Die Unerträglichkeit besinnlicher Zeiten

Foto: dpa / picture-allianceEs gibt Zeiten im Jahr, da kommt man gar nicht umhin, an religiöse Themen zu denken. Adventsmärkte laden ein mit Kerzenlicht und Glühweinstimmung. Die Geschäfte sind Weihnachten und Ostern entsprechend geschmückt und den meisten ist noch irgendwie klar, da war doch was mit Christkind oder Auferstehung. Totensonntag und Allerheiligen fallen nicht ganz so ins Gewicht, weil es sich nur um einzelne Tage handelt. An Feiertagen ist zunächst mal vor allem eines spürbar, es ist ruhiger. Es fahren weniger Autos und morgens liegen viele Menschen noch im Bett, da kann es sein, dass ein wenig Besinnlichkeit spürbar ist. Die gewollte Besinnlichkeit, die nur noch Kommerz und Langeweile vertreiben beinhaltet, ist dagegen unerträglich.

Was, wenn nicht kirchliche oder religiöse Feste, ist sonst mit Besinnlichkeit verbunden. Beim 1. Mai wird wohl kaum jemand an Stille und Ruhe denken, eher an Demonstrationen und große Reden. Kino, Theater, Opern- und Konzerthäuser können Orte sein, an denen Besinnlichkeit vorkommen mag. Vielleicht wird jemand durch ein Naturschauspiel besinnlich. Ein Sonnenuntergang oder Sonnenaufgang kann romantische Gefühle wecken und durch das sinnliche Erleben zum Sinnieren bringen. Doch die Besinnlichkeit, die vor allem mit der Advents- und Weihnachtszeit assoziiert wird, unterscheidet sich von einer solchen mit den Sinnen erfahrenen Außerordentlichkeit. Zwar sprechen Zimtgeruch, Kerzenschein, Glühwein u. a. die Sinne an, doch könnte die Weihnachtszeit auch ohne solche Sensationen auskommen und dennoch Besinnlichkeit aufkommen lassen. Die sinnlichen Attraktionen unterstützen die Besinnlichkeit, sind jedoch nicht die Voraussetzung. Ebenso ist es bei Kunst und Musik, auch hier löst eine sinnliche Erfahrung ein bestimmtes Gefühl aus, was dann besinnlich machen kann.

In der Ruhe zwischen Sinn und Sinnlichkeit

Für eine Besinnlichkeit ist das Äußere nicht Bedingung. Besinnlichkeit ist eine Kopfgeburt. In Abgeschiedenheit und ohne äußere Reize kann eine Besinnlichkeit entstehen, weil der Mensch sich etwas denkt. Es ist keine Rückbesinnung an schöne Ereignisse, es ist kein Träumen zukünftiger Geschehnisse. Ein solches Sinnen kann bei der Besinnlichkeit vorhanden sein, muss es jedoch nicht. Das Wort Besinnlichkeit wird unterschiedlich benutzt und kann kitschige Gefühle meinen wie auch ein ernsthaftes Besinnen. Vergleichbar wäre ein Wort wie Gelassenheit, was sich vom mittelhochdeutschen gelazen ableitet und gottergeben bedeutete. Heute meint man damit eher ruhig im Gemüt. Vielleicht lässt sich die Bedeutung von Besinnlichkeit als Gemütsbewegung zwischen Ruhe, Sinnlichkeit und Sinn beschreiben.

Auszeit

Den Begriff Sinnlichkeit zu fassen, ist wohl sehr schwierig. Einigkeit dürfte darüber bestehen, dass Besinnlichkeit mit einer Auszeit verbunden ist. Eine außergewöhnliche Zeit, die mit großen Erwartungen, Wünschen oder Sehnsüchten verbunden ist, wird bewusst vom Alltag abgesetzt. Die sinnlichen Erlebnisse, gutes Essen und Trinken können solche Auszeiten kennzeichnen. Aus dem Alltag herauszutreten und sich dem Besonderen zu widmen, lenkt die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche, Wichtige und auch die Freuden des Lebens. Besinnlichkeit weist darauf hin, dass dies nicht im Sinne eines Konsumismus gemeint ist, sondern erlebt werden will. Mögen die Kaufhäuser Besinnlichkeit als Dekoration anbieten und Adventsmärkte als sinnlichen Glühweingenuss, so bleibt dennoch der veränderte Blick auf die Wirklichkeit, der nicht käuflich zu erwerben ist, sondern vom inneren Wollen initiiert ist.

