Religion muss sich rechtfertigen

Warum überlassen die Islamgelehrten das Feld den Attentätern?

Die Anschläge in Paris haben die Situation der Religion verändert. Auch das Christentum muss seine Rolle in der jeweiligen Gesellschaft überdenken. Der Islam steht im Moment mehr im Fokus der Aufmerksamkeit. Jedoch hat die katholische Kirche mit den Missbrauchsskandalen gerade eine solche Phase hinter sich. Die Frage war ähnlich wie beim Islam: Woher kommt es, dass gerade die Amtsträger Kinder für ihre Bedürfnisse wählen und dann noch Jungen?

Als diese Fälle an die Öffentlichkeit gelangten, begann das Fragen. Nicht nur fragte man, wie es möglich ist, sondern wieso gerade bei der katholischen Kirche? Die Amtsträger haben reagiert und sich von diesen Vorfällen distanziert. Die Täter wurden von ihrem Dienst suspendiert. Aber versteht man heute besser, wieso aus der geistigen Verfasstheit der katholischen Kirche bei ihrem wichtigsten Personal gerade ein solches Fehlverhalten entsteht? Die Frage ist nicht hinreichend beantwortet.

Die Öffentlichkeit darf fragen

Eine erste Reaktion bestand darin, dass man die Fragen der Öffentlichkeit, die durch ihre Informationsprofis, die Journalisten gestellt wurden, nicht beantworten wollte. Was geht das die Öffentlichkeit an! Die Kirche ist der Öffentlichkeit keine Rechenschaft schuldig. Deutlichster Ausdruck dieser Haltung war eine Einlassung während des Ostergottesdienstes auf dem Petersplatz durch den Dekan des Kardinalskollegiums. Ohne dass für eine solche Ansprache des Sprechers des Kollegiums in der Liturgie ein Platz vorgesehen wäre, wählte Kardinal Sodano die Form einer Begrüßung des Papstes:

„Heiliger Vater, mit Ihnen ist das Volk Gottes, das sich nicht vom Geschwätz des Augenblicks und nicht von den Prüfungen beeindrucken lässt, die zuweilen über die Gemeinschaft der Gläubigen hereinbrechen. Jesus hatte uns ja klar gesagt: ‚In der Welt seid ihr in Bedrängnis‘, doch Er fügte sofort hinzu: ‚Aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt. (Joh 16,33) (zitiert nach kath.net)

Das war am Ostersonntag 2010. „Mit dem Geschwätz des Augenblicks“ waren die Stimmen gemeint, die der katholischen Kirche eine Vertuschung der Missbrauchsfälle vorwarfen. Eine ähnliche Reaktion gab es seitens einiger Kardinäle im Hinblick auf das Bauprojekt des Limburger Bischofs. Wenn die Berichte in den Medien als reine Agitation dargestellt werden und nicht als legitime Anfrage, wie Kirchensteuer – und damit öffentliche Gelder – verwendet werden, dann ist das auch eine Absage an die Rechenschaftspflicht der Kirche. Man hätte die Afnragen ja leicht beantworten können, bevor der Druck so groß wurde, dass die Wahrheit auf den Tisch musste.

Fragen im Namen der Vernunft

In welcher Kompetenz darf die Öffentlichkeit religiöse Institutionen befragen? Die Medien können sich nicht auf ein besseres Wissen über die Religion berufen. Sie können allenfalls das Verhalten, das zu Fragen führt, mit der Botschaft vergleichen, die die Religionsgemeinschaft verkündet. Wenn die Medien im Namen der Gesellschaft kritisch nachfragen, dann müssen sie sich auf Vernunft berufen. Hierzu hat Papst Benedikt in seiner Regensburger Rede, sogar mit einem provokativen Zitat hingewiesen. Er konstatiert zuerst, dass „es … notwendig und vernünftig bleibt, mit der Vernunft nach Gott zu fragen und es im Zusammenhang der Überlieferung des christlichen Glaubens zu tun, war im Ganzen der Universität unbestritten.“

Mit einem Zitat aus einem aufgezeichneten Religionsgespräch des Byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaeologos, wahrscheinlich aus dem 1391, mit einem persischen Gelehrten, steuert der Papst direkt auf das Gewaltproblem zu. Es war der Dezember 2006. Er zitiert den Kaiser ausführlich:

„Der Kaiser wußte sicher, daß in Sure 2, 256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen – es ist wohl eine der frühen Suren aus der Zeit, wie uns ein Teil der Kenner sagt, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war. Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten – später entstandenen – Bestimmungen über den heiligen Krieg. Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von ‚Schriftbesitzern‘ und ‚Ungläubigen‘ einzulassen, wendet er sich in erstaunlich schroffer, für uns unannehmbar schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: #Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten‘.  Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. ‚Gott hat kein Gefallen am Blut‘, sagt er, ‚und nicht vernunftgemäß, nicht σὺν λόγω‘ zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung… Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann…“.

Nach der Rede gab es von islamischen Predigern geschürte Proteste, eine Ordensfrau in Afrika wurde umgebracht.

Vernunft als Korrektiv und sogar Richterin über die Religion
Wenn der Islam in einer multireligiösen Gesellschaft angekommen ist und das sind durch die Globalisierung alle Kontinente, dann ist er eine, aber nicht mehr die alleinige spirituelle Ressource dieser Weltgemeinschaft. Damit hat die Weltöffentlichkeit das Recht, die Lehre wie die Handlungen auf Vernunft hin zu befragen. Das umso mehr, als die Attentate von Paris ja auf weltweite Öffentlichkeit hin angelegt waren. Die entschiedenen Proteste zwingen den Islam, sich mit diesen Handlungen endgültig der Weltöffentlichkeit zu stellen, nicht anders als die katholische Kirche mit ihren Missbrauchsfällen. Der Unterschied ist, dass die katholische Kirche die Vorfälle lieber nicht der Öffentlichkeit preisgegeben hätte, die Attentate, ob auf das World Trade Center oder die Redaktion in Paris, aber gerade Öffentlichkeit bewirken wollen.

Im Unterschied zu den Attentätern suchen die Islamgelehrten die Öffentlichkeit nur zögernd. Man hört zwar, dass anders als beim Karikaturenstreit die Prediger weltweit zur Mäßigung aufrufen und sogar die Attentate selbst verurteilen. Jedoch genügt das nicht.

Satire ist nicht das Medium zur Auseinandersetzung
Die sich als säkular verstehenden Gesellschaften haben zwar Integration auf ihre politische Agenda gesetzt, aber bisher kaum eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Islam aufgenommen. Jetzt über Charlie Hebdo kritisch herzuziehen, die Karikaturen seien geschmacklos und den Muslimen nicht zumutbar, ist wohlfeile Ausrede. Immerhin haben die Satiriker die Auseinandersetzung aufgenommen. Dass ihre Karikaturen so grell wirken, liegt nicht zuletzt daran, dass die intellektuelle Welt weitgehend schweigt.

Für den Islam steht noch mehr auf dem Spiel. Wenn seine Sprecher und die islamischen Intellektuellen jetzt nicht ins öffentliche Gespräch eintreten, dann manövrieren sie den Islam ins Abseits – und überlassen es denen, die Waffen anstatt Worte gebrauchen, den Islam gegenüber der Öffentlichkeit darzustellen.

Eigentlich könnten sich alle Beteiligten, ob religiös oder agnostisch, auf den Satz des Byzantinischen Kaisers einigen: „Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.“ Man kann noch hinzufügen: ebenso wie dem Menschen zuwider.

Eckhard Bieger S.J.

Foto: dpa / picture-alliance

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