Je ne suis pas Charlie

Foto: dpa / picture-allianceDie Solidaritätsbekundung „Je suis Charlie“ ist ein deutliches Zeichen für alle, die meinen, Gewalt sei ein gerechtes Mittel im Kampf gegen die Gottlosen. Nach dem Attentat in Paris hat sich die Weltbevölkerung einig gezeigt. Alle Völker und Nationen waren vereint in ihrer Absage an die Gewalt. Muslime, Christen und Juden traten demonstrativ versöhnlich auf. Es gab keine Demonstration derjenigen, die nicht Charlie sein wollen. In Deutschland werden Pegida u. a. verächtlich gemacht und es scheint eine andere Meinung nicht gelten zu dürfen. Der Eindruck, dass nur eine Meinung gelten darf, lässt sich nicht verwehren.

Die „Je suis Charlie“-Bewegung rollte über Frankreich, Europa, die ganze Welt. Es zeigte sich, dass in recht kurzer Zeit die Weltbevölkerung erreicht werden kann. Damit solche Kampagnen funktionieren, darf nicht nach dem Für oder Wider gefragt werden, es muss eine knappe Botschaft, deren Inhalt keiner Erklärung bedarf, in die sozialen Netzwerke eingebracht werden. Eine Diskussion oder ein Abklären der politischen Hintergründe wäre kontraproduktiv. Die Wucht dieser Meinungsbekundung lässt ein „nein“ oder „ich weiß nicht so recht“ nicht zu. Wer nicht mitmacht, gilt schon fast als Verräter. Ähnliche Effekte gab es schon bei der „ice bucket challenge“. Nachhaltig sind solche Bekundungswellen nicht, sie zeigen jedoch, dass es möglich ist, eine Meinung oder Weltanschauung quasi mit einem Knopfdruck weltweit durchzusetzen.

Der weiße Fleck im globale village

Ist einem Menschen seine Weltanschauung ein heiliges Gut, so erlebt er, wie oberflächlich und zeitlich begrenzt eine Meinung Aufsehen erregen kann. Der angeblichen Ernsthaftigkeit einer Auseinandersetzung mit anderen Religionen kann unter dieser Perspektive nur misstraut werden. Die Meinung kann sehr schnell umschlagen und eine „Je suis Charlie“-Kampagne desavouiert einen der beteiligten Konfliktpartner. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass eine lokale Auseinandersetzung im Nu die gesamte Weltöffentlichkeit erreichen kann. NSA bestätigt die Annahme einer Überwachung bis in den letzten Winkel dieser Erde. Die Geheimdienste sind in der Lage, jeden Menschen zu jeder Zeit an jedem Ort zu beobachten und mit einer Drohne auszuschalten. Dieser Vorgang ist mittlerweile so sehr automatisiert, dass eigentlich ein Agent gar nicht mehr nötig ist. Für viele Menschen stellt sich daher die Frage, wo denn noch eine terra incognita oder ein Zufluchtsort auf dieser Erde zu finden ist. Christen gehen für eine Zeit ins Kloster, andere suchen einen einsamen Ort in der Natur auf. Entscheidend ist jedoch, dass die Welt zunächst nicht als feindlich empfunden wird. Dann ist es nämlich noch unter schwierigen und z. T. nicht ganz überzeugenden Argumentationen möglich, Geheimdienste nicht nur als teuflische Einrichtungen zu sehen und „Je suis Charlie“ oder „Ice bucket challenge“ mit einer gewissen Ironie zu betrachten.

Zündstoff

Fallen die aufgezeigten Phänomene zusammen mit einer sozialen Ungerechtigkeit, einer schwierigen sozialen oder persönlichen Situation, dann kann dieses Zusammentreffen zu einem Pulverfass werden, wie die Gewalttaten in Paris gezeigt haben. Die Erfahrung, als Mensch nicht gesehen zu werden, sozial ausgegrenzt zu sein, auf eine Geschichte der Ausbeutung schauen zu müssen, wird dann generalisiert und projiziert auf die Weltanschauung. Die Religion wird gegen jede Kritik verteidigt und der Schutz der Religion führt zu einem Rückzug aus der Kommunikation. Die „Köpfe“ dieser Bewegungen haben ihren Sitz daher nicht in Europa oder Amerika, sondern in eher unzugänglichen Gegenden dieser Erde. Außerdem benutzen sie nicht die üblichen Kommunikationsmittel, weil sie natürlich wissen, dass diese überwacht und sie schnell gefunden werden könnten, wenn sie z. B. mit dem Mobiltelefon den Auftrag erteilen, die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris zu erstürmen.

Geheime Mission

Die Tatsache, dass die Führer dieser Terrorbewegungen unerkannt in ihren Schaltzentralen sitzen, befördert das Mysterium dieser Menschen. Osama Bin Laden ist z. B. nur deshalb entdeckt worden, weil an seinem Haus keine Kabel zu sehen waren. Das hat den Verdacht auf dieses Haus gelenkt. Mit ferngesteuerten Motten wurde dann dieses Haus ausspioniert, um beim Zugriff zielgenau vorgehen zu können. Die rasante technologische Entwicklung in der Spionage, bei der die Deutschen übrigens führend sind, macht die Anführer der Terrororganisationen äußerst vorsichtig. Sie ziehen sich an Nichtorte zurück, lassen die Kommunikation nie direkt laufen, und können sogar Befehle erteilen, wenn sie angeblich schon tot sind. Ihre größte Macht hätten sie sogar, wenn sie real gar nicht existierten. Die Anhänger der Terrororganisationen können sich im Glauben und der Sicherheit wiegen, dass ihre Sache unverwundbar ist. Sie fühlen sich als Teil einer Organisation, die nicht von dieser Welt ist. Der Schießbefehl kommt einem göttlichen Auftrag aus dem Jenseits gleich. Europäer und Amerikaner werden als hilflose Nichtgläubige erlebt, die es noch nicht einmal schaffen, ihre Verräter zu eliminieren. Snowden sitzt bei Putin, ein BND-Mitarbeiter verrät 3500 Mitarbeiter an die CIA und bis die Dienste bei ihnen zuschlagen ist genug Zeit, die Feinde des Glaubens auszuradieren.

Das Mysterium in einer globalisierten Welt

Religion und Glaube haben etwas mit Geheimnis zu tun. Die globalisierte Welt mit ihren umfassenden Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten verändert das Verständnis von Mysterium. Mystik als Übung widerspricht den ersehnten klaren Weltanschauungen, weil das Ergebnis der Übungen nicht planbar ist. Ein Anschlag jedoch verlangt eine exakte Planung und bekommt einen mystischen Nimbus, wenn der Befehl von irgendwoher aus dem unheimlichen Geheimen kommt. Die Strategie gegen den Terrorismus könnte darin bestehen, einseitig abzurüsten, d. h. die Geheimdienste zurückzufahren, die Überwachung zu reduzieren und damit es weniger notwendig zu machen, sich verstecken zu müssen. Dann wären die Anführer des Terrorismus weniger geheimnisvoll und würden an Macht verlieren.

Thomas Holtbernd

Foto: dpa / picture-alliance

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