Vom Ernst der Besinnlichkeit

Als Gegenteil der Besinnlichkeit könnte eine ausgelassene Fröhlichkeit gelten. Wer fröhlich und ausgelassen ist, will nicht nachdenken oder nach dem Wesentlichen suchen. Besinnlichkeit steht zur Freude nicht im Gegensatz, wohl aber zur Ausgelassenheit. Ein gewisser Ernst umgibt dabei die Besinnlichkeit. Wer sich besinnt, dem ist es wichtig, mit dieser Form des Nachdenkens etwas wieder spüren zu können, was sein Auftrag, seine Aufgabe oder auch seine Berufung ist. Es geht um die Wichtigkeit des eigenen Lebens. Besinnlichkeit lässt mitklingen, dass es nicht um ein rein rationales Erfassen seiner Voraussetzungen und Möglichkeiten geht. Die Sinne und eine bestimmte Art, seine Wahrnehmungen zu bewerten oder sinnlich werden zu lassen, kennzeichnet die Besinnlichkeit. Die äußere Welt mag daher als schmerzhaft erlebt werden, weil sie dem Sinnlichen Grenzen setzt.

Die Wiederkehr des Sinnlichen

Wer berührt werden will, der muss es verstehen, Sinnlichkeit zu erzeugen oder zuzulassen. Und Sinnlichkeit ist mit Körperlichkeit und Erotik verbunden. So wie ein nackter Körper weniger Erotik ausstrahlt als der mit Kleidung inszenierte Körper, so kann etwas Besinnliches als nackte Tatsache nur wenig Aufregung erzeugen. Ist das Besinnliche kunstvoll inszeniert, so ist der Impuls stärker, sich darauf einzulassen. Um etwas kunstvoll darstellen zu können, muss ein klarer Inhalt vorhanden sein, sonst wird für den Betrachter schnell erkennbar, dass nur eine Hülle präsentiert wird. Die Sehnsucht nach mehr Inhalt könnte man daran bemerken, dass z. B. historische Romane Konjunktur haben oder auch auf den Adventsmärkten die mittelalterlichen Abteilungen umfangreicher werden. Im Verständnis vieler Menschen bedeutet historisch gleichzeitig Inhalt. Die Möglichkeit, mit seinen Sinnen erfasst zu werden, scheint bei historischen und damit ursprünglicheren Attraktionen, größer zu sein.

Verfall der Sitten oder einfach anders

Den Kommerz, die Auslagen von Spekulatius & Co schon nach den Sommerferien, die immer gleichen Buden beim Advents- /Ostermarkt oder sonstigen Festivitäten, kann man beklagen. Doch es könnte auch sein, dass dabei scheinbar nebensächliche Entwicklungen übersehen werden. In der westlichen Gesellschaft, die schon lange durch Säkularisierung und dem Schwinden religiöser oder kirchlicher Einflüsse gekennzeichnet ist, müssen übernommene Formen zunächst hohl wirken. Eine eigenständige Tradition muss sich erst bilden. Die Kultur, der der moderne Mensch heute begegnet, ist kaum noch religiös oder weltanschaulich gefüllt. Im Grunde genommen sind die Gebräuche und Riten inhaltsleer und können dementsprechend von jedem Menschen in Gebrauch genommen werden, die Weltanschauung ist fast unwichtig, denn die ist nur noch peripher an das Äußere gebunden. Der Untergang der Religionen, wie wir sie kennen, kann so ein großer Segen sein. Für die Äußerlichkeiten und fürs Gefühl greifen wir auf ein Potpourri aus allen möglichen Religionen und Weltanschauungen zurück. Unsere Weltanschauung wird mehr und mehr eine individuelle Sicht der Welt, die immer zur Disposition stehen kann. Religion wäre so mehr eine Sache der Vernunft und nicht des Lebensgefühls. Das Lebensgefühl gestehen wir uns ein als etwas, was die Seele braucht, doch nicht mehr als Kern einer Religion. Und wenn wir besinnlich werden, dann verstehen wir vielleicht den Kern von Religion: Mach’s wie Gott, werde Mensch!

Thomas Holtbernd

Foto: dpa / picture-alliance

Ein Gedanke zu “Die Unerträglichkeit besinnlicher Zeiten

  1. Vielleicht ist ganz genau dies das Problem:
    Die- gut bezahlten-Theokraten sind infolge einer Überdosis an Ratio nicht beziehungsfähig.
    Sie lassen die Anderen ,vom Kind bis zum Greis in der Bevormundung:Emotionale Blockade satt :
    Beziehung im Burn-out.
    Theokratie- wozu ?…
    Dabei sehnt sich die Schöpfung nach nichts mehr als nach Beziehung, nach Religion.

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