Der Samstag ist der neue Montag: Wochenendzeit = Lesezeit

Foto dpa / picture-allianceFast 50 Jahre lang erschien das Nachrichtenmagazin SPIEGEL montags und hatte damit zu Beginn der Arbeitswoche eine Art „Meinungsführerschaft“ inne. Damit ist seit dem gestrigen 10. Januar 2015 zumindest teilweise Schluss: Der SPIEGEL und der FOCUS erscheinen jetzt immer am Samstag und setzen den Trend,  Zeitungen und Zeitschriften mit neuen Inhalten zum Wochenende herauszubringen, fort. Auch der STERN und die ZEIT haben ihre Inhalte fürs Wochenende, z.B. durch Beilagen, angepasst und Zeitungen, wie die SÜDDEUTSCHE, die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG und die WELT setzen am Wochenende mehr Exemplare als in der Woche ab. Bei insgesamt stagnierenden Print-Verkaufszahlen wollen sich die Verlage dadurch zu Nutze machen, dass die Leserinnen und Leser am Wochenende etwas mehr Zeit haben.

In der „Hausmitteilung“ der SPIEGEL-Ausgabe 3/2015 steht für diesen für den SPIEGEL bedeutenden Schritt folgende Begründung: „Von dieser Woche an erscheint der gedruckte SPIEGEL schon am Samstag, die Digitalausgabe lässt sich bereits am Freitagabend ab 18 Uhr herunterladen. Zum einem rücken damit Redaktionsschluss und Verkaufsstart enger zusammen (…). Zum anderen haben sich die Lesegewohnheiten in den vergangenen Jahren gewandelt. Wer einordnen will, braucht Zeit, und am Wochenende haben die meisten mehr Zeit als unter der Woche. Der Wechsel auf den Samstag ist ein Bekenntnis: Wir glauben an die Zukunft des Lesens, wir glauben daran, dass es wichtig ist, sich Zeit für das Wesentliche zu nehmen.“

Was der SPIEGEL dort als „gewandelte Lesegewohnheiten“ beschreibt hat, belegt der JOURNALIST (1/2015) wie folgt: „Nach internen Studien nehmen mehr als die Hälfte (59 Prozent) der SPIEGEL-Leser das Heft erst am Samstag in die Hand – fast eine Woche nach Erscheinen“.  Die Lektüre der ZEIT verteile sich nach eigenen Angaben „relativ gleichmäßig auf Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag – mit einem kleinen Schwerpunkt am Wochenende“, so die ZEIT gegenüber JOURNALIST. Und der FOKUS gab gegenüber dem gleichen DJV-Magazin noch einen weiteren Grund für den Wechsel des Erscheinungstages auf den Samstag an: „Die meisten Menschen kaufen am Wochenende dort ein, wo auch die meisten Zeitschriften abgesetzt werden: Im Lebensmitteleinzelhandel“.

Noch fehlen aktuelle wissenschaftliche Zahlen zu diesem Trend, den auch andere Zeitungen und Zeitschriften spüren. So liegen laut JOURNALIST die Verkaufszahlen der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG um 5.000 bis 10.000 Exemplare und der TAZ um bis zu 15.000 Exemplaren am Wochenende über den Verkaufszahlen in der Woche. Eine bereits 2012 veröffentlichte Studie des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger besagt, dass die Leserinnen und Leser am Wochenende fünf Minuten mehr Tageszeitung lesen als werktags.

Der dabei erkennbare Trend ist Ansporn für Verleger, wie Journalisten, zugleich. Auch im kirchlichen Raum: So startete bereits vor einem Jahr mit hinsehen.net eine katholische Wochen(end)zeitung, die in Ergänzung zu tagesaktuellen Berichten auf explizit.net und kath.de, Hintergrundberichte und Analysen liefert, die sich bewusst an die Zielgruppe der Wochenend-Leserinnen und –Leser richtig. Das am Wochenende nicht nur „seichte Themen“ gelesen werden (wie bisher größtenteils von den Verlagen angenommen), sieht neben hinsehen.net vor allem auch der SPIEGEL so. JOURNALIST zitiert den stellv. Chefredakteur Clemens Höges des SPIEGEL dazu wie folgt: „Die Leser wollen es am Wochenende nicht nur weich und kuschelig“.

Entscheidend für den von den Verlagen allseits ersehnten Erfolg der Umstellung auf das Erscheinen am Samstag dürften dabei aber nicht nur die redaktionellen Inhalte, sondern vor allem auch die zu erwartenden höheren Anzeigenerlöse, sein. Gegenüber JOURNALIST betonte der SPIEGEL: „Bei den Anzeigenerlösen haben wir im Januar ein Wachstum von 37 Prozent und auch das erste Quartal 2015 liegt noch deutlich im Plus.“ Dies sei laut SPIEGEL darauf zurückzuführen, dass „das Interesse der Leser an Themen wie beispielsweise Reise, Auto, Mode, Finanzdienstleistungen und Versicherungen am Wochenende höher als in der Woche ist und die Aufmerksamkeit für Anzeigen mit Wochenendthemen steigert“.

Fazit: So scheint es fast, dass der neue Fokus auf die Wochenendleser der „letzte Strohhalm“ der Verlagsbranche ist.  Aber ob die (neue) Menge an Printprodukten am Wochenende von den Leserinnen und Lesern dauerhaft konsumiert werden kann / wird oder ob der Trend zum Digitalen Lesen (siehe unten) auch den Printprodukten am Wochenende dauerhaft schaden wird bleibt abzuwarten. Es bleibt spannend…

Christian Schnaubelt

Foto dpa / picture-alliance

Exkurs: Digitales Lesen weiterhin im Aufwind

Die 2013 veröffentlichte ARD / ZDF-Online-Studie belegt, dass die Verweildauer im Netz am Samstag und Sonntag steigt: Am Samstag auf 132 Minuten (2007: 109 Minuten) und am Sonntag auf 127 Minuten (2007: 107 Minuten). Beim Digitalen Lesen stehen nach einer BITKOM-Umfrage (2014) neben Büchern vor allem Zeitungen (13 Prozent) ganz oben auf der Nutzungsliste. Zeitschriften (11 Prozent) und sonstige Publikationen (6 Prozent) folgen auf den weiteren Plätzen.

In Deutschland lesen zwei Drittel aller Tablet-Nutzer Zeitungen oder Zeitschriften auf ihrem Tablet, wie Digital-Publishing-Experte Daniel Höpfner betonte. Laut einer Studie der „Association of Magazine Media“ aus 2013 verbringen Besitzer von Tablets und E-Readern im Durchschnitt zwei Stunden pro Woche mit dem Lesen digitaler Zeitungs-/ und Zeitschriften-Ausgaben. Dies ist doppelt so lange wie beim Lesen von Printmagazinen.

Mehr zum Thema Digitales Lesen finden Sie hier: https://explizitnet.wordpress.com/2014/07/12/paradigmenwechsel-in-der-kulturtechnik-lesen-digitales-lesen-ist-weiter-im-aufwind/.

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