Transzendenz im Bild: Das Unsichtbare in einer Bildkultur darstellen

 

Foto Gottesfrager 2014

Illustrierte, Fernsehen und immer mehr das zuerst wortlastige Internet sind am Bild orientiert. Weil es der Bildschirm den Augen schwerer macht, Textzeilen zu lesen, finden sich immer mehr Fotos oder Schrifttafeln. Weil das so ist, hat Facebook die Link-Gestaltung weiter entwickelt. Wenn auf der verlinkten Seite ein Foto platziert ist, wird es verkleinert bei Facebook gezeigt. Wir empfinden das als selbstverständlich und registrieren nicht, dass andere Links nur aus einer Zeile bestehen, die selten eine Vorschau auf den Inhalt der Seite bietet. Fotos, ob groß oder klein, sind zum Leitmedium des Internets und der Sozialen Medien geworden. Die Herausforderungen an die Qualität des Bildmediums sind jedoch keine so anderen, wie sie frühere Epochen gemeistert haben. Es ist nicht erst die Postmoderne, die das Bild für die den Bild so viel zutraut. Gerade im Religiösen hat sich die Bildkunst entfaltet. Ein kurzer Rückblick bzw. ein Blick in die Gegenwart von Baudenkmälern gibt wichtige Hinweise:

 

Besucherströme in romanischen, gotischen und barocken Räumen

Ob romanisch, gotisch oder barock – Ströme von Touristen wandern durch diese Kirchen, obwohl die Mentalitäten dieser Epochen ihnen fremd sein müssten. Sie wollen den Raum auf sich wirken lassen, um ein besonderes Erleben mitzunehmen. Diese Kirchen wie auch Schlösser wirken erst einmal aus sich selbst. Für die Auswahl und das Arrangement der Fotos lässt sich daraus ableiten, dass diese ohne Erklärung wirken müssen.

Lässt man sich weiter von den Kirchen inspirieren, käme es zuerst auf die Raumkomposition an. In den Kirchen wird der Blick nach vorne gelenkt, wo vom Ambo die biblischen Texte verlesen und am Altar das eucharistische Mahl gefeiert wird. Das Kreuz ist deshalb zentral, weil es in der Kirche um Jesus geht, sein Evangelium und sein Mahl, das er dem Gedächtnis seiner Jünger anvertraut hat und das den zentralen Gottesdienst ausmacht.

Im Barock rückt Maria ins Zentrum, nämlich als Motiv für das Gemälde über dem Altar. Ihre Aufnahme in den Himmel, empfangen von Vater, Sohn und Geist, führt den Gottesdienst­teilnehmern das Lebensziel vor Augen: als Auferstandene und wie Maria in den Himmel aufgenommen zu werden. Im Barock bleibt das Kreuz im Altarraum, meist jedoch kleiner, weil es unter dem Altarbild auf dem Tabernakel zu stehen kommt. Im Chorraum und entlang der Säulen, auf Fresken an den Seitenwänden werden andere himmlische Bewohner dargestellt. Es sind Heilige, allen voran die Apostel. Im Barock rahmen Petrus mit dem Schlüssel und Paulus mit dem Schwert den Chorraum ein. Die Seitenaltäre sind Heiligen gewidmet, die in Skulpturen oder Gemälden ihr Gesicht zeigen. Das Ensemble der himmlischen Bewohner zeichnet den Raum als Vorhof des Himmels aus. Dass der Besucher in einen besonderen Raum eintritt, der ihm in seine endgültige Bestimmung führen soll, wird ihm an mittelalterlichen Kirchen oft durch das Tympanon, das Feld über dem Eingangsportal, vermittelt. Hier wird Christus nicht als Gekreuzigter, sondern als Weltenherrscher dargestellt, an seiner Seite Maria und auf der anderen Seite meist Johannes der Täufer, unter ihm die Menschen, die er zum Weltgericht empfängt. Man betritt also unter dem Weltgericht die Kirche.

