Geld überflügelt Religion und Kultur

EZB Das neue Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt ist eine Augenweide und ein neuer Wolkenkratzer für Frankfurt. In keiner anderen Stadt Deutschlands wird das Stadtbild durch Geldinstitute so geprägt wie in Frankfurt. Dort gilt der Satz: Banken sind die neuen Kathedralen.

Kein Mensch würde sein Geld gerne in einem kleinen klapprigen Kabuff hinterlegen, so ein großes emphatisches Gebäude, das Wind und Wetter stand hält, trägt für uns eine Symbolkraft des Vertrauens mit sich. Die Geldinstitute prägen nicht nur das Stadtbild einer modernen Gesellschaft, sondern sie zeigen, dass Geld auch unser Denken prägt. Geld ist schon lange keine Rechnungseinheit mehr, sondern zum Wert an sich hochstilisiert worden, der für uns unabhängig seines Zweckes Bedeutung hat.

Wie sehr Geld in unserem Denken verankert ist, darauf hat einst Georg Simmel, der Berliner Soziologe und Philosoph des 19. Jahrhunderts, hingewiesen.  Demnach erleben wir im Austausch von Gütern subjektive Wertzuschreibungen. Diese individuellen Zuschreibungen eines Wertes können nun durch das Geld aneinander angeglichen und ausgedrückt werden. Das Geld dient also einer Objektivierung der Werte.

Durch diese Fähigkeit der universellen Objektivierung hat das Geld einen eigenen Wert erhalten, es macht gleich, was vorher verschieden war. Der Wert einer Uhr wird mit dem eines Abendessens vergleichbar, ohne dass der Imagewert der Uhr noch die erfahrende Geselligkeit beim Abendessen in die Bewertung einflössen.

Dieses Gleichsetzen von unterschiedlichen Werten durch Geld hat als Vermittlung begonnen und hat sich nun in der modernen Gesellschaft als ein unterschwelliges kalkulierendes Denken festgesetzt. Wir berechnen alles auf den Wunsch hin, alles vereinheitlichen zu können und zu objektivieren. Das hat sich bis in die Universitäten fortgesetzt. Es gibt nicht mehr Abschlussnoten, sondern für jede Studienleistung Creditpoints ausgedrückt werden, die dann zur Schlussnote bloß noch addiert werden müssen.

Und Vertrauen wird eben in der Größe der Banken ausgedrückt, so mag manch kritischer Mensch über diese Art von Neubauten sich ärgern, aber in einer Gesellschaft, die in Geld denkt und die Geld einen Wert an sich zumisst, sind nicht die Kultureinrichtungen oder die Religion in den großen Gebäuden untergebracht, sondern das Geld. Geld hat sich nicht nur in das Stadtbild manifestiert, sondern in das Denken.

Jonas Diebold

2 Gedanken zu “Geld überflügelt Religion und Kultur

  1. Pingback: Kirmes | beobachtungen in Religion, Kirche, Gesellschaft

  2. Kommentar zu obigem Text
    Mir gefällt die Unterbringung der Europäischen Zentralbank – die „Bank der Banken“ – in solchem Hochhaus, das zeigen mag, man will mit den Frankfurter Geschäftsbanken mithalten, sie vielleicht an Prestige überflügeln, auch nicht so sehr. Die Mehrheit der Mitarbeiter dort arbeitet ähnlich wie in einem Bundesamt, nicht kommerziell. Die Aufgabe der EZB ist, die Wirtschaft mit Zahlungsmitteln zu versorgen und die Währung stabil zu halten. Im Wesentlichen ist das eine dienende Aufgabe. Für die Entscheidungen von Präsident und Gremien sind da Statistiken zu führen, Berichte und Vorlagen zu verfassen. Konten sind zu verwalten. Von Einblicken in den Zählraum einer Landeszentralbank wurde mir klar, wie gewissenhaft dort auch eine sehr monotone, wenig motivierende Arbeit erledigt werden muss. Auch die „Lappen“ von Geldscheinen müssen genau gezählt sein, bevor sie entsorgt werden. – Hier wie in vielen anderen Tätigkeiten können wahrscheinlich die meisten Menschen nicht sagen: „Mein Beruf ist auch mein Hobby.“ – Wenn man Geld und Gesellschaft in gedankliche Verbindung bringt, sollte man auch an die vielen Menschen denken, die hierzu die Kleinarbeit leisten.

    Den meisten Menschen bei den Banken sehen Geldbeträge, Kurse und so weiter wie VW-Arbeiter Produktionsteile von Schrauben bis zu Aggregaten, Blechteilen bis zu Karosserien. Auch über Wolfsburg hat man schon manche Gesellschaftskritik vernommen. Vor Jahren in einer ökumenischen Diskussion ging es um das Krankenhaus, das wegen Hygieneproblemen und anderer schwerwiegender Fehlleistungen ins Gerede gekommen war. Da äußerte ein Teilnehmer, der Wolfsburg auch kurz darauf verließ: „Eine Gesellschaft bekommt das Krankenhaus, das sie verdient.“ Solche Pauschalierung ist ungerecht, vielleicht sogar unverschämt. – Oben wiedergegebene verbindende Aussage über Geld und Denken liegt auf der gleichen Ebene.

    Heribert Stallmeister, Wolfsburg

    Kommentar für einen regelmäßigen Rundbrief im hiesigen katholischen Dekanat

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