50 Shades of Grey: Hegemoniale Männlichkeit statt Emanzipation

Es vergeht kein Tag an dem um die Gesellschaft besorgte Sittenwächter nicht ihre mediale Schelte gegen den aktuell im Kino laufenden Film „50 Shades of Grey“ verteilen. Über deren Argumentation lässt sich freilich streiten, über das generelle Verständnis von Sexualität ohnehin. Einige sind um das Wohl ihrer Kinder besorgt, andere fürchten den Sittenverfall, doch der Film stützt traditionelle Rollenbilder und ist einfach nur ein durchschnittliches Märchen. Die Kritik dagegen verhilft ihm nur zu mehr Publicity. Also: keep calm and relax.

Kritik als Marketingkalkül

Nun denn, zumindest Christen sollten doch aus der Bibel etwas gelernt haben: je mehr die Juden Paulus öffentlich kritisiert haben, umso viraler verbreitete sich die Frohe Botschaft, umso mehr Menschen bekamen Wind von ihm. Ist zugegeben etwas platt gesagt, aber in diesem Sinne können die Macher des Filmes sich über die (vorauszusehende) Kritik glücklich schätzen. Je lauter dagegen protestiert wird, desto heftiger wird das Medium nachgefragt.

Grey und Co. – Nur ein Märchen

Doch worum geht es eigentlich? Das moderne Märchen vom armen Mädchen, das seinen reichen Prinzen finden wird, wird im Grunde nur in postmoderne Muster übertragen. In fast apokalyptischer Weise werden Extreme nicht vermieden, sondern geradezu gesucht. Der schöne Prinz ist ein superreicher Schnösel, ein Milliardär, der perverse Sexualpraktiken als ein Ventil für nicht verarbeitete Kindheitserfahrungen nutzt. Die Art und Weise, wie die beiden Protagonisten ihre Sexualität ausleben ist ungewöhnlich, aber nicht neu. Sadomasochismus ist keine Erfindung der Moderne, dennoch findet es in dieser Offenheit eine neue Bühne in der Populärliteratur. Dass Sadomaso in allen Medien so viel Publicity erhält, sagt viel über die „Kundschaft“ aus.

Es sagt aber auch genauso viel über die Mechanismen der Marketingindustrie aus, denn diese funktionieren wie immer hervorragend. Wird etwas als  Trend erkannt, wird es medial ausgeschlachtet und medial von den Gegnern des Mediums zur Zufriedenheit und Gunst der Filmemacher verbreitet. Besser kann es nicht laufen.

Interessant dabei, dass die Warnungen der Sittenwächter in den sozialen Kanälen teilweise Zustimmungen erhalten, mehr als ein Like lassen die Zustimmer aber nicht da, einen Kommentar vermeiden sie. Warum ? Das könnte man nun süffisant erklären: Die Hälfte, die jene Warnung als LIKE anklickt, hat sicherlich das Buch gelesen, die andere Hälfte will den Film sehen, dazwischen gibt es sicherlich welche, die an den Praktiken zumindest interessiert sind. Empirisch ließe sich das natürlich nie beweisen, wo kämen wir hin 😉 Schließlich macht der Reiz des Verbotenen oder Neuen nicht vor der Türe gläubiger Menschen halt. Dabei lächeln die wahren Kenner der SM-Szene müde über diesen „Softie“ ab 16. Hier darf also mehr das Märchen mit dem Reiz des Verbotenen als Triebfeder im Vordergrund gesehen werden, als irgendwelche Praktiken, die in England Baumärkte zu ungeahnten Vorsichtsmaßnahmen geleitet hätten. Mehr als eine Tube Bauschaum ging da sicherlich nicht über die Ladentheke. Auch das Fernsehen springt auf den Zug auf. Arte und andere Sender mit kulturell hohem Anspruch senden plötzlich Reportagen aus der „Dunklen Szene“, die durchaus differenziert berichten, aber im Grunde nur Wiederholungen sind.

Bester Kunde – die emanzipierte Frau?

Doch was ist mit den emanzipierten Frauen? Sie bilden die Hauptkundschaft der Bücher, dabei wird dort das Bild der devoten Frau grade zu in den Himmel erhoben. Sie ist es, die Stärke und Anlehnung sucht. Widerspricht das Bild dem aktuellen Zeitgeist? Und warum finden das so viele Frauen schön? Ist da die starke Frau ihren inneren geheimen Sehnsüchten zum Opfer gefallen? Der Roman offenbart etwas, dass eigentlich den Proteststurm der ganzen Frauenbewegung herantoben lassen müsste: Die moderne Frau – so zeigt es zumindest „Shades of Grey“ – scheint sich Führung zu wünschen, männliche dominante Führung. Die lächerliche Kitsch-SM-Darstellung ist dabei nur eine unterschwellig, ja, klug unbemerkte Botschafterin des Konservativen. Der Mann, reich, führend, versorgend, die Frau, jung, unschuldig, geführt werdend. Rollenbilder der Vormoderne werden durch die moderne Sexualisierung in Szene gesetzt. Warum diese Trendwende, darüber lassen sich wohl viele Thesen aufstellen. Aber eines wird klar: das traditionelle Rollenbild scheint wieder En vogue zu sein. Zwar wird man sich hüten, dies öffentlich zu sagen, man versteckt es lieber in SM-Botschaften, aber so scheint die grobe Analyse des aktuellen Hypes zu lauten. Die Märchenträume sind noch immer Wünsche – Der reiche Prinz holt die unschuldige Prinzessin ab. „Führe mich“ statt „emanzipiere mich“, ein bisschen knebeln dazu schadet nicht. Lieber Kleid und Knete als Kurzhaar und Kampfemanze.

