis der Gesellschaft Jesu geradezu identitätsstiftend war: die gänzliche Hingabe an Gott – bis hin zum Martyrium – ist einer der wesentlichen Aspekte der Exerzitien und ignatianischer Spiritualität.

Der eigene Tod um Christi willen ist lebensbejahend

Die Todesbereitschaft eines Martyrers ist in seiner Liebe zum Leben verankert. Der Martyrer will nicht sterben, sondern er gehorcht einem anderen Willen, nämlich dem Willen Gottes: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Mt 26,39) Ignatius verwendet an manchen Stellen seiner Exerzitien, eine militärische Sprache. Der Exerzitant soll eine Rede betrachten, „die Christus unser Herr an alle seine Knechte und Freunde hält, die er auf einen solchen Kriegszug schickt, indem er ihnen empfiehlt, allen helfen zu wollen…“ (Exerzitienbuch 146). Dieses „helfen“ besteht darin, Menschen „zum Wunsch nach Schmähungen und Geringschätzung“ bringen.

Gott will das Leben, nicht den Tod

Dieser Wunsch, der gerade nicht in eine „selbstquälerische, suizidale Grundstimmung“ hineinführen soll, steigert sich „in bestimmten Situationen zur Sehnsucht nach dem Martyrium […] wie wir sie nicht nur von den jesuitischen Martyrern her kennen.“ (Mertes: Sein Leben hingeben, 67; vgl. Ders.: Verantwortung lernen, 59ff.) Gerade die militärische Sprache birgt die Versuchung, die Nachfolge Christi und damit das Martyrium als quasi-soldatischen Opfertod anzustreben. Dies ist ein Missverständnis, denn Gott will das Leben, nicht den Tod. Gott will auch nicht jemanden töten, damit andere leben. Wenn Gott aus Liebe zu den Menschen einen Menschen töten würde, wäre das kein Paradox, sondern ein handfester Widerspruch, denn „Jesus hat sich nicht freiwillig kreuzigen lassen. Ihm nachzufolgen heißt nicht, Leiden, das ich vermeiden kann, trotzdem anzunehmen – es sei denn für etwas, für das es sich wirklich zu leiden und zu sterben lohnt“ (Mertes, Klaus ; Keller; Claudia (Interview): „Der Papst ist nicht der Inbegriff des Christlichen“ : Interview mit Klaus Mertes. In: Der Tagesspiegel. Online-Ausgabe vom 17.02.2013).

Liebe kalkuliert nicht

Ein Suizidattentäter, der überzeugt ist, seine Tat sei ein Selbstopfer, für das er im Jenseits belohnt würde, handelt nicht aus Liebe, sondern aus Berechnung auf das Erlangen einer göttlichen Gegenleistung. Für einen (echten) Martyrer ist diese „Do ut des“-Logik (Ich gebe, damit Du gibst) jedoch nicht zutreffend. Das Motiv für seinen Tod ist nicht die Erwartung der Herrlichkeit Gottes. Das Verdachtsmoment liegt in der Formulierung von „um…zu“. Diese Logik ist der Liebe fremd. Daher bleibt die Ambivalenz zwischen Lebensbejahung und Todesbereitschaft bestehen:

„Man könnte sagen: Der Martyrer ist ein Extremfall eines mutigen Menschen […] Mut ist fast ein Widerspruch in sich. Er meint einen starken Lebenswillen in Form einer Todesbereitschaft […] Er muss sein Leben wollen, aber in einer Art wütender Gleichgültigkeit.“ (Chesterton, Gilbert K.: Orthodoxie : Eine Handreichung für die Ungläubigen. Frankfurt am Main : Eichborn Verlag, 2000, 149). So bleibt der Martyrer stets Objekt seiner Tötung – und daher gerade kein Suizident. Er behält aber dabei stets seine Würde als Subjekt und wird nicht zum wehrlosen Opfer, auch wenn die Folter ihn dazu degradieren will.

Matthias Alexander Schmidt

Lesehinweis:
Mertes, Klaus: Sein Leben hingeben: Suizid, Martyrium und der Tod Jesu. Würzburg : Echter, 2010 (Ignatianische Impulse ; 46).

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