Die Textresistenz der Studierenden: Was Google und Facebook mit den Köpfen gemacht haben

Foto: dpa/picture-alliance

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Studierende haben sich längst daran gewöhnt, dass das „prüfungsrelevante“ Wissen irgendwie zu ihnen kommt, ähnlich der „News“ in den sozialen Netzwerken. Wir lesen morgens keine Zeitung mehr. Das würden die meisten von uns von der Konzentration her vermutlich auch gar nicht mehr schaffen. Die wichtigen Neuigkeiten kommen schon zu uns, wenn wir sie wirklich brauchen. Das Überfliegen unserer Timeline in Facebook genügt meistens schon. Doch das bleibt nicht folgenlos.

Die Generation um die 20 ist bereits auf weniger komplexe Dienste umgestiegen, momentan funktioniert der Nachrichtendienst WhatsApp in dieser Altersgruppe. Wir hetzen von einer medialen Zerstreuung zur nächsten. Diese Haltung prägt auch das Lern- und Arbeitsverhalten im Studium. Das Internet hat uns unkritisch und textresistent gemacht. Aber Prüfungen klappen trotzdem ziemlich gut, weil positives Wissen mundgerecht zugänglich gemacht und abgefragt wird. Diesen kulturell-geistigen Wandel haben die meisten Hochschulen bisher verschlafen.

Ich habe das Internet ausgeschaltet. Die W-LAN-Funktion meines Laptops habe ich deaktiviert. Mein iPhone liegt neben dem Laptop auf dem Schreibtisch, aber ich habe es in den „Flugmodus“ geschaltet. Keine Ablenkung mehr möglich. Ich will mich nur auf das Schreiben dieses Artikels konzentrieren, für den ich, ganz nüchtern betrachtet, keine zusätzlichen Informationen aus dem Internet benötige. Der Computer ist hochgefahren. Reflexartig klicke ich auf das Symbol von Mozilla Firefox, meines Browsers, nur um zu merken, dass ich ja das Internet abgeschaltet habe. Neuer Versuch: Ich öffne Microsoft Word. Ich möchte aufschreiben, wie ich in Zeiten von Facebook, Twitter, Google und YouTube Informationen aufnehme und verarbeite, ob und wie ich Texte lese und verstehe und wie sich das alles womöglich auf mein Studium auswirkt.

Alles nebenbei

Im Deutschlandfunk beginnt gerade ein Interview mit dem Comedian – oder Komödianten? – Helge Schneider. Kann ich das nicht auch nebenbei hören? Kaum ist das Internet aus, drängen sich mir andere mediale Versuchungen auf. Und wie schreibt man eigentlich Comedian? War das jetzt richtig? Das könnte ich doch ganz leicht googlen. Nein, das Internet bleibt jetzt aus. Wenn ich jetzt anfange, zu googlen, lande ich bei einem solchen Suchbegriff garantiert auf YouTube, und schaue dort Videos von Helge Schneider an. Dann schreibe ich den Artikel heute gar nicht mehr. Radio aus, Internet aus, und jetzt auch noch Ohrstöpsel rein, denn mein Nachbar hört laute Musik.

Hochschulen und das Internet

Als ich im Wintersemester 2006 mein Theologie-Studium begann, gab es das soziale Netzwerk Facebook in Deutschland noch gar nicht. Auch das Kurznachrichtenportal Twitter war noch nicht erfunden. Das Videoportal YouTube steckte in den Kinderschuhen. Eine langsam anwachsende Zahl von Kommilitonen tummelte sich in dem seinerzeit gerade gegründeten deutschen Sozialnetzwerk „studiVZ“. Man konnte dort eine persönliche Profilseite anlegen, Interessengruppen gründen und Fotos hochladen. Als Facebook aus den USA nach Europa kam, dauerte es nicht lange, bis die meisten ihre „studiVZ“-Seiten schlossen und zu Facebook wechselten. Zu dieser Zeit hatte allerdings so gut wie niemand ein internetfähiges Handy. Smartphones gab es in der heutigen Form gar nicht. Einige Manager hatten vielleicht ein „Blackberry“ oder ein besonders teures Business-Handy, auf dem sie gerade einmal ihre E-Mails lesen konnten.

