Blasphemie oder kann man Gottes Ruf schädigen?

Foto: dpa / picture-alliance

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Mit den Attentaten in Paris ist die Frage der Blasphemie neu auf die Tagesordnung gesetzt. Muss man mit der Verspottung einer Religion nicht vorsichtiger umgehen? Es geht schließlich um Wertvorstellungen der Gläubigen, die Achtung erfordern. Da der Staat nicht die Kompetenz hat, das Faktum „Gotteslästerung“ festzustellen, ist im deutschen Strafrecht der innere Friede der Leitgedanke. Wenn durch Provokation einer Religionsgemeinschaft der innere Friede bedroht wird, muss der Staat einschreiten. Zugleich ist er aber verpflichtet, die Presse- und Meinungsfreiheit zu gewährleisten. Ob die Konstruktion „Innerer Frieden“ funktionieren kann, muss deshalb eigens erörtert werden, weil sie auf das Recht der freien Meinungsäußerung trifft. Diese Frage können die Juristen nicht einfach entscheiden, setzt deren Klärung die doch Bestimmung voraus, was eigentlich Gotteslästerung sein könnte. Erst dann kann man juristisch gegen dieses Verhalten vorgehen.

Atheisten können Gott nicht beleidigen

Das griechische Wort Blasphemie meint erst einmal nur „Rufschädigung“, wird aber im heutigen Sprachgebrauch für die Schmähung einer Religion gebraucht. Oder ist Gotteslästerung nur die Verspottung eines religiösen Bekenntnisses? Da über die Existenz Gottes offensichtlich kein Einverständnis zu erzielen ist, geht es in der Auseinandersetzung zwischen Gläubigen und Atheisten um eine Glaubensfrage, denn auch Atheisten sind in Weltanschauungsfragen keine Wissenden, sondern nur Glaubende. [siehe: Atheisten sind auch Metaphysiker] Atheisten können den Gottesglauben nicht zwingend widerlegen denn Gott ist kein Objekt der Erkenntnis innerhalb dieser Welt. Sie müssen offensichtlich auf die Verächtlichmachung des Bekenntnisses als Waffe zurückgreifen. Gott, der ja für Atheisten gar nicht existiert, kann logischerweise von ihnen nicht in seinem Ruf geschädigt werden. Denn wen es nicht gibt, dessen Ruf kann man nicht schädigen. Würde man z.B. eine Romanfigur verächtlich machen, könnte der Schriftsteller nur auf Entwürdigung seines Kunstwerks hinweisen, nicht aber auf Rufschädigung einer Person. Wenn es Gott nicht gibt, dann kann man ihn auch nicht „lästern“. Deshalb zielen die Satiren von Charlie Hebdo nicht auf Allah, sondern auf den Propheten Mohamed oder auf Jesus Christus.

Gotteslästerung in „Gottes-Staaten“

Nur wenn es Gott gibt, kann man von Gotteslästerung sprechen. Gott kann daher nur von Gläubigen verunglimpft werden. Aber warum sollten sie das machen, wenn sie ihre Existenz von einem göttlichen Schöpfer herleiten? Es besteht unter Christen zunehmend Übereinstimmung darin, dass es Gotteslästerung geben mag, diese aber Gott nicht berührt und damit auch nicht strafrechtlich verfolgt werden sollte. Das zeigt, dass Blasphemie als Gotteslästerung nur deshalb unter Strafe gestellt werden kann, weil sie den inneren Frieden bedroht. Das trifft allerdings nicht für Staaten zu, die eine Trennung von Religion und staatlicher Macht kennen. Auf diese Trennung haben die religiösen Reformbewegungen des 12. Jahrhunderts im Abendland hingewirkt. Es ging damals um die Eigenständigkeit der Kirche, ihr Führungspersonal selbst auszuwählen und z.B. die Einsetzung von Bischöfen und sogar Päpsten nicht, wie in Byzanz, dem weltlichen Herrn zu überlassen. Noch mehr als das oströmische Reich zeigen die sog. islamischen Republiken, dass sie sich bedroht fühlen, wenn das religiöse Bekenntnis verunglimpft wird. Ob Saudi Arabien, Persien oder Pakistan – der Staat fühlt sich unmittelbar angegriffen, wenn die Religion, auf die er seine Autorität stützt, infrage gestellt wird. In Indien wird der sog. Hindu-Nationalismus immer unerbittlicher gegen andere Religionen, konkret gegen Muslime und Christen. Diese Form des Nationalismus beansprucht die Religion, indem erklärt wird, ein richtiger Inder könne nur Hindu sein. Die Trennung von Staat und Religion ist also das beste Mittel, die Blasphemieproblematik zu entschärfen. Aber warum dann Blasphemie in einem Staat, der weltweit die strikteste Trennung von Staat und Kirche vollzogen hat, wie Frankreich? Die noch verbliebenen kommunistischen verbliebenen Staaten sind deshalb anders als die säkularen Demokratien zu beurteilen, weil sie zwar nicht Gott für ihre Legitimation beanspruchen, ihrer Ideologie aber einen quasi religiösen Charakter verleihen. Deshalb verfolgen sie Angriffe auf die kommunistische Doktrin genauso scharf wie die sog. Gottes-Staaten

Warum noch Blasphemie, wenn es Gott nicht gibt?

Eigentlich dürfte es in einem säkularen Staat den Straftatbestand der Blasphemie nicht geben. Die Atheisten können Gott nicht lästern, weil für sie Gott ja nicht existiert. Die Gläubigen müssen Blasphemie nicht ernst nehmen, weil Gott so groß ist, dass ihn Blasphemie nicht erreicht, schon gar nicht von denen, die seine Existenz bestreiten. Trotzdem fühlen sich nicht nur Muslime, sondern auch Christen durch Karikaturen, z.B. des Gekreuzigten, verletzt und fordern das Verbot solcher Darstellungen.

Offensichtlich beinhalten die religiösen Vorstellungen so viel Provokation, dass sie die Satiriker reizen. Hinzu kommt, dass sich die Gläubigen reizen lassen. Wer eine Karikatur des Propheten veröffentlicht, kann mit Reaktionen der Muslime rechnen. Wer Jesu am Kreuz karikiert, kann zumindest bei einer Gruppe von Christen mit Empörung rechnen. Jedoch: Die sich empörenden Christen vergessen zumeist, dass sie selbst Ungläubige verächtlich machen.

Die andere Seite soll in einem nächsten Beitrag dargestellt werden: Der Narr als Dummkopf ist nämlich der, der aus den Werken der Schöpfung Gott nicht erkennen kann.

Eckhard Bieger S.J.

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