Visionen – eine Provokation der Vernunft

Foto: dpa / picture-allianceReligionen brauchen besondere Erfahrungen und Ereignisse. Ohne Visionen und Wunder wird nicht deutlich, was die Religion dem Leben noch hinzufügt, indem sie dem Menschen über den Alltag hinaus etwas eröffnet. Zwar zielen Religionen mit ihren Geboten und Normen auf die Bewältigung des Alltags und die Sicherung des Zusammenlebens. Aber die Moral macht nicht den Kern der Religion aus. Ohne Visionen und außergewöhnliche Handlungen würde die Religion nicht ihre Kraft entfalten. Vor allem die Stifter wie auch die Erneuerer und Reformatoren berufen sich auf besondere Erfahrungen. Von Jesus wird eine solche Vision bei seiner Taufe durch Johannes berichtet. Eine Vision ist sogar der Eintritt in seine öffentliche Predigttätigkeit.

Der Himmel öffnet sich – wirklich?

Alle vier Evangelien berichten, dass Jesus sich der Bußtaufe des Johannes unterzogen und sich diesem in gewisser Weise untergeordnet hat. Denn Johannes versteht sich als der Vorläufer des Messias, nicht als der Messias selbst. In diesem Geschehen erhält Jesus eine Vision. Bei Markus, im ältesten Evangelium, wird diese Vision im ersten Kapitel so beschrieben: „In jenen Tagen kam Jesus aus Nazareth in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ Diese Vision wird von den Evangelisten und dann von den Kirchen als die Autorisierung der Botschaft, die Jesus verkündet, gesehen. Diese besteht darin, den Anbruch des Reiches Gottes, der Königsherrschaft Gottes zu verkünden. Jesus tritt ja nicht im eigenen Namen auf, sondern als der von Gott eingesetzte Messias. Messias heißt „der Gesalbte“. Gesalbt ist Jesus mit dem Geist Gottes, der als Taube in der Vision erscheint und dann auf den unzähligen Darstellungen, auch im Deckel der Kanzel, dargestellt wird. Gewöhnlich verstehen wir dieses sich Öffnen des Himmels als ein Ereignis, das Johannes d. Täufer und die anderen am Jordan Anwesenden mit geschaut haben. Es wird uns ja vom Evangelisten berichtet, um uns den Blick für den Messiasauftrag Jesu zu eröffnen. Alles, was Jesus tut, steht unter dem Wohlwollen Gottes. Lukas erzählt die Vision Jesu dann im 3. Kapitel seines Evangeliums wie ein Beobachter: „Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen. Und während er betete, öffnete sich der Himmel, und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ Markus, von dem Lukas wohl abgeschrieben hat, schildert Jesus als den, dem sich der Himmel öffnete und der den Geist wie eine Taube auf sich herabkommen sah. Der geöffnete Himmel wurde nach Markus nur von Jesus gesehen, es gibt kein äußeres Kriterium, nämlich andere Beobachter, die diese Vision bestätigen könnten. Hat da nicht die moderne Vernunft recht, die diese Vision als rein subjektiv und da nicht überprüfbar durch Dritte als Privatsache des Visionärs hinstellt. Kant, der die Instrumente der kritischen Vernunft bahnbrechend entwickelt und auf die Existenzfragen des Menschen angewandt hat, billigt der Religion nur eine moralische Funktion zu. Gebet und Gottesdienst werden in seiner Religionsphilosophie als überflüssig, sogar als „Afterdienst“ abgelehnt. Daher kommt es, dass Gottesdienste in moralische Instruktionsstunden umgewandelt wurden. Jedoch erhält diese als persönliche Vision beschriebene Erfahrung Jesu einen für seine Mission gründenden Charakter. Die Nuance, mit der Lukas den Satz bei Markus ändert, entspricht dem Glaubensbewusstsein der Gemeinden, für die er sein Evangelium schreibt, das er einem Nichtjuden mit dem griechischen Namen Theophilus widmet. „Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.“

