Will Gott gerächt werden? Die ausbleibende Antwort des Islam

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Der Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo hat etwas mit dem Ehrenkodex der Muslime zu tun. Die Auseinandersetzung geht weiter, Muslime demonstrieren gegen die weltweit vertriebene Nummer, die nach dem Mord an der Redaktion veröffentlicht wurde. Inzwischen gibt es auch Stimmen, die gegenüber der Reaktion der Muslime Verständnis zeigen, wie Thomas Halik, selbst Verfolgter unter dem Kommunismus und der Papst. Keiner rechtfertigt die Morde, macht aber die westliche Welt auf das Empfinden der Muslime aufmerksam. Da der Konflikt sicher noch lange anhalten wird, sollte die religiöse Frage freigelegt werden.

Rache – um die Ordnung wieder herzustellen

Wenn der Prophet, der unmittelbar von Allah beauftragt ist, verunglimpft wird, dann bedroht das die religiöse Ordnung. Da auch die staatliche Ordnung auf dem Gesetz Gottes beruht, das der Prophet authentisch verkündet hat, ist die gesamte Ordnung, auch die des menschlichen Zusammenlebens, in Frage gestellt. Die Schlussfolgerung der Attentäter lautet etwa so: Indem die Ehre des Propheten wiederhergestellt wird, ist auch die muslimische Ordnung wieder ins Lot gebracht.

Das stellt sich für die Christen anders dar. Schon Jesus hat sich von der politischen Sphäre ferngehalten. Die Reformpäpste im Mittelalter haben die Trennung von Staat und Kirche betrieben. Allerdings waren Kaiser und Papst durch das ganze Mittelalter aufeinander bezogen, denn Karl d.Gr. brauchte den Papst, um seine Kaiserkrone gegenüber dem eigentlichen Nachfolger des römischen Kaisers in Byzanz zu rechtfertigen. Mit der Trennung von Kirche und Staat hat das Papsttum sich nicht nur aus der Verfügungsgewalt der Kaiser befreit, sondern sehr an Einfluss gewonnen. Diesen Freiraum haben die Päpste genutzt. Sie mussten das aber auch mühsam lernen, als der Vatikanstaat von einer mittleren europäischen Macht auf einen Stadtteil von Rom zurückgestutzt wurde. Jetzt muss die Kirche nicht eingreifen, der Staat übernimmt die Wiederherstellung der Rechtsordnung, die durch die Morde in Paris infrage gestellt wurde. Die Mehrheit der französischen Muslime steht auf Seiten der Republik, so dass es zu keinem Bürgerkrieg, wie z.B. in Syrien, gekommen ist. Der mit der französischen Revolution entstandene Staat beansprucht weiterhin das Gewaltmonopol. Zudem verlangen die Bürger, dass der Staat sie wirksam schützt.

Deshalb muss der Staat aus eigenem Interesse den Terrorismus unterbinden, der ja genau dieses Monopol infrage stellt, um seine religiöse Ordnung gegen die Säkularisierungstendenzen durchzusetzen. Das Attentat auf die Redaktion ist ja nicht einer der Terrorangriffe, der sich ein zufälliges Ziel sucht, um Angst zu verbreiten. Der Angriff auf die Redaktion zielt auf das Selbstverständnis einer laizistischen Gesellschaft, das lächerlich machen will, was den Mitgliedern der Religionsgemeinschaft heilig, d.h. unantastbar ist. Gläubige, auch Christen, empfinden nicht wenige Karikaturen der Satiriker als herabwürdigend. Diese Karikaturen  stellen ja gerade den Kern der Glaubensüberzeugung infrage. Wenn man sich über den Propheten oder den Papst wie über einen Politiker lustig machen kann, dann werden diese religiösen Personen delegitimiert. Ein Politiker bezieht in einer Demokratie seine Legitimation aus dem Wählerwillen und erreicht damit keinen besonderen Status. Anders der Papst und noch mehr der Prophet. Sie sind von Gott legitimiert. Werden sie Objekt der Karikaturen, fühlen die Gläubigen die religiöse Ordnung bedroht, die ja nicht ohne legitimierte Amtsträger wie auch nicht ohne die religiösen Riten ihre Kraft verlieren würde. Wenn also Gott angegriffen scheint, wenn seine Vertreter karikiert und damit delegitimiert werden, dann muss die Ordnung wiederhergestellt werden. Aber will Gott ähnlich menschlichen Herrschern, dass eine Majestätsbeleidigung mit dem Tode gesühnt werden muss, damit die im Religiösen gründende Ordnung wiederhergestellt wird.

Die Bibel: Gott will nicht von Menschen gerächt werden

Die christliche Position ist von Paulus im Römerbrief so geklärt: Es gibt zwar Strafe, aber es ist nicht Sache des Menschen, diese zu verhängen, sondern Gott vorbehalten. Im 12. Kapitel dieses Schreibens heißt es: „Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern lasst Raum für den Zorn (Gottes); denn in der Schrift steht: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr.“ Paulus bezieht sich hier auf das 5. Buch Moses, das Deuteronomium. Dort wird im 32. Kapitel aufgezeigt, dass Gott selbst sein Volk rächt: „Habe ich erst die Klinge meines Schwertes geschliffen, um das Recht in meine Hand zu nehmen, dann zwinge ich meinen Gegnern die Strafe auf und denen, die mich hassen, die Vergeltung.“

Der Koran lässt offen, ob Gott die Ordnung selbst wieder herstellt. Ein eigentliches Blasphemieverbot findet sich nicht. Aber es scheint, dass der Islam hier zu keinem Konsens gekommen ist. Das läge eigentlich nahe, weil der Islam mehr noch als Judentum und das Christentum die Größe und absolute Überlegenheit Allahs hervorhebt. Eigentlich müsste aus dem Gottesbild des Islam folgen, dass Allah nicht die Hilfe der Menschen braucht, um seine Ehre wiederherzustellen.

Das Blasphemieverbot wurde in den letzten Jahren verschärft

Jens Alber, emeritierter Professor für Soziologie, hat in der FAZ vom 13.1. darauf hingewiesen, dass die islamische Welt Blasphemie, darunter auch den Abfall vom Islam, unterschiedlich handhabt. Die asiatischen Muslime, die Mehrheit, verlangt nicht die Todesstrafe für den Glaubensabfall. In Pakistan, wurden die bisher schärfsten Ahndungen von Blasphemie erst in den achtziger Jahren eingeführt. Dort ist dann auch deutlich zu sehen, wie der Vorwurf der Blasphemie als Waffe benutzt wird, um z.B. Christen aus ihren Häusern zu vertreiben oder ihnen ihr Land wegzunehmen.

Deshalb beruht das Racheverbot im Römerbrief auf der einfachen Erkenntnis, dass der Mensch nicht geeignet ist, rächend für die Wiederherstellung des Rechtssystems einzutreten. Genau das haben die Attentäter von Paris überdeutlich bewiesen. Im Gespräch mit Judentum und Christentum ist der Islam gefordert, über die Gewaltanwendung zur Wiederherstellung der Ehre Gottes seine Antwort offenzulegen. Da in einer globalisierten Welt keine Religion die alleinige rechtsetzende Macht mehr sein kann, wird die Anerkennung der Menschenrechte die Basis der Verständigung sein müssen.

Eckhard Bieger S.J.

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