In der Bibliothek meiner kleinen Hochschule gab es noch kein W-LAN, auch nicht für Laptop-Nutzer. Die Lernplattform Moodle war noch lange nicht eingeführt. In der Mensa gab es tatsächlich noch eine Leseecke mit Tageszeitungen. Ich glaube, zu dieser Zeit durfte man nachmittags in der Mensa sogar noch rauchen. Erst seit etwa anderthalb Jahren gibt es in unserer Mensa auch W-LAN. Einzig im Hochschulgebäude existiert bis heute kein Internetzugang für Studierende. Bei Veranstaltungen des Studienprogramms „Medien und öffentliche Kommunikation“ müssen regelmäßig mehrere Meter Kabel oder ein eigener W-LAN-Router von der IT-Abteilung ausgeliehen werden, um die Laptops der Teilnehmenden per Kabel an das Internet anschließen zu können.

Im Hochschulgebäude gibt es aber nicht nur kein W-LAN, sondern wegen des Drahtgitters, welches das Gebäude einhüllt, auch keinen Handyempfang. Daher kann man auch mit einem mobilen Internetzugang auf dem Smartphone das Internet dort nicht nutzen. Nicht wenige Kommilitonen wären anderenfalls auch während der Lehrveranstaltungen unentwegt, scheinbar „nebenbei“ auf Facebook. Mir persönlich ginge es jedenfalls so. Vielleicht würde man auch ab und an den ein oder anderen vom Dozenten genannten Fachbegriff oder Namen googlen oder auf Wikipedia schnell etwas nachlesen. Die Aufmerksamkeit für die Vorlesung wäre schnell dahin.

Immer online, immer nervös, weil man alles mitkriegen will

Wir sind immer online und leben in der ständigen Erwartung, dass in unseren Netzwerken irgendetwas „Neues“ online kommen könnte, das wir vermeintlich mitbekommen müssen. Die „Timeline“ auf Facebook liefert alle paar Minuten oder Sekunden Neuigkeiten aus dem Netzwerk: Fotos, Videos, persönliche Befindlichkeiten, mehr oder weniger relevante Nachrichten, Links zu Internetseiten, Aufrufe zu Petitionen, Wohnungsgesuche. Dazu kommt noch der Facebook-Chat: zu jeder Zeit könnte mir jemand aus meinem Netzwerk eine private Nachricht zukommen lassen, die mir in Echtzeit zugestellt wird. Was, wenn ich diese nicht sofort lese? Verpasse ich dann nicht etwas? Und wehe, wenn mir auf eine Nachricht nicht sofort geantwortet wird.

Wir werden nervös, kontrollieren noch öfter unsere Smartphones, aktualisieren die Seite. Es ist ein regelrechtes Suchtverhalten und es führt zu ständiger Nervosität. In den Chats und Gruppen der Jüngeren bei WhatsApp ist der Druck, Nachrichten möglichst schnell zu beantworten noch größer: Derjenige am anderen Ende des Internets sieht nämlich, ob ich seine Nachricht gelesen habe – wenn ich ein paar Mal nicht zügig genug antworte, werde ich für die Gruppe uninteressant und isoliert.

Wir müssen vergessen, das raubt Energie

Nüchtern betrachtet ist der Großteil der auf Facebook und Twitter „geteilten“ Beiträge eher mäßig bis gar nicht relevant bzw. hat einen äußerst geringen Informationswert. Selbstverständlich, es gibt auch immer wieder interessante Berichte oder Nachrichten, die ein anderer Nutzer vor mir etwa auf „FAZ.net“ gelesen und an sein Netzwerk weitergegeben hat. Auch das ein oder andere Wohnungsgesuch ist schon erfolgreich über Facebook vermittelt worden. Oder jemand verweist auf einen neuen lesenswerten Beitrag im Netz. Bevor ich aber einen der geteilten Artikel wirklich durchlesen kann, muss ich schon wieder auf Facebook zurückgehen und prüfen, ob nicht in der Zwischenzeit wieder etwas Neues mitgeteilt wurde. So kann ich mich nie wirklich dauerhaft auf das Lesen eines längeren Artikels oder die Beschäftigung mit einem Thema konzentrieren. Ich muss möglichst schnell möglichst viel vergessen. Mein Gehirn ist hauptsächlich damit beschäftigt, Informationen auszublenden und zu vergessen. Das ständige Warten auf ‚neue‘ Informationen wie das fortwährende Ausblenden der unzählig vielen irrelevanten Beiträge kostet sehr viel Kraft und Zeit. Das für Studierende schon immer schwierige Zeitmanagement leidet darunter.

