Lobpreislieder und CCM: Spirituelles Ecstasy oder die Zukunft der Kirche?

Die Kirchen verlieren immer mehr Mitglieder. Traditionelle Formen frommer Andachten erreichen heute keine jungen Menschen mehr. Die Popgeneration verlangt stilgerechtere Formen und Inhalte. Besonders in den USA hat dies zu einem neuen Genre von Kirchenmusik geführt, der so genannten Contemporary Christian Music (CCM). Ob als rocklastige Musik, oder als ruhige Angebetungsmusik. Das Ziel ist die Vermittlung des Glaubens durch emotionale akustische Stimulation. Aber dies ist nicht ungefährlich.

Im Anfang war das Gefühl

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott“ (Joh 1,1). So beginnt das Evangelium nach Johannes. Für die Lobpreismusik, bzw. die CCM kann analog gelten: Im Anfang war das Gefühl, und das Gefühl war bei mir und durch das Gefühl kam ich zu Gott. Während das Johannesevangelium ganz auf der Ebene der Vernunft, des Wortes bleibt, so steht im griechischen Originaltext für Wort „Logos“ – Vernunft, Sinn, Wort, Bedeutung, Geist – geht die Lobpreismusik auf die emotionalen Bereiche des Menschen ein. Man hat in der säkularen Welt gelernt wie Menschen erreichen werden: durch optische und akustische Reize, durch Werbung und Show. Diese Lockmittel will man nun auch glaubensmehrend einsetzen. Der Adressat der Lobpreislieder ist nicht das Gehirn als Denkorgan, sondern als Endorphin-produzent. Die Lieder sollen den Hörer emotional packen, mitreißen, sollen ihn fühlen lassen, wie sehr er von Gott geliebt sei. Nicht selten löst dies ekstatische Reaktionen bei den Hörern aus. In den USA weinen nicht wenige Tränen, zucken herum, tanzen umher. Gottes Gnade packt den ganzen Menschen und übernimmt die Kontrolle.

Brain Washing durch emotionale Manipulation?

Es stellt sich bei derartigen emotional-affektiven Ausfällen die Frage, ob das nur harmlose christliche Musik ist oder etwas anderes. Selbst wenn die europäischen Lobpreislieder meist keine starken äußerlichen Reizreaktionen hervorzurufen scheinen, so wollen sie dennoch über das  Gefühl bekehren. Der liebe Gott soll gespürt werden. Das natürliche kritische Potenzial des Menschen soll bewusst zugunsten einer spirituellen Kickerfahrung überwunden werden. Alle kritischen Anfragen, Zweifel, Bedenken emotional besiegt werden. – Das Gefühl hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt. Doch der Mensch ist vor allem ein animal rationale – ein vernünftiges Wesen, kein Emo-Sklave. Durch die Überreizung des Emotionalen und den Niederschlag des Denkens wird eine gefährliche Schieflage hervorgerufen. Dopamin soll zur Glaubens- und Erkenntnisgrundlage werden. So macht man Menschen gefügig, manipulier- und kontrollierbar und ehe man sich versieht hat man aus emotionalen Beweggründen etwas getan, das man später bitter bereuen wird.

Hat das noch viel mit eigentlichem Christentum zu tun?

Aber kann man da noch von Glauben reden? Wenn man sich den Inhalt der Lieder anhört, so sind sie schon sehr darum bemüht, nichts Ungläubiges zu singen und stattdessen die reine Lehre der Kirche zu verkündigen. Jedoch wird der Glaube zu einer affektiven Beziehung, Gnade wird zum Gefühl. Weniger der musikalische Inhalt, als vielmehr die missionarische Methode ist problematisch. Im christlichen Glauben ist die Welt von Gott gut geschaffen worden. Die Erkennbarkeit der Welt als Schöpfung ist nach der Lehre der Kirche mit den Mitteln der Vernunft einsichtig. Jesus Christus als Gottes Sohn ist Erlöser durch das im Glaubensbekenntnis genannte Heilsgeschehen. Der Heilige Geist wird bekannt als Gott, „der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten“ (Großes Glaubensbekenntnis). All diese Glaubensaussagen sind Bekenntnisaussagen, die verstandesmäßig bekannt werden wollen. Nichts deutet auf eine emotionale Show hin.

Die Heilshoffnung ist kein emotionales Gefühl, sondern ein Vertrauen auf das Wort Gottes. Nicht emotionale Wellness, nicht das gute Gefühl, sondern das Hören des Wortes und dessen wirkvolle Taten verkünden den Glauben. Die Ursache des Glaubens geht dabei immer von Gott selbst aus, nicht vom menschlichen Gefühl. Petrus bekennt Jesus als Christus, da er Worte des ewigen Lebens habe (Joh 6,68). Dies ist keine emotionale Show, kein Gefühlsrausch, sondern ein echtes Bekenntnis, das aus Lebenserfahrung und Vernunft basiert. Der Glaube ist die Möglichkeit das ganze Leben darauf  vertrauend auszurichten. Die Vernunft sollte beim Glauben nicht ausgeschaltet werden. Das alltägliche Leben, so langweilig und gefühlsarm es sein mag, kann nicht als Glaubensschwäche ausgelegt werden. Zum Glauben kommt man nicht durch einen Rausch.

So anziehend Lobpreislieder und CCM auch sein mögen, sie bleiben letztlich eine Blase, die zerplatzt sobald die Musik aufhört.

Josef Jung

2 Gedanken zu “Lobpreislieder und CCM: Spirituelles Ecstasy oder die Zukunft der Kirche?

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