Vatikan goes sexy Irrweg

Foto: dpa/picture-alliance

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Entweder sind im Vatikan die Verantwortlichen für den Werbespot, der zur Konferenz über Schönheitsoperationen in die Öffentlichkeit gebracht wurde, zu sehr von ihren Trieben gesteuert oder es gilt die Devise: Hauptsache Aufmerksamkeit! Ein durchaus ernsthaftes Anliegen ist damit im Ansatz schon in seiner Glaubwürdigkeit zerstört. Man könnte dann auch gleich als Vorsitzende für die kommende Familiensynode Gianna Nannini einladen, die mit 54 Jahren ihr erstes Kind bekam, aber keinen Mann erkannte. Ob sie allerdings Zeit hat, ist noch fragwürdig, da sie ein wenig Ärger wegen der Steuerhinterziehung von 3,7 Millionen Euro hat. Die Vorstellung, dass im Vatikan abgerockt wird und alle „bello e impossibile“ singen, hat allerdings etwas.

Wenn neben diesem Werbespot auch noch Schönheitsoperationen als „Burka aus Fleisch“ bezeichnet werden, dann muss man annehmen, dass Redakteure der Bild-Zeitung im Vatikan die Regie übernommen haben, denn die – das muss man ihnen lassen – kreieren immer wieder Knallerüberschriften, die als Slogan im Bewusstsein lange überleben, wie: Wir sind Papst. Ansonsten spricht ein solcher Vergleich von einem kognitiven Kollaps und schlechtem Geschmack. Eine ernsthafte Auseinandersetzung kann dahinter nicht vermutet werden.

Verlorene Glaubwürdigkeit

Wird in dieser Art und Weise mit einem für die Menschen wichtigen Thema umgegangen, dann werden andere Diskussionen ebenso fragwürdig. Sexualität und Familie, das ist mit großer Wahrscheinlichkeit der Schluss vieler Zeitgenossen, sind keine Themen, die man mit Kirchenvertretern diskutieren möchte. Entweder sind diese Leute total verklemmt oder geben sich neumodern aufgeklärt und tun nur so, als wären sie frei und aufgeschlossen. Ein wenig erinnert diese Causa auch an einen alten Witz: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist überlegen, wohin sie ihren nächsten Betriebsausflug machen sollen. Überall sind sie schon gewesen, da meint der Sohn plötzlich: Wir reisen zum Vatikan! Ja genau, rufen die anderen, da waren wir noch nicht!

Religiöse Spuren auch im Vatikan?

Die Kirche, vor allem in den westlichen Ländern und besonders in Deutschland, ist von einem riesigen Verwaltungsapparat gekennzeichnet. Bischöfe werden vom Staat mit einem fürstlichen Gehalt bezahlt, die Kirchensteuer sichert den Haushalt ab, das Zentralkomitee der Katholiken kreist um sich selbst, die Verbände suchen verzweifelt nach Mitgliedern, die Gemeinden schrumpfen zusammen und als Zeichen der Spiritualität wird noch ein und noch ein Anselm Grün in ein Buch gedrückt. Die Frage nach religiösen Spuren muss also auch auf die Institution Kirche selber bezogen werden. Wo lassen sich in diesem verwalteten Glaubenskoloss Ansätze von Spiritualität entdecken? Was könnte eine hilfreiche religiöse Spur sein, die auch in den Vatikan führt?

Nackt in der Kapelle

Ein erster Schritt, der bei der Restaurierung der Sixtinischen Kapelle leider nicht vorgenommen wurde, könnte der unbefangene Umgang mit Nacktheit sein. Michelangelo hatte keine Angst vor nackten Männern und malte sie, wie der liebe Gott sie geschaffen hatte. Das Jüngste Gericht in der Sixtinischen Kapelle ist ein Zeugnis davon. Allerdings beauftragte Pius IV. Daniele da Volterra, den Michelangelo protegiert hatte, die anstößigen Blößen zu übermalen. Daniele da Volterra ging in die Geschichte als Hosenmaler ein. Es könnte mit dem wahren Jüngsten Gericht eine wunderbare Ausstellung konzipiert werden: Helmut Newton und Robert Mapplethorpe vis à vis Michelangelo. Eine solche Ausstellung könnte die religiösen Spuren aufdecken, die in der Darstellung des nackten menschlichen Körpers verborgen sind. Die Kunstschätze im Vatikan böten sicherlich weitere Ideen für solche Präsentationen. Erotik und Sexualität könnte erlebt werden, man würde nicht nur darüber reden.

Sado-Maso und die eiserne Jungfrau

Die Kirchengeschichte bietet reichlich Material, wie Menschen mit ihrer Sexualität umgegangen sind und wie sie Mechanismen der Verdrängung oder Unterdrückung gefunden haben. Foltermethoden der Inquisition sind die besten Beispiele für Sado-Maso-Techniken. Selbstgeißelung und andere Methoden zur Abtötung sexueller Gefühle sind gängige Praktiken bei einer Domina. In den Archiven des Vatikans finden sich dafür sicherlich beste Ratgeberbücher. Man kann diese Formen sexueller Lustgewinnung nicht mögen, sie zeigen jedoch auch religiöse Spuren auf. Abgesehen von den krankhaften Anteilen eines solchen Tuns, sind solche Methoden der Hinweis darauf, dass Menschen die Verletzung des Körpers in Kauf nahmen und nehmen, um Gott näher sein zu können. Strukturell gibt es da keinen Unterschied zu den Körpermodifikationen, die Ausrichtung ist lediglich eine andere.

Religiöse Spuren auch in der Kirche

Religiöse Spuren sogar in der Kirche aufzuspüren, ist ein reizvolles Projekt. Die selbstverständliche und für viele naheliegende Annahme, dass Kirche mit Religion zu tun hat, aufzugeben und gleichermaßen in Kirche wie in Welt nach religiösen Phänomenen zu suchen, befreit von dem Zwang, kirchliches Tun als Akt des Glaubens sehen zu müssen und radikalisiert den Umkehrgedanken des Christentums. Die Erscheinungsformen des Glaubens sind nicht selbstverständlich, sondern müssen immer neu erschlossen und nach ihren religiösen Gründen befragt werden.

© Thomas Holtbernd

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