Visionen sind empirische Fakten

In den Religionen wird immer wieder von Visionen berichtet. Weil es nicht wenige gibt, die sich mit einer solchen Vision wichtigmachen wollen, erfordert das eine Prüfung. Die Visionen müssen eine Relevanz für die religiöse Botschaft haben und als Erfahrung erkennbar sein, um sie von Phantasiegebilden zu unterscheiden. Es gibt Epochen, in denen Visionen geradezu gesucht werden. Wir leben nicht in einer solchen Epoche. Deshalb gibt es auch weniger vorgetäuschte Visionsberichte. Aber es gibt auch echte Visionen. Nicht nur in der Bibel werden sie von Petrus berichtet. Paulus spricht von einer himmlischen Entrückung. Die Offenbarung des Johannes ist ein Buch der Visionen. Heute werden Visionen oft im Zusammenhang von Todeserfahrungen berichtet, dass Menschen sich in den Himmel versetzt fühlen oder über ihrem Körper schweben, während sie auf dem Operationstisch liegen. Menschen haben auch Visionen von Verstorbenen, die sie im Himmel sehen. Diese Visionen sind nicht Träume, sondern werden wachend erfahren. Um die Authentizität dieser Visionen zu überprüfen, gibt es nicht die Möglichkeit eines neutralen Beobachters. Es gibt nur die Authentizität der Berichtenden. Auf die sind wir allerdings nicht nur in religiösen Fragen angewiesen, sondern auch, wenn uns jemand seiner Zuneigung, seiner Solidarität versichert. Selbst wenn eine Partnerschaft auseinandergeht, wird der frühere Ausdruck der Zuneigung nicht zur Lüge. Denn ohne diese Zuneigung könnte beim Zerbrechen einer Freundschaft, einer Partnerschaft kein Schmerz empfunden werden. Für viele Zeitgenossen, die durch das Säurebad der kritischen Vernunft gegangen sind, bleibt die Frage, ob auf solchen Visionen Jesu oder gar der Erfahrung der Frauen und Apostel, dass er nach seiner Hinrichtung lebt, eine Religion aufgebaut werden kann, die sich dann noch ein so machtvolles Symbol baut wie den Kölner Dom oder die Papstkirche mit ihren raumgreifenden Arkaden. Dann wagt dieser Nachfolger des Petrus, nicht nur den Anwesenden, sondern dem ganzen Erdkreis den Segen Gottes zu spenden – alles, indem er sich auf diesen Visionär Jesus beruft.

Auch die Glaubenden müssen den Himmel offen sehen

Mit dem objektivierenden Blick der naturwissenschaftlich orientierten Erkenntnistheorie muss die Vision Privatsache bleiben. Aber ohne solche „maßgebenden Visionen“, die für die Religionsgemeinschaft Verbindlichkeit erhalten, gäbe es keine Religion. Man muss auch ganz deutlich sehen: Als bloße moralische Institution hat eine Kirche keine Zukunft. So gefragt die Kirchen als Motivatoren für moralisches Verhalten gefragt sind, jeder moralische Verstoß durch einen Amtsträger bringt das Gebäude zum Einsturz. Und was bleibt von einer bloß am Gesetz orientierten Religion, wenn sie mit Gewalt ihre Moral durchsetzen will? Jede Vernunft wird gegen diese Auslegung des Willens Gottes Einspruch erheben. Ob mit Karikaturen oder mit Argumenten. Wer den christlichen Glauben lebendig erhalten will, wird schon von Jesus aufgefordert, Gott zu vertrauen. Dann sind aber die Visionen und die Erscheinung des Auferstandenen unersetzlich. Es ist ja gerade der Sinn der Religion, uns den Blick für den offenen Himmel zu erschließen. Für die Bewältigung des Alltags haben wir die Politik und die ethischen Grundsätze, die wir aus den Menschenrechten ableiten können. Glaube hieße dann konkret, sich für einen Blick in den Himmel bereit zu halten. Der wird offensichtlich nur wenigen Menschen durch Visionen geschenkt. Von diesen Visionen erzählen wiederum nur wenige, nämlich die, die mit der Vision den Lebensauftrag spüren, der ihnen zugesprochen wird. Die meisten anderen partizipieren aber nicht nur an diesem Blick in den Himmel, sondern haben religiöse Erfahrungen, die meist ungegenständlich sind. Es ist die innere Gewissheit, dass es nicht einfach nur Gott als Schöpfer der Welt gibt, sondern als den, der mich persönlich meint und das Gelingen meines Lebens will, nicht zuletzt, dass er der einzige ist, der schwere Schuld aus meinem Leben herausnehmen kann. Gegenüber den Empirikern bleibt festzuhalten, dass es solche Visionen gibt, auch heute. Gegenüber dem Anspruch der Objektivität durch einen unabhängigen Beobachter ist die Eigenart dieser Erfahrungen herauszustellen. Es ist die persönliche Beziehung, in der erst Visionen möglich werden. Aber das ist auch nicht so ungewöhnlich. Kein externer Beobachter kann mein Glückgefühl noch meinen Zahnschmerz spüren, er muss mir glauben, dass ich glücklich bin oder Schmerzen habe – selbst wenn es Phantomschmerzen wären.

Eckhard Bieger S.J.

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