 

Empfangen vom himmlischen Personal

Nach dem Eintreten spürt der Besucher die Blicke der dargestellten Personen auf sich gerichtet, er fühlt sich nach vorne gezogen, wo im Chorraum das Entscheidende stattfindet.

In Kirchen der Orthodoxie blicken die Bewohner des Himmels die Teilnehmer des Gottesdienstes noch sehr viel intensiver an. Sie sind mit geöffneten Augen auf die Ikonostase gemalt. In manchen Kirchen sind neben Kreuz und Altarbild auch Reliquien aufgestellt, so in Kölner Dom in einem goldenen Schrein die Gebeine der Drei Könige, die dem Stern nach Bethlehem gefolgt sind. In romanischen Kirchen finden sich die Reliquien der Heiligen und auch Königs- und Bischofsgräber in der Krypta unter dem Chorraum. Diese Reliquien waren im Mittelalter Anziehungspunkt für große Pilgergruppen. Wenn sie in die Krypta romanischer Kirchen stiegen, um den Sarkophag zu berühren, oder wenn sie den Reliquienschrein in seinem Glanz betrachten konnten, fühlten sie sich dem Himmel näher. Die Raum- wie Bildkompositionen sind früheren Genrationen so überzeugend gelungen, dass sie auch die Menschen aus den säkularisierten Gesellschaften anziehen.

 

Perspektive für das eigene LebenKirchen und Stadien
Zwar werden die Kirchen von den Kunsthistorikern säkular beschrieben, nämlich als seien sie Ausstellungsräume für Kunstwerke. Trotzdem verhalten sich die Besucher anders als in einem Museum. Sie erleben das Zueinander von Raum, Lichtführung und den Darstellungen und damit die Gesamtkomposition als etwas Besonderes. Der Besucher kommt nicht in die Rolle, die künstlerischen Meisterwerken zu bewundern, sondern er spürt, dass es um etwas anderes geht, ihm nämlich eine Perspektive für das eigene Leben zu eröffnen.

Solche Konstellationen, die nicht bloß etwas „ausstellen“, die nicht nur Reaktionen auf das Dargestellte auslösen, sondern demjenigen, der die Räume betritt, einen Platz in einem großen Geschehen bieten, sind für die säkularen Gesellschaften die Stadien, in denen die Sport-Liturgien gefeiert werden. Die Kirchen geben immer noch dem Stadtteil, dem Dorf und manchmal der ganzen Stadt mit den sie umgebenden Plätzen ein besonderes Gepräge. Deshalb werden sie auch im Osten Deutschlands renoviert, obwohl 80% der Bevölkerung es „normal“ findet, sich nicht religiös zu verstehen.

 

Digitale Religiosität

Im Alltag ist der gewöhnliche Platz, an dem man sich Orientierung holt, das Internet und noch mehr die Social Media. Neues, auch eine Perspektive für das eigene Leben, wird heute medial vermittelt. Das war schon immer so, denn eigentlich ist der Unterschied zu einer gotischen Kathedrale nicht so verschieden. Z.B. wurde Chartres so prächtig gebaut, weil, verbunden mit einem Getreidemarkt, viele Menschen angezogen werden sollten. Über diese Märkte konnten die Bauten dann auch finanziert werden. Heute ist an die Stelle der einheitlichen Bildsprache der verschiedenen Kunstepochen als universelles Medium das Foto getreten.

