Die religiösen Spuren sind verwischt

Foto: dpa / picture-allianceSchon bald bevölkern die Osterhasen wieder die Regale in den Kaufhäusern und der Weihnachtsrummel ist vorbei. Manche mögen froh darüber sein, dass dieser Kitsch und die von Konsum verfremdeten Festtage endlich vorbei sind. Das, was einmal Grund der Freude war, lässt sich unter all den Geschenken sowieso nicht mehr erkennen. Doch wer sich nach der guten alten Zeit zurücksehnt, muss sich auch fragen lassen, ob die Menschen in vergangenen Zeit tatsächlich gläubig waren oder ob das System der Gesellschaft einfach nur geschlossener war?

Die globalisierte Welt hat es wohl auch mit sich gebracht, dass religiöse Riten und Gebräuche auf einem anderen Hintergrund erscheinen. Es geht nicht mehr um einen Kampf der Konfessionen, wo die einen das Christkind feiern, die anderen den Nikolaus und dann der Weihnachtsmann plötzlich vor der Tür steht. Viele Menschen können nicht mehr differenzieren zwischen dem, was allgemein in der Öffentlichkeit gilt und dem, was inhaltlich richtig ist. Die Form der Nachrichtenerstattung hat dazu geführt, dass das Gefühl der Seriosität oder Authentizität zur Richtschnur für Informationen geworden ist. Das Gros der Gesellschaft schöpft nicht aus einem kulturellen Wissen, sondern aus einem individuellen Weltbild, das fast schon autistisch verteidigt wird. Die Deutungsinstanzen sind ihrer Macht enthoben und werden allenfalls bemüht, um Sentimentalitäten zu pflegen. Der Einzelne entscheidet für sich, ob das Christuskind Gottes Sohn ist oder eine nette Legende, die Anlass für Besinnung und Feiern ist.

Offene Gesellschaften

Da der moderne Mensch seine Weltsicht verändern musste und vor der Erkenntnis nicht die Augen verschließen kann, dass seine Stadt, seine Religion, seine Weltauffassung nur eine von vielen ist, lebt auch in einer Situation, die es nicht mehr erlaubt, eindeutig seine Auffassungen zu bekennen. Eine Konfession im weitesten Sinne ist nicht die Gewähr für einen Ruhepol. Der Gedanke der Peregrinatio, der Pilgerschaft auf dieser Erde, tritt in den Vordergrund. Und dies anders als es Menschen aus früheren Jahrhunderten verstanden haben mögen. Der heutige Mensch ist unbehaust. Einen festen Ort findet er auf diesem Planeten nicht. Auch ein Kirchengebäude ist nicht der seligmachende Hort. Die Schwierigkeiten, die viele Christen damit haben, dass ihre Kirche – und sie meinen damit das Kirchengebäude -,  aufgegeben wird, zeugt davon, dass hier ein ähnliches Muster vorliegt wie bei denen, die von Überfremdung durch den Islam sprechen.

Radikale Besinnung

Hätten sich die Verantwortlichen in den Kirchen früh genug Gedanken darüber gemacht, dass es sich bei den Umstrukturierungen nicht um eine Notwendigkeit handelt, die sich aus den zurückgehenden Kirchenbesucherzahlen ergibt, sondern um den Kern des Glaubens, dann hätten andere Konzepte entwickelt werden können. Der Ort der Gewissheit liegt weder in einem Kirchengebäude oder klaren Vorstellungen über die Welt, noch kann ein Ich als Grund der Persönlichkeit Sicherheit geben, es ist allein das Unsichere, das nicht von Menschen bestimmbare Sichere. Gerade diese Paradoxie, dieses Beheimatetsein in der Fremde, ist die einzige Sicherheit dafür, dass kein Missbrauch betrieben werden kann. Wer glaubt, dass es etwas Sicheres gibt, kann auch von dem Vertreter eines bestimmten Angebots überzeugt werden. Wer annimmt, dass es solche Sicherheiten gar nicht geben kann, ist auch immun gegen ideologische Verführer. Die Entfremdung konfessionellen Brauchtums ist nicht nur zu bedauern, es ist die Chance zur radikalen Besinnung.

Inhalt statt Ritus

Rituelle Gebräuche, Traditionen müssen nicht gleich abgeschafft werden. Auch die Klage über Kitsch, Weihnachtsgetümmel und den Coca Cola Weihnachtsmann treffen nicht den Kern des Problems. Dass die Menschen gläubiger waren, als es den Weihnachtsmann noch nicht gab, dürfte lediglich ein schönes Märchen sein. Eine Gesellschaft, die geschlossen ist, kennt das Problem in diesen Dimensionen gar nicht, da richtiges Verhalten das ist, was alle tun und das wiederum ist richtig. Die Frage, ob jemand sein Tun auch inhaltlich nachvollzieht, wäre für eine geschlossene Gesellschaft eine Gefahr. Pegida und andere Bewegungen treffen damit den Nagel auf den Kopf. Es ist die Anfrage, wie in einer offenen Gesellschaft schwachen Menschen eine konkrete Hilfe an die Hand gegeben werden kann. Wenn man sich lediglich über einige Äußerungen mancher Beteiligten amüsiert, zeigt man ein fehlendes Verständnis dafür, dass es nicht um Argumente geht, sondern um ein unsicheres Lebensgefühl. Und dieses Anliegen ist berechtigt. Wie man zu einer Lösung kommt, darüber kann man diskutieren, darf dabei jedoch nicht verschweigen, dass eine „gute“ Lösung eine Zumutung für alle ist, weil die Unsicherheit den Zugang bildet und nicht eine vermeintliche Sicherheit, die auch in der Beschwörung einer toleranten Gesellschaft bestehen kann.

Spurensuche

Unabhängig von konfessionellen Überzeugungen kann man annehmen, dass es Vorstellungen oder Handlungsweisen gibt, die gut tun, die Ausdruck einer verbindlichen Beziehung sind. Ob das Christkind oder der Weihnachtsmann die Geschenke bringt, ist zunächst nicht von Bedeutung. Es geht um eine vorurteilsfreie Spurensuche. Wo und wie drücken Menschen aus, dass sie eine Sehnsucht nach Bindung haben? Der Weihnachtsmann ist da eindeutig die bessere Alternative, es ist ein Mann und kein Kind. Die Verbindlichkeit eines Erwachsenen vermittelt mehr Sicherheit als ein Christkind. In der Not wird mir nicht ein Kind helfen, sondern ein erwachsener Mann, der kräftig anpackt. Man kann sich fragen, wie es dazu gekommen ist, dass das Christkind die Geschenke bringt und welche Assoziationen sowie Projektionen so etwas freisetzt? Die religiöse Spurensuche muss sich am Menschen orientieren und nicht an Traditionen. Dabei kann man auf Fragen stoßen, die das eigene Weltbild ins Wanken bringen.

Thomas Holtbernd

Foto: dpa / picture-alliance

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s