Pecunia non olet

Geld stinkt nicht, wusste schon Kaiser Vespasian. Doch auch wenn die Münzen aus seiner Latrinensteuer nicht stanken, transportierten sie über das Gesicht des Kaisers Botschaften und gaben den Bürger ein fühlbares Verhältnis zu ihrem Besitz. Das ändert sich durch bargeldlose Zahlungen.

Foto: dpa / picture-allianceGeld stinkt nicht, so heißt es seit Vespasian, dem römischen Kaiser, der fürs Pinkeln Steuern einzog. Urin kann für die Ledergerbung und die Reinigung der Wäsche genutzt werden. Die Gerber wussten dies und stellten Gefäße auf, damit die Bürger Roms dort hinein fleißig spendeten. Der Kaiser nicht dumm, belegte diese Spende mit der Latrinensteuer, um die maroden Staatskassen aufzufüllen. Zwar stinkt Urin, doch die eingezogene Steuer dafür ist geruchsneutral. Und so heißen die öffentlichen Toiletten in Frankreich noch heute Vespasienne, in Italien Vespasiani und Geld, das irgendwie unsauber erworben wurde, wird mit dieser Redewendung gebrandmarkt.

Steuern sind schon immer so etwas gewesen wie ein legales Straßenräubertum. Die Extravaganzen oder die horrenden Ausgaben für das Militär führten zu besonders kreativen Ideen, den Bürgern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Sektsteuer wurde 1902 erdacht, um die Kriegsflotte zu finanzieren. Der Zweck ist erfüllt, doch die Steuer gibt es immer noch. Die Staatslenker denken halt, das Geld, was als Steuer in die Staatskasse fließt, stinkt nicht. Dass der normale Bürger an der Rand des Ruins getrieben wird, riecht man nicht an den Geldscheinen, also kann da nichts verkehrt sein.

Pecunia est Deus

Ohne Geld geht heute kaum noch etwas. Die Besonderheit des Geldes ist vielleicht, dass es sowohl Gott als auch Teufel sein kann. Die einen beten die Finanzwirtschaft an, die anderen sehen im Geld die diabolische Pervertierung menschlicher Beziehungen. Geld ist zu einem Selbstzweck geworden. Die Geldwirtschaft beherrscht das Leben der Menschen. Selbst das kleine Geschäft wurde in eine Latrinensteuer umgewandelt. Für alles muss bezahlt werden. Mitmenschlichkeit gibt es in Modulen, damit man alles rational abrechnen kann. Der Gott des Geldes ist ein zorniger Gott, wer ein säumiger Zahler ist, wird von einem brutalen Inkassounternehmen in die Zange genommen. Wahrscheinlich war der Gott des ersten Testaments kaum so zornig wie es der Gott des Geldes ist.

Die dicke Brieftasche

Trotz Homebanking, Kreditkarten, dem bargeldlosen Bezahlen hat das Geld in Scheinen und Münzen seine Bedeutung behalten. Einen Schein aus einem Portemonnaie zu holen, das ein dickes Bündel kleiner und großer Scheine enthält, ist immer noch mit dem Gefühl verbunden, reich zu sein. Man schöpft aus der vollen Brieftasche. Einen Geldschein anzuzünden, gilt entweder als ein Sakrileg oder Ausdruck größter Dekadenz. Einen Bettler fragt man nicht nach seiner Kontonummer, damit man ihm eine gewisse Summe überweisen könnte, er bekommt ein Geldstück.

Der sinnliche Bezug ging verloren

Geld an sich ist schon ein abstrakter Vorgang, doch wenn die sinnliche Erfahrung mit Geldscheinen und Münzen immer weniger gemacht wird, dann wird der Tauschwert immer mehr zu einem künstlichen Akt, der sich von der realen Erfahrung immer weiter entfernt. Wenn das Konto negative Zahlen aufweist, sind das halt Zahlen. Wenn die Geldbörse leer ist, dann geht nichts mehr. Da hat man nichts, womit man eine Ware erstehen kann. Die Finanzkrisen und der Umgang damit sind sicherlich auch bedingt dadurch, dass das haptische Erleben verloren gegangen ist. Jemand, dessen Konto leer ist und der sich in Athen eine warme Mahlzeit kaufen will, aber nur 50 Cent in seinen Taschen hat, erfährt Geld ganz anders als ein Finanzminister, der die schwarz Null im Kopf hat und Geld nur auf dem Papier verschiebt. Wer Geld allein als Zahlen denkt, kann nicht verstehen, wie es einem Menschen geht, der nur wenig Geld in seinen Taschen hat.

Verschobene Symbolik

Der Symbolwert des Geldes ist an die konkrete Erfahrung mit Scheinen und Münzen gebunden. Wie verändert sich eine solche Symbolik, wenn Geld mehr und mehr als eine abstrakte Zahl gehandelt wird? Es könnte sein, dass sich Menschen oder auch Staaten verschulden, weil sie die Zahlen wie eine SMS oder eine Email wahrnehmen und keinen Bezug zum konkreten eigenen Leben herstellen. Eine Geldüberweisung wird als Kommunikation betrieben, ohne die symbolischen Bedeutungen der Kommunikation zu erfassen. Es ist ein Unterschied, ob ich als Geschenk einem lieben Menschen Geld auf sein Konto überweise oder es ihm bar in einem Briefumschlag übergebe. Zuwendung wird auf diese Weise spürbar. Dem Geld wird eine andere Bedeutung zugeschrieben, wenn der Akt der Übergabe ein Vorgang auf dem Rechner ist. Es lässt sich so weiter fragen, ob diese Entsymbolisierung oder Entmythologisierung des Geldes nicht einen sehr viel größeren Einfluss auf die moderne Kommunikation hat als die neuen Medien und bei dieser Bedeutungsverschiebung einer der Gründe zu suchen ist, warum der moderne Mensch Kommunikation auf den Austausch von Informationen bezieht und die weiteren Ebenen der Kommunikation ausblendet. Eine metaphysische Dimension wird beim Geld nicht mehr gesehen, obwohl ohne Geld nichts läuft. Und was beim Geld nicht mehr gilt, überträgt sich auf andere Bereiche. Am Beispiel Geld könnte deutlich werden, dass die Übung mit Symbolik und Metaphysik in der Moderne kaum noch stattfindet. Damit fehlen jedoch auch die kommunikativen Voraussetzungen, über religiöse Phänomene reden zu können.

Thomas Holtbernd

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