Der Karneval als Lösung

Interessant bleibt die Tatsache, dass der Film in katholischen Ländern die meisten Kinobesucher verbuchen kann. Wie auch immer – für die erbitterten Sittenwächter liegt die Lösung vielleicht da, wo sie keiner vermutet: im Karneval, denn der bietet eine lang erprobte Lösung zum Umgang mit diverser heikler Thematik:“ levve und levve losse“ (Höhner). Der mündige Mensch muss selbst seinen Weg finden, dabei hilft ein wenig Gelassenheit – das wissen die Frauen selbst am besten. Die Phantasie der Frau, in diesem Märchen mal die Hauptrolle zu spielen, endet dann spätestens nach dem Weglegen des Buches oder dem Ausgang aus dem Cinemaxx. Restbestände an Kopfkino können sicherlich ihrer Ehe, dem Freund oder Partner zugutekommen. Dann ist der Mann gefragt, Baumärkte haben wir ja genug.

Letztendlich zeigt die Realität die Nachhaltigkeit der „gewöhnlichen“ Sexualität: Sie trägt, hat Bestand und endet womöglich nicht mit dem Anruf bei der Feuerwehr, weil diverse Knoten nicht mehr zu lösen sind. Das zumindest schimmerte bei den arte Reportagen durch.

Helau!

Thomas Porwol

3 Gedanken zu “50 Shades of Grey: Hegemoniale Männlichkeit statt Emanzipation

  1. Sehr geehrter Herr Thomas Parwol,
    Ich konnte es kaum glauben, als ich diesen Artikel gelesen! Denn zuletzt hatten wir im Deutschunterricht ihren Bericht „50 Shades of Grey: Hegemoniale Männlichkeit statt Emanzipation“ durchgesprochen und ich muss ihrem Standpunkt, dass Frauen beherrscht werden müssen, widersprechen. Abgesehen von meiner allgemeinen Meinung gegenüber der katholischen Kirche.
    Dabei kritisieren Sie die hartumkämpfte Emanzipation und widersprechen der demokratischen und modernen Gesellschaftsform. Denn durch die Frauenrechtsbewegung hatte keine Gruppe einen Nachteil erlitten, sondern einen Vorteil für beide Geschlechter und eine annähernde Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Denn meiner Meinung nach kommt es auch uns Männer zu Gute, dass Frauen ihre Entscheidungen selber treffen und eigenständig ihr Leben in die Hand nehmen. Denn die Gedanken und die Meinung der Frau sind genauso relevant, wie die des Mannes. Sowohl auch Entscheidungen, die einzig und allein die Frau betrifft, selbst festzulegen. Ebenfalls ist es eine Dreistigkeit zu behaupten, dass das weibliche Geschlecht unterdrückt werden will. Seien Sie doch mal ehrlich, wer will herabgewürdigt werden, nur weil man einem anderem Geschlecht angehört. Richtig, niemand!!! Ebenfalls möchte ich sie darauf hinweisen, dass die konservative „Werte“ der breiten Masse (zu denen anscheinend auch sie hören) innerhalb der Kirche, unbedingt das wahre soziale Ideal sei. Durch solche Verlautbarungen werden sich mehr und mehr vom Katholizismus distanzieren.

    • Es tut mir leid, Sie haben die Zynik hinter meiner Message entweder nicht verstanden, oder etwas herausgelesen, dass Sie herauslesen wollten. Ich kritisiere die Emanzipation nirgendwo, ganz im Gegenteil: Ich sage, der Film ist Antiemanzipantorisch.

    • Lieber Patrick,

      Dein Kommentar zeigt, dass der Beitrag von Thomas Porwol offensichtlich falsch verstanden wurde.

      – „ich muss ihrem Standpunkt, dass Frauen beherrscht werden müssen, widersprechen“

      Thomas Porwol schreibt gar nicht, dass Frauen beherrscht werden müssen. Vielmehr schreibt er, dass er den Film so verstehe, dass im Film ein überholtes Frauenbild vertreten wird:

      „Der Roman offenbart etwas, dass eigentlich den Proteststurm der ganzen Frauenbewegung herantoben lassen müsste: Die moderne Frau, so zeigt es zumindest „Shades of Grey“ scheint sich Führung zu wünschen, männliche dominanten Führung.“

      Weiter scheibst Du:

      – „Dabei kritisieren Sie die hartumkämpfte Emanzipation und widersprechen der demokratischen und modernen Gesellschaftsform.“

      -„Ebenfalls ist es eine Dreistigkeit zu behaupten, dass das weibliche Geschlecht unterdrückt werden will.“

      Worauf beziehst Du Dich in diesen beiden Aussagen?

      Gruß

      Josef Jung, hinsehen.net

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s