Der Narr oder die Verunglimpfung der Atheisten

Foto zu Narr

Karneval als Fest der Narren

Der rheinische Karneval wird uns als „Spaß an der Freud“ vorgestellt. Aber wie verbreitet der Karneval seine spezifische Freude? Er macht sich über andere lustig. Es sind nicht nur die Schwächen des Normalbürgers, die von den Büttenrednern karikiert werden, sondern die Nachbarstädte, in Köln die Düsseldorfer, in Mainz die Wiesbadener, in Frankfurt die Offenbacher. Dann sind es Politiker, auch sog. Kirchenfürsten, kaum die Größen des Showgeschäfts. Es ist eine andere Freude als bei einer Familienfeier oder einem Jubiläum. Im Karneval wird nicht gelobt, sondern verächtlich gemacht. Die Ursprünge liegen bei einem Nordafrikaner, der die Vorstellung von den Zwei Reichen entwickelte, die im Mittelalter eine politische bestimmende Idee wurde – und dem Karneval zugrunde liegt

Die Ursprünge des mittelalterlichen Karnevals

Kaum jemand hat die Zeit nach seinem schriftstellerischen Wirken so geprägt wie Augustinus. In seinem „Gottes-Staat“ verortet er die Existenz des Menschen zwischen zwei Reichen. Das eine wird vom Teufel und seinen Dämonen beherrscht, das andere von Jesus Christus. Der Mensch muss sich für eines der beiden Reiche entscheiden. Genau das geschieht im Übergang zur Fastenzeit. Diese repräsentiert mit Demut, Gerechtigkeit, Almosen und Gebet das Reich des himmlischen Königs. Die 40 Tage sind dem Aufenthalt Jesu in der Wüste nachgebildet. In diesen Wochen hat Jesus keine Nahrung zu sich genommen. Der Volkskunde Dietz-Rüdiger Moser hat in seinem Buch „Fastnacht, Fasching, Karneval. Das Fest der „verkehrten Welt“, diese Wurzeln des Karnevals als Gegenwelt zur Fastenzeit dargestellt. Es ist die Welt des Teufels, der Laster, die in den Masken dargestellt werden. Damit also die Menschen sich in der Fastenzeit für das Reich des himmlischen Königs entscheiden können, braucht es die Darstellung des Gegenreiches, das des Königs der Unterwelt. Der Mensch selbst muss in seinem Zweispalt dargestellt werden. Deshalb ist die zentrale Figur ist der Narr. Dieser hat viele Formen ausgebildet, war sogar eine Institution an Fürstenhöfen. Im Karneval zielt er auf die Gottesleugner. Der Narr irrt auf einem Narrenschiff, einem Boot ohne Segel und Steuerruder, ziellos auf dem Meer des Lebens herum. Sebastian Brant hat um die Wende zum 16. Jahrhundert in seinem „Narrenschiff“ eine Typologie des Narren in über 100 Varianten entworfen, vor Luthers Bibelübersetzung das erfolgreichste Titel im deutschen Sprachraum. Am Ende des Buches wird den Narren der Weise gegenüber gestellt. Im Blick auf die Narretei des Karnevals sind dann nicht die Zuschauer des Karnevalszuges die Narren, sondern die Personen, die auf den Karnevalswagen, ihre Schiffsform ist noch erkennbar, in ihrer Dummheit der Menge vor Augen geführt werden.

Mangelnde Intelligenz der Atheisten

Sieht man den Karneval als Gegenwelt zur Fastenzeit, dann wird der Gottesleugner nicht als intelligent, sondern als Dummkopf dargestellt, weil er aus den Werken der Schöpfung nicht den Urheber zu erkennen vermag. Es gibt also durchaus eine christliche Rufschädigung des Unglaubens. Narr oder Karikatur, jedes Mal wird die Denkfähigkeit des anderen infrage gestellt. Wer aber den anderen als beschränkt, uneinsichtig, als Wirrkopf karikiert, stellt sich selbst eine Stufe höher. Denn nur derjenige, der die größere Intelligenz für sich beanspruchen kann, ist legitimiert, über den anderen zu urteilen. Witze und Karikaturen sind nun mal Urteile über den anderen. Wie im Karneval werden auch von Charlie Hebdo religiöse Vorstellungen karikiert, indem sie in einen sexuellen Kontextgestellt werden, so z.B. eine Kopulation zwischen Gottvater und Sohn als Ursprung des Heiligen Geistes.

Religion – ein Intelligenz- oder ein Existenztest?

Es ist wohl die schwierige Frage, wie über ein Wesen, das per definitionem nicht zu dieser Welt gehört, ihr „transzendent“ ist, geurteilt werden kann. Da dieses Wesen durch den Mund seiner Propheten erhebliche Forderungen an den Menschen stellt und sogar Anbetung einfordert, geht es bei der Gottesfrage nicht nur um die Existenz Gottes, sondern genauso um den Menschen. Stößt der Mensch auf die Gottesfrage, wird er mit sich selbst konfrontiert. Er kann nicht mehr wie selbst-verständlich, „unbewusst“ wie die Tiere einfach leben.  Sondern der Mensch fragt sich, wer ihn in diese Existenz gebracht hat. Viele empfinden ihre Existenz als  Geworfen-Sein, als in eine Welt gesetzt, die eigentlich nicht so sein sollte.
Die Fragen lassen sich nicht durch Bekämpfung, oder gar durch eine Verächtlichmachung klären. Vor der Frage der eigenen Existenz stehen Atheisten wie Gläubige. Beide finden sich in einer Welt vor, die sie sich anders gewünscht hätten. Die Karikaturen führen den Zustand auf Dummheit zurück. Tatsächlich gibt es ja nichts Dümmeres als einen Krieg. Wir bekommen es uns gerade wieder vorgeführt. Statt eine gerechte Gesellschaft aufzubauen, wird das Geld in Waffen investiert und die Schaffenskraft der jungen Generation in die Kriegskunst fehlgeleitet.
Weil so viel Dummheit herrscht, bleibt der Karneval eine notwendige Einrichtung. Im mittelalterlichen Verständnis wäre er auch heute eine Art Reinigungsbad. Der Karneval hat auch etwas Versöhnliches: Wenn die Büttenredner die Schwächen des Normalbürgers karikieren, helfen sie ihren Zuhörern sogar, sich mit den eigenen Schwächen zu versöhnen.
Die Gottesfrage bleibt dann den 40 Tagen der Fastenzeit weiter als Aufgabe.

Eckhard Bieger S.J.

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