Kritische Unterscheidung nicht mehr möglich

Mit der Zeit verlernen wir es deshalb, längere Texte zu lesen. Auch außerhalb des Internets, haben wir verlernt, uns eingehend und längerfristig mit Texten zu beschäftigen. Im Internet sind die Informationen auf uns zugeschnitten. Google, Facebook, YouTube, Amazon und die vielen anderen zeigen inzwischen uns nur noch das, was wir sehen möchten. Die Seiten sind so programmiert, dass wir nur das finden, was wir ohnehin gesucht haben. Wir sehen das, was wir sehen wollen. Denn wir bekommen nur solche Inhalte angezeigt, die wir schon häufig angeklickt haben, wir sehen nur die Beiträge von den Leuten, mit denen wir ohnehin vermehrt in Kontakt stehen. Mit einem Mausklick oder Fingertippen auf „Gefällt mir“ bei Beiträgen auf Facebook entscheiden wir, ob wir ähnliche Beiträge wieder sehen wollen.

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten wird so nicht nur unnötig, sondern geradezu verunmöglicht. Der Dreischritt „Wahrnehmen, Unterscheiden, Entscheiden“ wird reduziert auf eine völlig unterkomplexe Unterscheidung und eine sofortige Entscheidung. Der Schritt der Wahrnehmung findet gar nicht mehr statt.

Radikale Textresistenz

Eine umfassende, tatsächlich kritische Auseinandersetzung mit dem Lernstoff, etwa in Form der Lektüre von Sekundärliteratur, ist für Prüfungen kaum noch notwendig. Häufig gibt es ausführliche Skripten, mehr oder weniger gute Mitschriften, den ein oder anderen Artikel, den man gelesen haben sollte. Irgendwo gibt es immer schon eine Zusammenfassung, ein Abstract, eine kürzere Version, einen Hinweis darauf, was der Dozent „gerne fragt“. Aber auch das Lesen der Skripten oder Mitschriften erfordert sehr viel Kraft, sitzt man dabei doch häufig zuhause am Computer, wo die nächste Zerstreuung nur einen Mausklick entfernt ist. Abgefragt wird in den Prüfungen dann aber doch sehr häufig positives Wissen, also das, was der prüfende Dozent als „prüfungsrelevant“ angegeben hat. Das Internet liefert die Information, die ich gesucht habe. Der Prüfling sagt das, was der Dozent „hören will“.

Das Gefährliche dabei: Die Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem geht verloren, die doch für das Studium, gerade der Geisteswissenschaften die conditio sine qua non ist. In diesem geistigen Umfeld bildet sich unsere Generation ihre Meinungen, die Sicht des Menschen wird hier geformt, kurze Kommentare und „Gefällt mirs“ bilden ab, was gerade dran ist. Lehrende und Verantwortliche an Hochschulen, Universitäten, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen müssen begreifen, dass hier ein tiefgreifender kultureller Wandel geschieht und die Konsequenzen aus dieser Revolution ziehen.

Diesen Text habe ich geschrieben, ohne dabei auch nur einmal das Internet wieder einzuschalten.

© Matthias Alexander Schmidt

hinsehen.net-Redaktion

Nachtrag:

In meinen philosophischen Semestern – diese lagen noch in der Vorzeit des heutigen Internets, wie beschrieben – war es noch prüfungsrelevante Voraussetzung, sich mit Texten etwas besser auszukennen, was auch eine eigene Anstrengung in Form von kritischer Lektüre erforderte, darunter Platons Politeia, Aristoteles Metaphysik, Autoren im Bereich der Philosophie des Geistes. Für Seminararbeiten war eine Beschäftigung mit Texten in meiner Erfahrung ohnehin unerlässlich. Im Austausch mit Kommilitonen und beim Schreiben meiner Diplomarbeit merkte ich, dass ich mir meine textkritische Kompetenz regelrecht wieder neu aneignen musste. Schon nach der Lektüre eines etwas längeren Absatzes brauchte ich eine Verschnaufpause und eine der oben beschriebenen medialen Zerstreuungen.

Ein Gedanke zu “Die Textresistenz der Studierenden: Was Google und Facebook mit den Köpfen gemacht haben

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