Der Liedermacher und Kabarettist Rainald Grebe: Kunst zwischen Dadaismus und Gesellschaftskritik

Seit einigen Jahren ist Rainald Grebe eine „Marke“ im Kabarett und als Liedermacher. Sein Programm ist einzigartig in Deutschland. Grebes letzte Alben erreichten alle Platzierungen in den Top 100 der meistverkauften Tonträger. Doch wer ist Rainald Grebe, was zeichnet seine Kunst aus?

Liedermacher Rainald Grebe sitzt am 02.06.2014 in Berlin am Klavier. Er erhielt den Ehrenpreis des Berliner Theaterviertels East End. Der Preis geht jedes Jahr an eine Persönlichkeit, die sich durch jahrelange Arbeit im Berliner Theaterbezirk verdient gemacht hat. Er ist Theaterleuten gewidmet, die den Bezirk rund um die Friedrichstraße und die Hackeschen Höfe beleben. Foto: Hannibal/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Rainald Grebe 2014,  Foto: dpa/ picture-alliance

Der Künstler Rainald Grebe

Rainald Grebe ist von seiner Prägung her ein Rheinländer. Genauer gesagt: er kommt aus Frechen bei Köln und zog nach seinem Zivildienst nach Berlin und studierte dort Puppenspiel.  Danach begann er den Osten Deutschlands zu bewohnen und zu besingen. Neben komischen Landeshymnen über Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt singt er auch Lieder, deren thematische Gesellschaftskritik bereits der Titel offenbart, wie: „Dreißigjährige Pärchen“, „Familie Gold“, „Burnout“, „Aufs Land“ oder „Prenzlauer Berg“.

Grebe als Zyniker

Rainald Grebe ist ein Zyniker im ursprünglichen Sinn des Wortes. Manchmal tritt er wie ein Indianerhäupting mit einem Federschmuck auf, der allerdings durch den Anzug oder die deutliche Plastikverkleidung nur billig, ja dadaistisch wirkt. Wie Diogenes, einer der Stammväter des „“Kynismus“, vom dem sich der Begriff „Zynismus“ ableitet, scheint Rainald Grebe, so zeigen es zumindest seine Lieder, nicht an eine hohe „Idee“ des Menschen oder eine stete Verbesserung zu glauben, sondern schaut auf die Phänomene, in denen er zum Schluss zu kommen scheint, dass ein Leben in der Tonne auch nicht schlechter ist, als eins im Einfamilienhaus.

Das Lied „Familie Gold“

In diesem Lied beschreibt Grebe wohl die Zustände einer so genannten „bürgerlichen Mittelschichtsfamilie“ in den 70ern/80ern. Im Refrain heißt es: „Gold, Gold, Gold, Mein Sohn, zerreiß nie das goldene Band, wir sind das Herz von Westdeutschland“ und weiter „Gott hat die Menschen so gewollt und nie bekommen“. Wirkliche Probleme scheint die Familie nicht zu haben, es wird mit Hanuta geworfen, im Gartenteich nach Fischen gekächert, halt einfach so gelebt. „Da sitzt das alte Elternpaar und denkt, dass alles richtig war. Gold, Gold, Gold“. – Doch was soll nun das Problem sein – genau das: „Es hat uns an nichts gefehlt, aber genau das war das Problem dabei“ Das Leben ist zwar finanziell abgesichert, aber so leer, dass es keinen Sinn mehr hat. Die Gesellschaftskritik Grebes an diesem behüteten und sterilen Leben drückt sich darin aus, dass aber auch gar nichts da zu sein scheint, was wirklich das Leben lebendig hält. Man meint man sei  „der Stolz Westdeutschlands“, wie Grebe singt, aber wirklich zu leben scheint man nicht.

 

Das Lied: „Dreißigjährige Pärchen“

Grebe singt hier wohl ebenfalls über die Generation, die in den 70er und frühen 80er Jahre geboren wurde. Von den Nach-68ern, der desillusionierten und ideologiefernen Generation.  Meint er die erwachsenen Kinder der „Familie Gold“? Grebe bezeichnet das Lied u.a. als „Heimatlied“. Wie der Titel des Liedes offenbart, singt er über verschiedene Pärchen um die 30. Die auftretenden Personen heißen „Klaus, Beate, Uschi und Dirk“. Also geht es um zwei Pärchen. Sie wollen sich von ihren Eltern abgrenzen: „Wir wollten nie wie unsere Eltern werden und sind es ja auch nicht geworden“.- „Roher Fisch auf kaltem Reis mit Algen tun die doch in den Müll“. Man sieht, wie unbedeutend die Abgrenzung ist, sie macht sich am anderen Nahrungsmittelkonsum fest.