 

Warum Foto das universelle Medium ist
Wer auf einem Platz eine Kirche baut bzw. diese stehen lässt, wendet sich an alle Menschen. Wer im Internet die religiöse Dimension erschließen will, muss sich allen ohne ausführliche Erklärungen verständlich machen. Das scheint mit der Gegenwartskunst nicht so einfach zu sein. Nicht nur Joseph Beuys braucht für seine Installationen eine Erklärung. Die meisten Künstler, die Transzendenz darstellen, entwickeln eine eigene künstlerische Sprache. Je mehr Kunstwerke, desto mehr Sprachen, die man erst verstehen lernen muss.
Auch frühere Epochen hatten eine entwickelte Symbolsprache. So weist ein Oktogon auf den 8. Tag der Auferstehung hin und Taufbecken ist daher achteckig. Oder dass der Löwe nicht nur Macht symbolisiert, sondern auch für Auferstehung steht, da nach früher Tiersymbolik der Löwenvater am 3. Tag das Löwenbaby anbrüllen muss, damit es zum Leben erwacht. Offensichtlich gab es damals eine Kunsterziehung, dass viele Menschen die Symbolik verstanden.
Entsprechend den Differenzierungsprozessen der Moderne teilen sich auch die Interpretationsgemeinschaften für die Gegenwartskunst in viele kleine Gruppierungen, so dass die Kunst keine allgemein zugängliche Sprache mehr spricht.  Das gilt jedoch nicht für die Wahrnehmung eines Fotos. Bei dem Test einer Fotoreihe konnte der Autor bei Jung und Alt ein direktes Urteilsvermögen beobachten. Ein Blick genügte den Testpersonen, um über die Qualität eines Fotos zu urteilen. Offensichtlich ist die Fotografie zur universellen Sprache geworden. Deshalb könnte es sein, dass das Foto, neben der Architektur, das universelle Medium für die Darstellung auch des Religiösen geworden ist.

 

Wie kommt man zu spirituellen Fotos:

„In dem, was ich sehe, das andere sehen“, so beschreibt Helmut Zimmermann in einem Gespräch den kreativen Vorgang. Selten entsteht durch Konzeption ein Foto, das für sich selbst spricht, ohne in ein Umfeld, sei es in eine Zeitschrift, ein Prospekt oder in eine großformatigen Fotoreihe eingebettet zu sein. Es gibt aber auch Fotos, die man überall aufhängen und denen selbst die Sterilität eines Museums nichts anhaben kann. Diese Fotos werden von Betrachtern in ihrer Aussagetiefe identifiziert. Fotos von dieser Aussagetiefe entstehen genauso wie die Kunstwerke nicht durch Zufall. Das Auge muss sie sozusagen erarbeiten.

 

Fotografieren ist Lichtkunst

Was wir heute Foto nennen, hieß einmal „Lichtbild“. Das Licht ist eigentlich das Medium des Fotos. Das erklärt auch, warum das Schwarz-Weiß-Foto seine Eindrücklichkeit mit dem Aufkommen der Farbfotografie nicht verloren hat. Da man das Licht selbst nicht fotografieren kann, wohl aber den Lichteinfall, die durch das Licht herausgehobene Fläche, die Spiegelung auf dem Wasser, ermöglicht das Licht, Transzendenz in der Fotografie anzudeuten. Das Transzendente selbst ist nicht zu sehen, es zeigt sich aber, indem es Materielles zum Leuchten bringt. Licht, z.B. eine „Lichtung“, ist darstellbar, wenn es um sie herum anderes gibt, von dem sich das „Belichtete“ abheben kann.

Deshalb gibt es Tage, an denen besondere Fotos schwieriger zu gestalten sind, nämlich wenn keine Wolke am Himmel ist oder die Wolkendecke alles in das gleiche Licht taucht. Licht hat seine Zeiten, deshalb muss man ihm auf die Spur kommen, ob im Wald oder in Kirchenräumen – erst der Lichteinfall bringt einen Raum, eine Baumgruppe, ein Gesicht zum Sprechen. Insbesondere das Licht am Morgen und am Abend ist geeignet, eine besondere Atmosphäre zu schaffen. Spirituell Fotografieren ist eine Form der Meditation.

hinsehen.net wird solche Fotos bringen und will die Suche nach Motiven anregen, die das Unsichtbare sichtbar machen.

Eckhard Bieger

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