Die Bilddimension des Glaubens

Das Internet wird nicht mehr von Texten geprägt, entscheidend sind Bilder und Videos geworden. Es hatte einmal wie die Zeitung als Textmedium angefangen. Mit den Nachrichtenportalen und dann mit den Communities hat sich die Nutzung des Mediums über den ganzen Tag verteilt.

Bild: Eckhard BiegerDas Internet fordert spirituelle Fotos

Dabei sind die Texteinheiten immer kürzer geworden. Weil man aber die vielen kleinen Texte kaum noch auseinanderhalten kann, braucht es für das Auge Anker. Facebook hat sich ganz auf das Kommunikationsmuster eingestellt, indem es das Foto der Homepage, auf die verlinkt wird, kleinformatig als „Vorausbild“ in den Post einblendet. Zum anderen wird das Profilbild desjenigen, der den Post oder den Kommentar verfasst, in das Textfeld eingefügt. Bilder sind zu Leitmarken geworden.

Das Internet ist bereits für den größeren Teil der Bevölkerung zum Einstiegsmedium geworden, über das man zu den anderen Inhalten gelangt. Es wird auch für religiöse Inhalte der Hauptzugang werden. Wenn das Bild im Internet die Leitfunktion übernimmt, dann muss am Bild erkennbar werden, dass die religiöse Dimension angesprochen ist. Es entscheidet sich also am Bild, ob der Text die religiöse Dimension anklingen lässt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, spirituelle Motive auszuwählen und auch mit Fotografen zusammenzuarbeiten, die solche Motive erkennen und aufnehmen.

Spirituelle Bilderwelten
Das Internet fordert auch deshalb zu einer besonderen Bildsprache für das Religiöse heraus, weil die Motive sich von den vielen Bildern im Netz abheben müssen. Die meisten sind zum Einmal-Anschauen gemacht. Wer die Information, den Post überflogen hat, kann ihn auch gleich in den Hintergrund des Bewusstseins zurückschieben, um die Aufmerksamkeit auf die nächste Mitteilung zu lenken. Religiosität braucht jedoch Bildmarken, die den Surfer in die religiöse Dimension hineinnehmen. Die Kirchbaukunst mit ihren Bildwelten erreicht es auch heute, dass sich Menschen, die eine Kirche betreten, sich in einen anderen Raum versetzt fühlen, in dem die andere Welt, zu der der Mensch auch gehört, anwesend ist. Es ist auf den Plätzen im Internet sehr viel schwieriger, diese himmlische Dimension spürbar werden zu lassen. Deshalb sollten es Bilder sein, die auf eine andere Wirklichkeit verweisen.

Da Bilder zuerst den Blick auf sich ziehen, müssen sie ohne eine Erklärung wirken. Zugleich sollten die Bildmotive nicht signalisieren, dass sie auf eine Information hinweisen, sondern sie sollten zuerst eine Intuition für eine Dimension der Wirklichkeit vermitteln.

Die Bildmotive sollten eine andere Richtung haben. Während im Kontext von Informationen, dort werden in der Regel Fotos verwandt, auf eine Wirklichkeit verwiesen wird, mit der sich der Surfer beschäftigen soll, zielt das spirituelle Bild auf eine Wirklichkeit, die nicht einfach außen zu finden ist, sondern nur, wenn der Betrachter in sein Inneres schaut.

Diese Bildsprache legt sich für die Social Media auch deshalb nahe, weil die auf Zugehörigkeit angelegt sind. Sie legen daher nicht eine Sprache der objektiven Tatsachen nahe, sondern wollen den Nutzer persönlich ansprechen. Der Nutzer soll so angesprochen werden, um in ein Netzwerk Gleichgesinnter integriert zu werden. Deshalb sind die Communities für Religiöses leichter zugänglich. Die Homepage hat eine andere Aussagerichtung. Von ihrer Herkunft ist sie darauf angelegt, die Institution darzustellen. Mit der Nutzerführung werden dem Surfer die Abteilungen der Institution vorgestellt werden. Das führt zu dem „Bücherschrank-Layout“. Für die religiöse Ansprache ist diese Homepagegestaltung eher ein Hindernis, sie sollte durch Bildmotive auf der Eingangsseite ersetzt werden, die der Nutzer anklicken kann. Nicht aus dem Titel, sondern aus dem Fotomotiv muss die andere Wirklichkeit des Religiösen zu dem Surfer sprechen. Es geht also nicht wie bei den meisten Homepages um die Darstellung der Institution, sondern um den Blick, den der Betreiber der Homepage dem Besucher eröffnet.

