Zur Situation der Religion: Gewalt führt zu Gleichgültigkeit

Kanzel

Religion soll eigentlich eine Antwort auf die Misere des Menschen sein. Eine ihrer entscheidenden inneren Motivkräfte ist der Zustand der Welt: Sie ist nicht so, wie sie gedacht war. Da der Mensch aus eigener Kraft die Verhältnisse nicht grundlegend zum Besseren wenden kann, muss er sich an eine höhere Macht wenden, die ihn befreit. Er fühlt sich zwischen zwei Kräfte gestellt und hofft auf Erlösung durch die gute Macht. Die Gegenseite erhält auch ein Gesicht.

Die Gestalt des Teufels

Weil der Mensch sich selbst in das ihm Feindliche verstrickt fühlt, er sich durch menschenfeindliche Mächte bedrückt erlebt, soll die höhere gute Macht ihn aus dieser Umklammerung des Bösen befreien. Es gibt neben dem Guten, das der Mensch ersehnt, die als stärker erfahrene Macht, die den Menschen bedrängt, seinen Lebensweg verstellt, ihm sogar nach dem Leben trachtet. Dieser Macht wird sogar unterstellt, sie neide dem Menschen sein Glück. Manchmal wird dieser Macht ein Gesicht gegeben. Die Religion steht dann auf der Seite des Guten, das das Wohlergehen und das Glück des Menschen will. So könnte es sein. Jedoch, durch die Gewalttaten im Namen der Religion ist diese klare Frontlinie zwischen Gut und Böse nicht mehr gegeben. Seit den Konfessionskriegen wird das Christentum diesen Makel nicht mehr los. Wenn die Religion zwischen die Fronten von Gut und Böse geraten ist, warum sollen die Skeptiker, die die Religion als bloßes Gedankengebäude ohne jeden Realitätsgehalt betrachten, sich noch von der Existenz eines Gottes überzeugen lassen?

Der Ukrainekonflikt und das russische Patriarchat

In der Ukraine, der Kiewer Rus, begann mit der Taufe von Fürst Wladimir 987 das Christentum. Kiew war schon 120 Jahre vorher das Zentrum der Ostslawen geworden, zu denen heute neben den Ukrainern und Russen auch die Weißrussen gehören. Nachdem das Reich durch verschiedene Reitervölker bedroht wurde, können die Mongolen 1240 Kiew zerstören. Über fast mehr als 200 Jahre beherrschen die Mongolen die unter sich zerstrittenen ostslawischen Fürstentümer. Erst 1380 wurden die Mongolen, die Goldene Horde mit der Schlacht auf dem Schnepfenfeld durch den Moskaus Fürsten Dmitri Donskoi entscheidend geschlagen. Damit begann der Aufstieg dieses neuen Zentrums. Moskau wurde auch kirchliche das neue Zentrum, mit der Ukraine blieb die kirchliche Einheit gewahrt. Bis heute ist der Moskauer Patriarch das Oberhaupt eines Großteils der ukrainischen orthodoxen Gemeinden. Anders als in Russland ist aber die Kirche des Patriarchen von Moskau nicht die allein Bestimmende. Denn nach der Wende wurde eine eigene ukrainische orthodoxe Kirche gegründet, hinzu kam die Kirche der Exilukrainer, die in den westlichen Ländern für die unter dem Kommunismus aus ihrer Heimat geflohenen Ukrainer aufgebaut wurde. Im Westen der Ukraine gibt es Bistümer, die während der polnischen Herrschaft in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts den Papst anerkannten und damit den lateinischen polnischen Diözesen gleich gestellt wurden. Bestimmend ist aber das Moskauer Patriarchat geblieben. Der Moskauer Patriarch Kyrill lässt sich zwar mit Friedensappellen vernehmen, aber eine friedensstiftende Initiative scheint es nicht zu geben. Faktisch gibt es einen Krieg in der eigenen Kirche, den die Russen gegen ihr Brudervolk führen. Nicht anders machten es Deutsche und Franzosen, beide fränkischen Ursprungs, einmal im Reich Karls d.Gr. vereint.

Religiös motivierte Gewalt

Wenn 25 koptische Christen einfach umgebracht werden, der Antisemitismus in Frankreich, Dänemark und anderen Ländern die Juden nach Israel aufbrechen lässt, dann ist das auch die Frucht von Predigten in Moscheen. Der Leiter des sog. Islamischen Staates ist ein muslimischer Theologe. Durch öffentliche Hinrichtungen und die Verbreitung von Videos brennt er die Gewaltthematik in das Bewusstsein der Weltgemeinschaft ein – und findet Nachahmer., gewaltbereite junge Männer fühlen sich angezogen.

 

Es kommt zur Ausgrenzung der Religion

Europa hat mit den Religionskriegen ganze Landstriche verwüstet und die Bevölkerung teilweise halbiert. Die Konsequenz ist bis heute eine Distanz der Menschen zur Religion. Selbst die Kathererkriege, die der Norden Frankreichs nutzte, um den Süden zu unterwerfen, wirken bis heute als Verödung der Religion in Südfrankreich nach. Der Dreißigjährige Krieg hat die Intellektuellen Europas dazu gebracht, Religion aus dem öffentlichen Leben herauszudrängen, indem sie Religion zur Privatsache erklärten. Die jetzigen Gewalttaten im Namen der Religion werden ihre Nachwirkungen haben. Die Kämpfer im Namen der Religion unterliegen einem fatalen Irrtum. Aber die Gewalt scheint nur so lange die stärkere Macht, wie Krieg herrscht. Wenn dann der Krieg die Ressourcen verbraucht hat, muss es zu einem Waffenstillstand kommen. Dann werden sich die Gegenreaktionen zeigen.

Die Religion zerstört sich selbst

Es ist so einfach, Gewalt zu predigen, die Bomben explodieren zu lassen, Menschen umzubringen. Gewalt bestätigt sich sozusagen selbst. Man erreicht in kurzer Zeit, wofür man sonst viel mehr Aufwand hätte treiben müssen – zur Überredung, zum Schmieden von Koalitionen, von Wahlerfolgen. Aber Gewalt hat Langzeitfolgen, weil sie sich ins Gedächtnis eingebrannt hat. Die Konfessionskriege in den Ländern der Reformation wirken bis heute nach. Wie unter Christen damals gilt bis heute bei Sunniten und Schiiten der Vertreter der anderen Konfession als Feind. Von Saudi Arabien, wo die Schiiten als Ketzer gelten, die keiner Nachsicht würdig sind, und dem schiitisch geprägten Persien werden in Syrien und im Jemen Stellvertreterkrieg geführt. Der sunnitisch geprägte Islamische Staat ist aus dem Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten im Irak hervorgegangen. Gewalt scheint die schnellere Lösung zu sein, sie zerstört aber auf Dauer die Religion.

Die einfache Schlussfolgerung: Nur, wenn die Religion eindeutig als Anwalt des Friedens auftritt und auch handelt, wird sie ihrem inneren Auftrag gerecht. Vermehrt sie das Gewaltpotential, muss sie von der Bevölkerung abgelehnt werden.

Eckhard Bieger S.J.

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