Auch sonst scheint es nichts mehr zu geben, das wirklich Begeisterung und Feuer weckt, man sitzt halt im „Szenebezirk“ und labert rum.  Aber gibt es noch was, wofür es sich wirklich zu leben lohnt? – „Klaus sagt nur wenn die Liebe geht, die Hobbys bleiben“. Auch Dirk scheint entzaubert zu sein: „Dirk findet Uschi sehr öde, er hat sich daran gewöhnt“. Die Kittung der Partnerschaft kann nur noch durch ein Kind gelingen: „Wir machen Schluss oder ein Kind“.  Es sind halt typische Bewohner einer „Kleinstadt“, mit entsprechenden Lebensentwürfen und Problemen.- Doch was bleibt am Ende- wohl das, was auch den Eltern blüht: „Irgendwann werden die sterben, wenn sie nicht schon gestorben sind“. Häuser bauen werden die „dreißigjährigen Pärchen“ laut Grebe jedoch nicht – nur erben. Bevor man sich von einander verabschiedet, wird noch „auf der Pfeffermühle Luftgitarre gespielt“. So lebt es sich also als dreißigjähriger „Normalbürger“ in Deutschland. Gibt es noch Träume? Gibt es Sehnsucht,  noch Ziele? Oder doch wieder nur Tonne? – Vielleicht zurück zur Natur?

Das Lied: „Aufs Land“

In dem Album „Zurück zur Natur“ widmet sich Grebe dem Traum vieler Städter, auf dem Land das Glück zu finden, das man in der Stadt nicht fand. Stadtflucht um dem Burnout, der Hektik  und dem Stress zu entkommen. Das Heil soll im Gras liegen.  „Ich will aufs Land, raus aus der Stadt“ singt Grebe. Die Natur wird paradiesisch verklärt von Menschen, die sie nicht kennen: „Ich wünsch mir so sehr: du ich und der Sitzrasenmäher“. Und auch die Sehnsucht ist wieder da: „Ich hab Sehnsucht nach Fell, Hundegebell“. Doch auf dem Land muss der städtische Fremdling schnell feststellen, dass sein erträumtes Paradies doch kein Garten Eden ist, sondern eher öde und fade.

Anstatt volle Tomaten gibt es „Blattläuse“,  man will ernten ohne zu säen. Auch weiß der Städter nicht mit der „Landbevölkerung“ umzugehen, nennt sie abschätzig „Dorfdeppen“ und findet nicht die gesuchte Anonymität. – „Der einzige Grund nicht aufs Land zu ziehen, ist doch die Landbevölkerung“.  Weltfremd sind damit eher die zugezogenen Städter,  die nicht wissen, was Landleben heißt, nämlich nicht „Flasche Rotwein und ein schönes Panorama“, sondern Arbeit und Ernüchterung. So bietet das ersehnte Landleben auch keine Erlösung. Am Ende begegnet die Landbevölkerung dem städtischen Landromantiker mit der Empfehlung: „hau ab“.  Das Lied endet mit der Beschwörung eines städtischen Modedrinks: „Mach mir noch ‚ne Chai-Chai- Latte-to-go“. So ist von der Landromantik letztlich nichts als heiße Luft geblieben.

Die Sehnsucht nach Großem bleibt unerfüllbar

Das Leben der Kleinbürger ist langweilig und ohne Visionen. Die Fluchtversuche aus dem Alltag scheitern. So sind wir am Ende wieder bei Diogenes angelangt. Dieser sagte auf die Frage Alexander des Großen, welchen Wunsch er habe: „Geh mir aus der Sonne“. Das Glück lag bei Diogenes im Kleinen. Die Tonne ist so viel wie ein Palast, wenn sie Heimat ist. Die Botschaft ist somit: Ertrage und lebe das Leben. Besser wird es nur, wenn man lernt zu genießen. Damit gibt Grebe eine Gebrauchsanweisung für das so genannte säkulare Zeitalter.  Hat man der Religion eine Absage erteilt, geht es wohl auch nach all den schlechten Erfahrungen mit materialistischen Heilssystemen nicht anders. Doch kann der Mensch so leben? Reicht das? Die Frage, die sich stellt, ist, ob der Mensch letztlich ein kynisches Leben kann oder ob er nicht doch  religiös – auf Transzendenz ausgerichtet – ist. Beantworten  kann das nur jeder einzelne mit seinem Leben.

Josef Jung

Links:

Homepage von Rainald Grebe: http://www.rainaldgrebe.de/

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