Pegida als eine Ketzerbewegung

Foto: dpa/picture-alliance

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Nimmt man mal an, dass auch ohne Religion Bewegungen mit religiösen Inhalten entstehen, dann erklärt sich Pegida und die Auflösung dieser Gruppe wie die in der Geschichte immer wiederkehrenden Protestansammlungen von Menschen, die die Reinheit der Lehre beschwören. Adamiten bspw. beschworen in der Nacktheit das Reine, asketische Gruppen sahen gerade darin das Unreine, andere beklagten den Abfall von der ursprünglichen Religion, wieder andere wollten radikale Veränderungen.

Solche Eruptionen allein durch eine fortschreitende Theologie oder Wissenschaft zu erklären, wäre zu eindimensional. Wahrscheinlich lassen sich für unterschiedliche Ketzerbewegungen auch verschiedene Ursachen finden. Pegida und die anderen Ida-Gruppen deuten auf eine vielleicht typische Ursache hin. Den Vertretern der Religionen und anderen Weltanschauungsgruppierungen ist es über einen langen Zeitraum hin nicht gelungen, ihren Glauben oder ihre „Theorie“ allgemeinverständlich und auf die Lebenssituation der Menschen hin zu positionieren. Gleichzeitig ist der Wohlstand recht hoch und es gibt keine spürbare Bedrohung. Die Menschen sind relativ wenig abgelenkt vom Lebenskampf. Und genau in einer solchen Situation treten hysterische Reaktionen auf. Kleine Unstimmigkeiten werden zu großen Gefahren aufgebauscht. Die richtige Beobachtung, dass ein einzelner Ausländer sich kriminell verhält, wird verallgemeinert, die Ursachen hierfür werden ausgeblendet und dass Menschen, die schon immer in Deutschland gelebt haben, auch vom Pfad der Tugend abweichen, wird verdrängt.

Der Führer

Es ist erstaunlich, wie sehr Adolf Hitler immer noch eine Ikone ist. Fidel Castro hat den Führer bewundert, in Indien gibt es Menschen, die sich oder ihre Kinder so nennen, in China finden sich Begeisterte für den Führer und Lutz Bachmann hatte wohl auch keine Hemmungen, sich als „Führer“ sehen zu wollen. Adolf Hitler hat sich als ein Symbol für Stärke und Klarheit in die Köpfe der Menschen eingebrannt. Diese Figur hat eine große Anziehung und dies auch für diejenigen, die in keiner Weise als nationalsozialistisch einzustufen sind. Auschwitz hingegen gilt als Ausdruck des Grauens und kaum ein Besucher des Konzentrationslagers wird die Eindrücke, die er dort macht, vergessen. Doch das Dunkle wird auch gerne zugedeckt. Viele Menschen wollen sich damit nicht mehr beschäftigen. Wenn nun in einer Kultur auf der einen Seite das Dunkle und Leidvolle eingraviert ist und auf der anderen Seite eine Gestalt wie Adolf Hitler, dann kann angenommen werden, dass in ruhigen Zeiten eine massive Dynamik ausgelöst wird. Da das Phänomen Auschwitz unerträglich ist, wirkt es als eine unbewusste Kraft und verwandelt sich in eine Angst vor einer Bedrohung. Umgekehrt kann ein starkes Bild wie Hitler eine größere Anziehung bekommen und verbindet sich mit der inneren Dynamik einer Ketzerbewegung wie Pegida.

Ruhige Zeiten sind ein Pulverfass

Wohlstand und Frieden sind sicherlich erstrebenswerte Ziele, es ist jedoch auch ein Zustand, der Gefahren in sich birgt. Der übliche Einwurf, Luxus führe zu Dekadenz und Trägheit, kommt oft von denen, die in besonderer Weise vom Wohlstand profitieren und diese Privilegien auf Kosten anderer erhalten wollen. Ist der Mensch entlastet von den äußeren Bemühungen um ein gutes Leben, dann müsste er umso größere Anstrengungen erbringen, das Innere der Gesellschaft zu gestalten. D. h., dass Kultur und Bildung quasi zu den Kampfstätten werden. Die gesellschaftlichen Gruppen müssten sehr viel Geld und Zeit investieren, um die Menschen intellektuell wie auch gefühlsmäßig zu schulen, damit sie mit den inneren Dynamiken in sich selbst als auch der Gesellschaft umgehen können. Bildung und Kultur als Unterhaltung, die vor allem auf den Erhalt des materiellen Wohlstands ausgerichtet sind, helfen dem Einzelnen nicht, die innere Dynamik bewusst zu kontrollieren und zu lenken. Es kann sich dann Bahn brechen, was als stark erlebt wird. Im Wohlstand wird das Leidvolle verdrängt und die tiefen Bilder oder Archetypen der Macht kommen an die Oberfläche. Ketzerbewegungen wie Pegida sind so auch ein Ausdruck dafür, wie eine Gesellschaft die eigene innere Dynamik als Aufgabe annimmt oder eben nicht.

© Thomas Holtbernd

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