Theismus versus Naturalismus

Holm Tetens, Philosophie-Professor in Berlin, wagt es in seinem neuen Buch „Gott denken“, den Theismus gleichberechtigt neben den Naturalismus zu stellen. Tetens schreibt im Anhang von einer „theistischen Wende“, die er genommen habe. Ein Philosoph müsse heutzutage mit viel Kritik und Ablehnung rechnen, wenn er über Gott öffentlich nachdenke. Der Naturalismus ist die vorherrschende Ausrichtung der Philosophie und ihre Prämissen werden recht unkritisch angenommen. Wer hingegen auf Gott zu hoffen wagt, wird in die Kategorie der Menschen mit unvernünftigen Überzeugungen gesteckt. Holm Tetens entwickelt in Bezug auf den Naturalismus eine „rationale Theologie“, die nicht geglaubt werden muss, sondern als eine logisch begründbare Möglichkeit ihre Berechtigung hat.

 Naturalismus und die ungelösten Fragen

Allgemein gehen wir davon aus, „dass die Erfahrungswelt im wesentlichen genauso ist, wie die Wissenschaften sie beschreiben und erklären.“ Eine Theologie, die diesen Zusammenhang bestreitet und die Annahme macht, dass Gott Wunder, also die Aufhebung von Naturgesetzen, tut, und die sich in ihrer Argumentation nicht den fundamentalen Prinzipien vernünftigen Denkens beugt, kann nicht rational genannt werden. Dies ist kein neuer Ansatz und dürfte spätestens seit der Scholastik als Grundlage theologischen Denkens gelten. Die Variante, die Holm Tetens vorstellt, ist die dialektische Gegenüberstellung zum Naturalismus. Ein „mögliches Dasein Gottes ist so ernst zu nehmen wie der Naturalismus, falls sich eine Lehre von Gott aus bestimmten Schwierigkeiten und Problemen des Naturalismus dialektisch herleiten lässt.“

Die Grundschwierigkeit des Naturalismus liegt wohl in der ungelösten Frage des Leib-Seele-Problems. Philosophen wie Hermann Schmitz, die sich um eine Leibphilosophie bemüht haben, sind eher Randfiguren. Mediziner und Psychologen nehmen solche Ansätze gerne auf und entwickeln wie Thomas Fuchs daraus hilfreiche psychosomatische Konzepte. Holm Tetens behandelt das Leib-Seele-Problem nicht unmittelbar, es bildet jedoch einen gewissen Hintergrund für seine rationale Theologie. Dies kann man daran festmachen, dass er ausdrücklich Godehard Brüntrup seinen Dank ausspricht und ihn auch zitiert. Brüntrup dürfte wohl als der wichtigste deutschsprachige Philosoph für das Leib-Seele-Problem gelten.

 

Foto: dpa / picture-alliance

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Dialektik als Denkanstoß

Der dialektische Ansatz macht es für Holm Tetens logisch notwendig, die Prämissen des Naturalismus zu überprüfen. Eine erste Fragestellung richtet sich auf den methodischen Ansatz. Haben die Wissenschaften ein methodisches Apriori? Haben sie eines, dann wären sie ebenso metaphysisch wie eine Theologie. Der Irrtum der Naturalisten besteht darin, dass der Naturalismus nicht aus den Resultaten der Wissenschaft folgt. „Er ist selber eine metaphysische Position, indem er die Wissenschaft zur Metaphysik erhebt.“ Der beobachtende Mensch kann nur erfahrungs-wissenschaftliche Beschreibungen machen, die unvollständig sind, weil die Erste-Person-Perspektive nicht definiert oder mit naturwissenschaftlichem Vokabular ausreichend expliziert werden kann. Es ist „nicht möglich, Mentales rein naturalistisch zu verstehen.“ Hier bedarf es, so Brüntrup, eines Brückenprinzips. Wie lassen sich die Korrelationen von physikalischen und mentalen Ebenen festlegen? Der Naturalismus kann diese Frage nicht befriedigend klären und geht die Gefahr eines unendlichen Regresses ein. Um den zu vermeiden, muss ein Sachverhalt angenommen werden, der nicht mit den Naturgesetzen zu erklären ist. Holm Tetens bleibt an dieser Stelle seiner logischen Argumentation treu und schließt die Möglichkeit nicht aus, dass das Verständnis von Naturwissenschaft sich ändern kann und die Frage sich anders stellt.

