Was glauben die Ungläubigen?

Glaube-UngläubigeInterviews mit Konfessionslosen

Dieser Frage ist Rita Kuczynski konkret nachgegangen. Sie hat nicht religionssoziologische Studien ausgewertet, sondern Menschen befragt. Ein erstes Ergebnis: Während sich die Wessis auf die christlichen Kirchen und deren Vorstellungen beziehen, spielen die christlichen Aussagen über Gott, die Person Jesu oder über das Weiterleben nach dem Tode in den Neuen Bundesländern keine Rolle mehr. Den Kapiteln des Buches liegt ein Fragebogen zugrunde. Die Autorin stellt den Zitaten aus den Antworten auf den Fragebogen jeweils eine Einordnung der Fragestellung in gesellschaftliche Zusammenhänge und eine Interpretation voraus. Liest man einige dieser Erklärungen, dann stößt man auf ein interessantes Argumentationsmuster:

Die Konfessionslosen wehren sich gegen eine Minder-Bewertung
Eigentlich würde man vom Titel des Buches her „Was glaubst Du eigentlich?“ eine Erklärung dafür erwarten, ob Konfessionslose überhaupt einen Glauben brauchen? Darauf geht die Autorin aber nicht ein, sondern sie versucht die Themen der Religion so dazustellen, dass auch die Konfessionslosen darauf eine Antwort haben. Es geht im Subtext des Buches nicht um das Glaubensprofil von Konfessionslosen, sondern um die Rechtfertigung einer Existenz, die sich nicht auf ein göttliches Wesen bezieht. Offensichtlich fühlt sich die Autorin aufgerufen, die Weltsicht der Ungläubigen als genauso ethisch wertvoll hinzustellen wie die der Gläubigen.

Wie die Fragen entsprechend ausgewählt sind, hat das zur Folge, dass die Ungläubigen sich kaum von den Gläubigen unterscheiden. Für das Gemeinwesen ist es sicher wichtig, dass Gläubige wie Ungläubige die gleichen Werte als für ihr Leben maßgebend bezeichnen. Ehrlichkeit steht an erster Stelle. Die Ungläubigen sehen sich nur als die tolerantere Ausgabe des Bürgers. Auch die Ungläubigen sind für die christlichen Feiertage dankbar, wenn sie auch deren Inhalte nicht mitvollziehen. Sie kennen auch spirituelle Erfahrungen und wollen nicht, dass spirituelle Erfahrungen den religiös geprägten Menschen vorbehalten sein sollen. Trost brauchen auch die Ungläubigen, sie setzen sich mit dem Sterben auseinander und denken auch über ein Fortleben nach dem Tod nach, z.B. in ihrem Lebenswerk.

Die religiösen Fragen werden in den Interviews nur angetippt
Die Autorin setzt nicht dazu an, die religiösen Vorstellungen als Hirngespinste hinzustellen und hebt auch nicht auf die im naturwissenschaftlichen Sinne Unbeweisbarkeit der religiösen Vorstellungen ab. Nur hin und wieder gibt es solche Aussagen, die die Gläubigen als unaufgeklärt und im Sinne der Wissenschaft als nicht ernst zu nehmende Zeitgenossen karikieren – das immer unter der Prämisse der dem Ungläubigen zugesprochenen größeren Toleranz.

Da die Gläubigen fast alle Interviewausschnitte unterschreiben können, hat das Buch einen versöhnlichen Klang – und ist deshalb langweilig. Es fehlen wichtige Fragen, z.B.

  • Erst wenn so etwas wie Schuldig-Werden akzeptiert wird, kann mit einer spannenden Diskussion gerechnet werden.
  • Es fehlt das Thema Gewalt und damit die Auseinandersetzung mit dem Kreuz, an dem der Gründer des Christentums geendet ist.
  • Auch wenn Ungläubige Antworten auf die Sinnfrage finden, bleibt die Vorstellung vom Menschen äußerst vage. was es mit dem Menschen eigentlich auf sich hat, wenn er für die Christen die Krone der Schöpfung und für die Ungläubigen doch auch das Ziel der Evolution ist.
  • Die Zufriedenheit mit dem Leben, die die Interviews zum Ausdruck bringen, versagt vor den großen Herausforderungen, sowohl den Bürgerkriegen wie die massive Gefährdung, auf die Menschheit ja wohl zusteuert.
  • Die Wende sielt in den Interviews keine Rolle. Diese war ja ein Kampf der religiösen Menschen gegen den Atheismus. Es würde interessieren, warum die atheistische DDR die Religion unterdrücken musste, Kindern von Kirchenmitgliedern die berufliche Zukunft verbaute und dann doch von Betern zum Einsturz gebracht wurde.

Eckhard Bieger S.J.

Foto: Ch. Links-Verlag

Rita Kuczynski, Was glaubst du eigentlich? Weltsicht ohne Religion, Christoph Links Verlag, berlin 2013, 185 S

2 Gedanken zu “Was glauben die Ungläubigen?

  1. Das Buch von Frau Kuczynski habe ich vor einigen Monaten gelesen und ich kann mich der Bewertung, dass es langweilig ist, weil es wichtige Fragen nach Schuld, Gewalt etc. ausblendet nicht anschließen. Im Gegenteil, ich finde die Interviews geben einen erhellenden Einblick in eine Welt von Sinnkonstruktionen, die vielen kirchlichen Beobachtern fern ist. Die Art und Weise, wie Frau Kuczynski diesen Blick vermittelt, nämlich unaufgeregt und nicht wertend, weder in die eine noch in die andere Richtung, lädt ein zum aufrichtigen Nachdenken. Es ist nicht ihr Anliegen strittige Themen zu behandeln, die eher die Themen von Kirchenleuten sind. Insofern sollte das Buch auch nicht an diesem Anspruch gemessen werden.

    Parallel zur Lektüre des Buches von Frau Kuczynski habe ich von Hans-Martin Barth, Konfessionslos glücklich. Auf dem Weg zu einem religionstranszentenden Christsein, Gütersloh 2013 gelesen. Diese beiden Bücher ergänzen sich sehr gut: Kuczynskis Sammlung und Barths Plädoyer für eine theologische Reflexion und Praxis, die das Gespräch mit den Konfessionslosen nicht aus dem Blick heraus gestaltet, deren Lebensentwürfe seien defizitär.

  2. Ein paar Anmerkungen zu den Fragen, die angeblich im Buch zu kurz gekommen sind:
    -Niemand, der die Evolutionstheorie richtig verstanden hat, würde sagen, der Mensch sei das „Ziel der Evolution“. Für einen Naturalisten ist der Mensch ein anhand aus blinden Naturkräften und einigen Zufällen entstandenes Wesen. Die Evolution hat kein Ziel.
    -Dass die Zufriedenheit mit dem Leben bei Konfessionsfreien in großen Krisen versagt, ist nur eine Behauptung. Wieso masst sich der Rezensent an, zu wissen, welche (persönliche und öffentliche) Krisen Konfessionsfreie bereits gemeistert haben und auch in Zukunft meistern werden?
    -Außerdem war die Wende sicherlich nicht in erster Linie ein Kampf der Religiösen gegen die Atheisten. Kirchen spielten vor allem aus organisatorischen Gründen als Orte des politischen Widerstandes eine ebenfalls nur politische Rolle, der Rest ist fromme Legendenbildung. Zur Zeit der Wende waren die meisten Menschen in Ostdeutschland bereits konfessionsfrei.

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