Langeweile als Ausdruck des Nichts

Bild: Eckhard BiegerDas Wort Langeweile hat eigentlich keinen unangenehmen Beigeschmack: „lange Weile“. Wenn die Weile schön ist, dann freut man sich, wenn sie auch lang ist. Ist die Weile jedoch leer, dann zieht sich die Angelegenheit nicht nur in die Länge, sondern auch in ein Nichts. Was passiert, wenn ein Nichts größer wird? Kann etwas, was nichts ist, sich überhaupt ausdehnen? Was zieht sich dann in die Länge? Für manche Menschen wird Langeweile schnell unerträglich, und sie vertreiben diesen Gesellen wie einen Aussätzigen aus ihrem Alltag. 

Wahrscheinlich hat es so etwas wie Langeweile bei den Menschen schon immer gegeben. Und mancher Blödsinn, der verzapft wurde, nimmt und nahm seinen Anfang darin, dass sich einer oder mehrere gelangweilt haben und mit ihrer Zeit, wie es so heißt, nichts anzufangen wussten. Auf der anderen Seite hat es auch Menschen gegeben, die aus reiner Langeweile heraus etwas Geniales geschaffen haben. Langeweile kann zu gefährlichen Ausschreitungen führen und genauso den Wunsch nach Nähe beflügeln.

Ende offen

Das besondere Kennzeichen der Langeweile ist es, dass dieses Nichtstun mit keinem Zweck verbunden ist und auch weit und breit kein Nutzen zu erkennen ist. Im Gegensatz zur Muße steht der Langeweile keine Geschäftigkeit gegenüber. Langeweile ist keine Pause, um Kraft für die Arbeit zu schöpfen. Langeweile ist nicht als kreative Erholungsphase zu deuten. Langeweile macht keinen Sinn, sowohl nicht für eine Gesellschaft als auch nicht für den Einzelnen. Langeweile hat wesensmäßig ein offenes Ende, denn auch etwas, was aus der Langeweile heraus entsteht, kann nicht der Langeweile als Ursprung notwendigerweise zugeordnet werden. Das Kreative oder Produktive kann aus der Langeweile heraus entstehen, doch ist es dann schon nicht mehr Langeweile.

Das Fehlen eines therapeutischen Zwecks

Pädagogen oder Therapeuten mögen die Meinung vertreten, dass Langeweile für Kinder oder Klienten hilfreich sein kann und aus der Langeweile heraus etwas Sinnvolles entstehen könnte. Daher solle man Kinder und Erwachsene der Langeweile durchaus aussetzen. Das Ziel kann es jedoch nicht sein, Langeweile zu lernen und so Wege zu finden, wie man sich aus einer nichtgefüllten Zeit in ein konstruktives Tun versetzt. Die Langeweile als solche ist an ein Nichts gebunden und dieser enge Zusammenhang lässt sich nicht dadurch auflösen, dass sie ertragen werden muss, um dann doch wieder kreativ zu sein. Langeweile macht ebenso wenig Sinn wie der Tod.

Begrenzung

Will man der Langeweile etwas Positives abgewinnen, dann geht dies nur, indem man ein sinnvolles Tun von seinem Gegenteil her bestimmt, ebenso wie man das Leben durch seine Begrenzung erst als wertvoll erleben kann. Langeweile hat von sich aus nichts, was man durch irgendeine pädagogische oder therapeutische Deutung zum Kreativen wenden könnte. Wer sich bewusst und gezielt der Langeweile aussetzt, wird keine Langeweile erfahren. Vielmehr wird er erleben, wie Gedanken sein schöpferisches Potenzial behindern. Langeweile schwebt wie ein Damoklesschwert über dem Handeln, das sich als Verdrängung erweisen könnte, weil man mit seinem Agieren lediglich das Nichts vertreiben will. Insofern kann die Langeweile als theoretische Möglichkeit des Tuns die Absicht in Frage stellen und damit als eine fiktive Möglichkeit zu einer radikal reflektierten Praxis führen.

Langeweile zwischen Theorie und Praxis

Eine Praxis, die von einer tragfähigen Theorie geleitet ist, erweist sich als nachhaltiger und beständiger als eine Praxis, die von Instinkten, Impulsen oder Intuitionen bestimmt ist. Die Langeweile kann als etwas Drittes zwischen Theorie und Praxis gedeutet werden. Jede Theorie und jede Praxis kann dem Nichts entstammen oder nichts bedeuten. Langeweile ist die inhaltliche Begrenzung des Sinnvollen durch die Möglichkeit des Nichts. Kreative Leistungen entspringen so nicht der Langeweile, sondern sind Produkt der Spannung zwischen sinnvoll und sinnlos. Diese Pole können benannt werden mit Begriffen wie Gottesglaube oder Nihilismus. Um solche Worte füllen zu können, ist es zunächst notwendig, die Struktur beschreiben zu können, aus denen heraus ein solcher Spannungsbogen gebildet wird. Skepsis löst aus, wenn z. B. Religion als ein singuläres Phänomen definiert wird und nicht in Spannung zu etwas anderem steht. Die Vermutung liegt nahe, dass solche Versuche ein Vermeidungsverhalten sind und Langeweile als Begrenzung einer sinnvollen Lebensgestaltung per definitionem ausgeschlossen werden soll.

©Thomas Holtbernd

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