Die rationale Theologie

Im zweiten Teil entwickelt Holm Tetens die notwendigen Bedingungen einer rationalen Theologie, die sich aus der logisch bestehenden Möglichkeit Gottes ergeben. Bleibt es im Naturalismus „unverständlich, warum wir als Ich-Subjekte unbedingt in einem biologischen Organismus verkörpert sein müssen“, so macht die Annahme der Endlichkeit der Ich-Subjekte deutlich, dass die Begegnung mit einem anderen Subjekt über die Materie vermittelt wird. Ein unendliches Ich-Subjekt ist denkbar, allerdings nur in einer Einzigartigkeit, da es sonst nicht unbegrenzt wäre. Dieses Subjekt kann Gott genannt werden. Holm Tetens entwickelt aus diesem Ansatz heraus die Annahme des unendlichen Geistes und des Schöpfers Gott. Ebenso kann die Freiheit des Menschen rational mit dieser Annahme erklärt werden. Gott als „unendliches vernünftiges Ich-Subjekt“ zu verstehen, führt schließlich zur kosmologischen Argumentation. Gott ist zuallererst eine „logisch-begrifflich widerspruchsfreie Möglichkeit“ und in der Kernthese genauso stark wie der Naturalismus. Bezogen auf das Verhältnis des Geistigen zum Materiellen und der faktisch empirischen Resultate ist die theistische Kernthese jedoch stärker.

 

Das Leid als Anfrage an Naturalismus und Theismus

Psychologisch oder als pastoraler Impetus führt Holm Tetens die Argumentation zum Sitz im Leben. Welche Bedeutung hat die Annahme eines Gottes bezogen auf das Leid in der Welt? Der Naturalismus muss das Fazit ziehen, dass das Individuum und die Gattung zufällig, randständig sowie eine temporäre Episode sind. Ein Sinnhorizont lässt sich hieraus nicht ableiten. Im Theismus stellen sich hier die Theodizee-Frage und das Problem einer rational nachvollziehbaren Erlösung. Die eschatologische Quintessenz fasst Holm Tetens in drei Punkten zusammen: „1. Gerade weil der Naturalismus nicht bewiesen ist und er ernsthafte Probleme mit dem Leib-Seele-Problem hat, ist es möglich, dass sich das Ich-Bewusstsein einer Person in der einen oder anderen Form über den physischen Hirntod hinaus fortsetzt. 2. Gleichwohl markiert der Tod für uns eine absolute Erkenntnisschwelle. 3. Es ist begrifflich wahr, dass Gott über die folgenden Vermögen verfügt: […]“ die Identität der Person bleibt im Denken Gottes aufbewahrt, Gott kann die Person wiederverkörpern und Gott kann der Natur Gesetze einprägen, die von physischen Übeln erlösen. Holm Tetens räumt jedoch ein, dass bei der Theodizee-Frage ein Patt zwischen Naturalismus und Theismus besteht. Das moralische Argument jedoch, dem Menschen eine Erlösungshoffnung zu gestatten, wäre nur dann unvernünftig, wenn der Naturalismus bewiesen wäre. So jedoch ist es vernünftig, auf einen Erlösergott zu hoffen.

Welche Erkenntnis am Ende bleibt

In einem letzten Teil wendet sich Holm Tetens erkenntniskritisch den Kernthesen von Naturalismus und Theismus zu und kommt zum Schluss: „1. Keine der beiden metaphysischen Kernthesen lässt sich definitiv beweisen oder widerlegen. 2. Trotzdem lassen sich die beiden metaphysischen Kernthesen nach vernünftigen Gesichtspunkten miteinander vergleichen, […] 3. Man kann alle Erfahrungen jeweils im Lichte einer der beiden Kernthesen deuten und interpretieren.“ Rationale Theologie kann somit nicht als Gottesbeweis dienen, ebenso wird einem direkten Erkennen Gottes nicht das Wort geredet und eine rationale Theologie hebt sich von Religionen ab, weil nicht der Gottesglaube im Mittelpunkt steht, sondern allein die logische Begründung für die Möglichkeit einer Theologie.

Holm Tetens hat mit diesem Buch einen wichtigen Schritt getan, um den Naturalismus auf den Boden der Tatsachen zu bringen und einem Gottesglauben nicht jede Vernunft abzusprechen. Dies tut er methodisch äußerst exakt und der Leser / die Leserin kann der philosophischen Gedankenführung sehr gut folgen, weil die logischen Schritte im Text immer wieder in einer Formel von Prämissen und Schlussfolgerungen zusammengefasst werden.

Thomas Holtbernd

Zum gleichen Thema:  Naturalisten sind auch Metaphysiker

Holm Tetens, Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie, Stuttgart 2015 (Reclam. 5 Euro)

Ein Gedanke zu “Theismus versus Naturalismus

  1. Pingback: Was passiert nach dem Tod mit unserer Seele | hinsehen.net

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