Auswahl der Bildmotive
Bilder werden meist aus dem christlichen Archiv übernommen und sind bei Facebook und auf Internetseiten häufig zu finden. Schwieriger ist es mit der Gegenwartskunst. Hier gibt es wie in jeder Generation Künstler, die sich vom Religiösen herausgefordert fühlen. Jedoch gibt es, anders als noch im Barock, kaum Kunstwerke, von denen sich alle angesprochen fühlen, wohl aber von Fotos. Der Grund, warum die moderne Kunst nur jeweils einen Kreis von Betrachtern anspricht und ihr nur selten Aussagen gelingen, die der Großteil eines Kulturraumes überhaupt versteht, liegt in der Erklärungsbedürftigkeit der Gegenwartskunst.

Warum Foto das universelle Medium ist
Wer im „Allerweltsmedium“ Internet die religiöse Dimension erschließen will, muss sich, anders als in einem zeitgenössischen Museum oder einem modernen Kirchenraum in gleicher Weise allen ohne ausführliche Erklärungen verständlich machen. Das scheint mit der Gegenwartskunst nicht so einfach zu sein. Nicht nur Joseph Beuys braucht für seine Installationen eine Erklärung. Die meisten Künstler, die Transzendenz darstellen, entwickeln eine eigene künstlerische Sprache. Je mehr Kunstwerke, desto mehr Sprachen, die man erst verstehen lernen muss. Entsprechend den Differenzierungsprozessen der Moderne teilen sich auch die Interpretationsgemeinschaften für die Gegenwartskunst in viele kleine Gruppierungen, so dass die Kunst keine allgemein zugängliche Sprache mehr spricht. Das gilt jedoch nicht für die Wahrnehmung eines Fotos. Bei dem Test einer Fotoreihe konnte der Autor bei Jung und Alt ein direktes Urteilsvermögen beobachten. Ein Blick genügte den Testpersonen, um über die Qualität eines Fotos zu urteilen. Offensichtlich ist die Fotografie zur universellen Sprache geworden. Deshalb könnte es sein, dass das Foto, neben der Architektur, das universelle Medium für die Darstellung des Religiösen geworden ist.

Wie kommt man zu spirituellen Fotos:
„In dem, was ich sehe, das andere sehen“, so beschreibt Helmut Zimmermann in einem Gespräch den kreativen Vorgang. Das gilt für die meisten Fotos nicht. Denn diese entstehen nicht aus einer meditierenden Zugehen auf die Natur, auf Menschen, Städte, Straßen, sondern aus einer Konzeption ein Foto, die dann in einen Zusammenhang mit einem Text, als Bildfolge, in eine Zeitschrift, in einen Prospekt, in einer großformatigen Fotoreihe eingebettet werden. Es gibt aber auch nicht wenige Fotos, die man überall aufhängen und denen selbst die Sterilität eines Museums nichts anhaben kann. Fotos von dieser Aussagetiefe entstehen genauso wie die Kunstwerke nicht durch Zufall. Das Auge muss sie sozusagen erarbeiten.

Fotografieren ist Lichtkunst
Was wir heute Foto nennen, hieß einmal „Lichtbild“. Das Licht ist eigentlich das Medium des Fotos. Das erklärt auch, warum das Schwarz-Weiß-Foto seine Eindrücklichkeit mit dem Aufkommen der Farbfotografie nicht verloren hat. Da man das Licht selbst nicht fotografieren kann, wohl aber den Lichteinfall, die durch das Licht herausgehobene Fläche, die Spiegelung auf dem Wasser, ermöglicht das Licht, Transzendenz in der Fotografie anzudeuten. Das Transzendente selbst ist nicht zu sehen, es zeigt sich aber, indem es Materielles zum Leuchten bringt. Licht, z.B. eine „Lichtung“, ist darstellbar, wenn es um sie herum anderes gibt, von dem sich das „Belichtete“ abheben kann.

