Der Weihnachtsmarkt und das neue Weihnachten

In der Adventszeit haben unsere Städte ein anderes Gesicht als sonst. Überall sind Lichter, Sterne und leuchtende Schneekristalle über den Straßen aufgehängt. Die Fassaden sind mit Lametta, Kerzen und Weihnachtsmannfiguren geschmückt. Ein weiteres prägendes Element in vielen Orten sind zudem die Weihnachtsmärkte. Besonders in großen Städten werden sie zu regelrechten Pilgerzentren, aber auch in kleineren Orten sind sie ein gesellschaftliches Ereignis. Selbst Weihnachtsmuffel müssen mal über einen Weihnachtsmarkt gegangen sein. Denn Weihnachtsmärkte vereinen drei Aspekte in sich, die stark mit Weihnachten assoziiert werden.

Foto zu Weihnachtsmarkt

1. Weihnachtsmärkte bieten Geselligkeit

Feste sind immer Ereignisse, in denen sich Menschen begegnen, um ihre Beziehungen rituell zu bestätigen. Das gilt in besonderer Weise für das Weihnachtsfest. Zuerst ist es das Fest der Familie, besonders der Kinder. Ihnen ist der häusliche Bereich vorbehalten. Aber auch Freunde und sogar Arbeitskollegen partizipieren von diversen Weihnachtsfeiern, die oft mit einem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt verbunden sind. Der Weihnachtsmarkt wird so zum Ort, an dem man die alltäglichen Beziehungen noch einmal rituell bei Glühwein, Bratwurst oder Mandeln realisiert. In einer Zeit, in der Familien aber immer mehr erodieren und für viele Menschen keine selbstverständliche Lebenswirklichkeit mehr darstellen, werden Freunde und Kollegen immer wichtiger. Der Ort des Feierns von Weihnachten verlagert sich so immer mehr auf den Weihnachtsmarkt.

2. Konsum um seiner selbst Willen

Kein anderes Fest hat für die deutsche Wirtschaft eine so große Bedeutung wie Weihnachten. Nicht umsonst spricht ein Frankfurter Professor vom ‚Hochfest des deutschen Einzelhandels‘. Schon im Sommer leben die deutschen Händler auf die Adventszeit regelrecht hin, bereits im September kommen die ersten Nikoläuse in die Regale. Und niemals sitzt den Deutschen die Börse so locker wie in diesen Tagen. Das gilt auch für den Weihnachtsmarkt. Der ist eigentlich nichts anderes ist als ein Markt, der den Menschen früher Produkte für Weihnachten verkaufen wollte, wurde aber schrittweise zum Massenvergnügen. So kommt kaum mehr etwas, was man dort kauft, unter den Weihnachtsbaum. Zugleich aber gibt man nicht wenig Geld für Mandeln, Würsten und einen Glühwein mit den Kollegen aus, wovon zu normalen Zeiten der Preis einen vom Kauf abhalten würde. So feiert der Konsum, einer der Götter der Moderne, einen seiner schönsten Ausstände.

3. Romantisierendes Ambiente

Die Heimeligkeit oder eine romantisierende Stimmung – der Weihnachtsmarkt zeichnet sich durch ein unverwechselbares Ambiente aus. An sich ist an den Buden und Karussellen wenig dran. Ihren Zauber entfalten sie erst durch ihre besondere Ausgestaltung. Falscher Schnee liegt auf ihren Dächern und Holzlatten machen die Stände zu kleinen Häusern, die sich an engen Straßen entlang wie ein Dorf in der Stadt entlangreihen. So entführt der Weihnachtsmarkt seine Besucher für einen Moment aus der Anonymität gesichtsloser Städte in eine fast dörfliche Fantasiewelt, in der nicht Metall und saurer Regen, sondern Holz und Schneezauber bestimmend sind. So wirkt er trotz aller Menschenmassen geradezu heimelig und ein romantisches Gefühl kann aufkommen. Die Leute, die sich nach persönlicher Annahme, nach Übersicht und nach Geborgenheit sehnen, nehmen diese Möglichkeit gerne wahr, etwas vom Weihnachtszauber abzubekommen, auch wenn ihre Wohnung keinen Weihnachtsbaum hat und sie am Fest alleine bleiben.

Der Weihnachtsmarkt ist der neue Heilige Abend

Der Weihnachtsmarkt ist aus unserer Vorstellung von Advents- und Weihnachtszeit nicht wegzudenken, denn er symbolisiert vieles, was mit Weihnachten identifiziert wird. Zugleich ist er Teil jener Transformation des Festes, die wir in den letzten Jahrzehnten miterleben. Weihnachten wird immer mehr aus seinem religiösen Kontext gelöst und zu einer säkularen Feier. Betrachtet man die traditionelle Trias des religiösen Weihnachtsfestes, Heilig Abend/Weihnachtsvigil, 1. Weihnachtsfeiertag/Hochamt und Dreikönige, kann man vom Weihnachtsmarkt als Ersatz für die Weihnachtsvigil sprechen. Hier wie dort geht man mit der Familie bzw. mit Freunden hin, man konsumiert hier Glühwein und Bratwurst, da Weihnachtsgans, man singt und es ist doch bei beiden sehr romantisiert. Der Weihnachtsmarkt ist so für viele zum neuen Heiligen Abend geworden.

Maximilian Röll

Foto: Eckhard Bieger

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