Die Glocken klingen nicht süß

Foto: dpa / picture-allianceWeihnachten gibt es süße Sachen, die Menschen zeigen ihre Zuneigung, indem sie anderen etwas schenken, alles ruht und einsam wacht nur die traute Familie. Es gibt Menschen, denen geht diese Weihnachtsidylle gehörig auf die Nerven. Und wenn man diese „friedliche“ Stimmung mal genauer anschaut, dann stinkt es gehörig in den Ställen mit angeblicher Festtagslaune. Wahrscheinlich ist Weihnachten das Fest mit dem höchsten Verlogenheitsfaktor. Und diejenigen, die sich beschweren, dass dieses christliche Fest immer mehr durch einen Konsumrausch geprägt ist, müssen sich, da sie angeblich die Sache Jesu besser verstanden haben, auch fragen lassen, wie im Laufe der Zeit Kitsch den höheren Sinn dieses Festes verdrängen konnte und wie sie diese frohe Botschaft verkünden.

Der Mensch hat das Bedürfnis nach Ruhe und Frieden, nach Sorglosigkeit und Freude. Und diese Sehnsucht wird oft über das Soll hinaus erfüllt, weil sonst gewisse Missklänge doch noch zu hören wären. Da ist es wohl auch ganz hilfreich, wenn bestimmte enge Zeiträume für eine solche „Gefühlsduselei“ eingeräumt werden. Man weiß darum und verwechselt seine Sehnsucht nicht mit einer tatsächlich möglichen Situation. Man kann sich auch auf Geschmacklosigkeiten und „Süßer die Glocken nie klingen“ einlassen, weil man weiß, dass man sich nicht selbst betrügt oder nur verlogen mitspielt. Wie bei einem Spiel lässt man sich ein und nimmt es ernst. Es ist jedoch immer deutlich, dass es ein Spiel ist.

Das süße Jesulein

Die Geburt eines Kindes provoziert Projektionen, die aus der Tiefe oder dem Kern der Persönlichkeit stammen. Ist dieses Kind erwünscht, hätten die Eltern die Zeugung lieber verhindert oder noch schlimmer, ist es den Beteiligten völlig egal? Welche irrealen Wünsche richten Eltern manchmal auf das Neugeborene? Und zeugen solche Fantasien nicht oft nur vom eigenen Scheitern? In dem Kind kann die eigene Geschichte fortgeschrieben werden. Das Geschlecht der Familie bleibt bestehen, der Name wird weiter tradiert. Und vielleicht bin ich ja der Vater oder die Mutter eines Wunderkindes, eines weltbekannten Stars, eines berühmten Staatsmannes oder auch eines Religionsstifters. Der eigene Name wird in die Geschichte der Menschheit eingehen. Maria und Josef würde heute niemand mehr kennen, wären sie nicht die Eltern Jesu gewesen. Die Geburt im Stall hat dabei ein Bild davon geprägt, dass die soziale Herkunft keine Rolle spielt. Jeder kann eine bedeutsame Person werden. Wenig bedacht wird dabei allerdings, dass die Wahrscheinlichkeit dafür sehr gering ist und von vielen unkalkulierbaren Faktoren abhängt. Aus Frust über diese Tatsache, man war ja selber ein Kind und hätte ein Star werden können, verwandeln viele Menschen diese schmerzhafte Gewissheit in zuckersüße Dekorationen der eigenen Nichtigkeit.

Das Fest der Familie

Die Kirchen haben dazu beigetragen, dass aus der Geburt Jesu ein Fest der Familie wurde. Die ersten Darstellungen einer Krippe waren ohne Maria und Josef, erst kam dann Maria dazu und schließlich auch Josef. Die Krippen, wie wir sie kennen, gehen auf den Heiligen Franziskus zurück. Im Zuge der Gegenreformation haben dann die Jesuiten quasi die Krippen für den Hausgebrauch ins Leben gerufen. Die katholische Bilderwelt richtete die Aufmerksamkeit nun auf die Familie. Eine solche Orientierung an der Familienidylle widerspricht fundamental dem, was in der Aussendungsrede beim Apostel Matthäus steht: „Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.“ (Mt 10,35) Für die Evangelisten ist die Priorität eindeutig, erst Christus und dann die Familie. Der zwölfjährige Jesus handelt vorbildhaft nach dieser Devise. Was kümmern ihn seine Eltern, wenn er im Tempel mit den Lehrern reden kann? Das Weihnachtsfest, so ließe sich selbstkritisch feststellen, lässt sich besser vermarkten, wenn dieser Stachel entfernt und der Heiland in Zusammenhang mit der Heiligen Familie zum kleinen Jesulein stilisiert wird. Diese Art der Werbung für die Religion wird auch heute von den Kirchenoberen und frommen Gläubigen betrieben.

Religion ist Aufbruch

Je mehr die Gesellschaft das Erscheinungsbild einer Religion von seinen Inhalten abkoppelt, desto weniger klingen die weiteren Botschaften mit, die eine Deutung des äußeren Scheins geben könnten. Man müsste daher fordern, dass nicht „Ihr Kinderlein kommet“ gesungen wird, sondern Tacheles geredet wird. Das vermeintliche Zugehen auf Kirchenferne, hat eine seichte Religion zur Folge, die vor allem sentimentale und romantische Empfindungen anspricht. Und wenn Eltern oder Erwachsene sich freuen, dass die Kinderchen an den Nikolaus oder das Christkind glauben und möglichst spät darüber aufklären, dass das alles ganz anders gemeint ist, dann bringen sie den Kleinen nicht bei, worin das Geheimnis tatsächlich besteht. Später sind sie als Erwachsene angerührt, weil sie an ihre schöne Kinderzeit erinnert sind. Die frohe Botschaft wird zum infantilen Rückzug und der Aufbruch oder das Metanoiete wird an die Eltern und Autoritäten delegiert. Der Glaube ist ein Kinderglaube geblieben und Atheisten haben Recht, wenn sie der Religion vorwerfen, dass diese Vorstellungen der Vernunft widersprechen.

Ein bisschen stacheln sei erlaubt

Man muss das Kind nicht gleich mit dem Bade ausschütten, doch der Hinweis darauf, dass es nicht um Friede, Freude, Eierkuchen und die liebe Familie geht, sondern um die Geburt dessen, der dann am Kreuz gestorben ist, muss schon erlaubt sein. Und es muss auch nicht gleich am Fest der Feste losgehen, es reicht schon, wenn man sich als Christ eingesteht, dass das Christkind nicht süßlich singt, sondern einen scharfen Ton anschlagen kann: „Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung.“ (Lk 12,51) Dieser Vers aus den Evangelien ist eine Überschrift des christlichen Glaubens. Und das bedeutet, die frohe Botschaft muss nicht als eine einlullende und allen entgegenkommende Nachricht verkündet werden, die frohe Botschaft ist ein klares und mutiges Wort. Der Sender dieser Nachricht ist froh über das, wovon er berichtet, der Empfänger kann jedoch geschockt sein. „Oh, du fröhliche…“ heißt dann eben auch, dass wirkliche Freude nur der empfinden kann, der unterscheidet zwischen Kitsch und dem, was Menschen tatsächlich fröhlich macht. Die stille Nacht mag zwar äußerlich keinen Krach erzeugen, doch innerlich rumort sie wie ein Vulkan. Und das Ergebnis ist ein kämpferisches Auftreten eines Menschen, der mit sich versöhnt ist. Lieber mal eines freches und ehrliches Wort als ein pseudofriedliches Getue, und wenn es zu Weihnachten sein muss.

Thomas Holtbernd

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