Deshalb gibt es Tage, an denen besondere Fotos schwieriger zu gestalten sind, nämlich wenn keine Wolke am Himmel ist oder die Wolkendecke alles in das gleiche Licht taucht. Licht hat seine Zeiten, deshalb muss man ihm auf die Spur kommen, ob im Wald oder in Kirchenräumen – erst der Lichteinfall bringt einen Raum, eine Baumgruppe, ein Gesicht zum Sprechen. Insbesondere das Licht am Morgen und am Abend ist geeignet, eine besondere Atmosphäre zu schaffen. Spirituell Fotografieren ist eine Form der Meditation.

Auswahl-Kriterien
Da im Internet auf das Foto der Blick zuerst fällt, entscheidet sich an den Fotos, ob sich der religiöse Raum für den Surfer öffnet. Die Qualität von Fotos kann man wie bei Kunstwerken nicht einfach durch das Anlegen von Kriterien bestimmen, sondern durch mehrmaliges Hinschauen erahnen. Es gibt jedoch einige Hinweise, die sowohl bei der Auswahl wie bereits bei der Suche nach Motiven eine Art Geländer bieten.

  • Das Foto solle einen Weg nach Innen erschließen, um im Inneren des Betrachters eine etwas anklingen zu lassen.
  • Das Foto sollte eine Spannung in sich haben, es kann irritieren, es sollte nicht einfach die üblichen Sehgewohnheiten bedienen. Die Spannung kann durch einen Verbindung von Bewegung und Statik entstehen.
  • Das Licht als entscheidendes Gestaltungsmittel – das Foto kann mit dem Betrachter ins Licht gehen oder das Licht kommt in das Bild, ohne dass man seine Quelle sieht.
  • Eine gewisse Abstraktion macht ein Foto nicht nur langlebiger, sondern signalisiert, dass es mehr eröffnet als nur das, was zu sehen ist. Das führt direkt weiter zu der Regel:
  • wenige Elemente auf dem Foto verdichten.
  • ein Ausschnitt des Fotos bietet meist mehr spirituellen Impact.
  • meist trifft zu, dass künstliches Licht dem Motiv Tiefe nimmt.
  • Insgesamt muss das Foto über mehrere Tage hinweg den Blick „aushalten“. Der Betrachter sollte zur Ruhe kommen.

Das Internet lernt, betet es auch?
Eigentlich findet man alles im Netz. Es ist ständig aktuell, auch mit seinen Gebetsanliegen. Kann man nicht die religiöse Praxis einfach an das Netz delegieren? „Betet das Internet“, so wie es für mich ständig Neuigkeiten aufnimmt, auch stellvertretend für mich? Eine solche Delegation der Gebetspflicht wäre nicht neu. Im späten Mittelalter war ein Großteil der Kleriker dafür eingesetzt, für bestimmte Anliegen oder Familien stellvertretend die Messe zu feiern. Sacred Space oder der wöchentliche Gebetsimpuls auf mit-beten.net könnten auch so verstanden werden. „Ich habe heute so viel zu erledigen, da ist es gut, wenn andere mir das Beten abnehmen.“

Es könnte auch anders gehen: „Wenn die anderen beten, dann klinke ich mich ein.“ Das dürfte früher auch bei den vielen Einzelmessen so gewesen sein, dass diejenigen, die den Kleriker finanziert haben, sich kurze Zeit innerlich mit dem Messgeschehen verbunden fühlten. Mit den Social Media ist das heute sehr viel leichter möglich. Man darf nur nicht einen statischen Sprachstil pflegen, sondern muss das Angebot machen, sich mit anderen im Gebet zu vernetzen. Das hat zur Konsequenz, dass Religion häufiger mit Gebetsimpulsen in den Social Media präsent sein müssen. Eine weitere Konsequenz: Es liegt an den Bildmotiven, die ausgewählt werden. Zudem muss das Internet ein außerhalb des Internets haben.

Das großformatige Foto
Wer im Internet auf ein Bildmotiv stößt, hat dieses oder ein Ähnliches bereits großformatig in einer Zeitschrift, auf einer Plakatwand, in einem Bildband gesehen. Wer das spirituelle Foto im Internet pflegen will, sollte diese Strategie durch die wirkungsvollere Darstellung großformatiger Fotos unterstützen. Das Gebetsapostolat wird daher verstärkt auf qualitativ hochwertige Fotomotive setzen.

Eckhard Bieger S.J.

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