Der Atheismus scheint plausibler: Warum der Atheismus den Neoliberalismus und den Biologismus stützt

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In weltanschaulichen Fragen geht es nicht nur um die Wahrheit, sondern auch um die Macht. Denn eine Weltanschauung, ob Marxismus, Naturalismus oder Biologismus, beansprucht Geltung, so wie die Religion. Das zeigt sich daran, dass wer mit Atheisten diskutiert, sich als Gottgläubiger rechtfertigen muss. Nicht selten wird dem Gläubigen mangelnde intellektuelle Fassungskraft unterstellt. Also eigentlich ein Argument unter der Gürtellinie, religiös sei mit einem niedrigen Intelligenzquotienten zu erklären. Das zeigt: Es geht nicht nur um Wahrheit, sondern auch darum wer recht hat. Macht heißt hier: Mein Denken bestimmt, wie die Welt und das Leben zu sehen sind.

Religionszugehörigkeit ist kein Machtvorteil mehr

Religion, ob evangelisch oder katholisch, war über Jahrhunderte ebenso eine Machtfrage, sie wurde über die Fürsten und dann über Seilschaften ausgetragen. Im Ruhrgebiet gab es mit einer Ausnahme keinen katholischen Bergwerksdirektor, in anderen Regionen keinen evangelischen Volksschulrektor. Inzwischen spielt die konfessionelle Zugehörigkeit keine Rolle mehr. In den Neuen Bundesländern machen die 80% Nichtchristen keinen Unterschied mehr zwischen Protestanten und Katholiken. Man ist Christ oder „normal“, d.h. weltanschaulich uninteressiert.

Der Atheismus ist „normal“ geworden

Was den Christen in der ehemaligen DDR entgegenschlägt, nämlich dass Religion  etwas Spitzfindiges, an den Haaren Herbeigezogenes wäre, das gegenüber dem modernen Denken nicht bestehen kann, genau dies gehört auch in Westeuropa zum intellektuellen Standard und ist die Hauptströmung der Philosophie, die Naturalismus genannt wird. Seine These: alles, was die Wissenschaften erforschen können, hat zu gelten. Darüber hinaus sich Gedanken zu machen, z.B. ob der Mensch eine geistige Seele hat, ob er einmal für sein gesamtes Leben Rechenschaft ablegen muss oder ob er ein Glück erfahren wird, das über die wenigen Glücksmomente seines Lebens hinausgeht, ist unnötige Gedankenarbeit. Wer sich darüber den Kopf zerbricht, scheint weit unter dem heutigen intellektuellen Standard zu liegen. Wer braucht aber ein solches Denken, das sich naturalistisch nennt, das durch Philosophievorlesungen, Bücher und Zeitschriftenartikel in den gesellschaftlichen Diskurs eingeschleust wird? Warum sollen wir auf die Frage nach dem Glück, der Veranwortung für unser Leben, auf die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod verzichten?

Wem nutzt der Atheismus?

Im 20. Jahrhundert haben politische Ideologen sich der Religionskritik eines Ludwig Feuerbachs oder Karl Marx bedient, um eine neue Gesellschaftsordnung durchzusetzen. Marx hat die Abschaffung der Religion deshalb gefordert, um für ein neues Denken Platz zu machen. Denn eine Revolution müsse das „alte Denken“ abschaffen, damit Platz für Neues frei wird. Anders die Rassenideologie der Nationalsozialisten. Sie konnte allenfalls auf die germanischen Götter zurückgreifen, jedoch den Gott der Christen, der allen Menschen die gleiche Würde verleiht, nicht „gebrauchen“. Es ging den Gottesleugnern um den Aufbau einer neuen Welt, die allein die Materie bzw. die Rasse als Fundament zulassen konnte. Konsequenterweise hat dann Walter Ulbricht angefangen, die öffentlichen Zeugnisse des Glaubens, die Kirchbauten, wegsprengen lassen. Aber waren die christlichen Konfessionen selbst ohne Machtanspruch?

Religion: Legitimation weltlicher Macht

Das Christentum in unseren Breiten ist früh eine enge Verbindung mit den fränkischen Königen und dann mit den späteren Herrscherhäusern eingegangen. Anders als im römischen Reich waren die Fürsten, Könige, die Kaiser auf die Klöster als Kulturträger angewiesen. Bei der Niederringung der Sachsen und später bei der Beherrschung des von Slawen besiedelten Gebietes östlich der Elbe galt die Strategie, die sächsischen wie die slawischen Stämme durch die Einführung des Christentums zu befrieden. Die Unterwerfung gelang nämlich nicht, wie meist noch zu lesen ist, durch militärischen Zwang, sondern durch die Zisterzienser, Prämonstratenser und dann durch die Bettelorden. In dieser Form des Staatskirchentums wurden Bistümer und Reichsklöster zu den stabilen Stützen des Herrschaftssystems. Sie stellten nicht nur den Großteil der Truppen, wenn der Kaiser in den Krieg zog, sondern waren für die Personalpolitik disponibel. Die Könige besetzten die Bischofsstühle, bis Gregor VII. dem dritten Salierkaiser, Heinrich IV., ein Mitbestimmungsrecht bei der Besetzung der Bischofsstühle abrang. Bis zur Säkularisierung verteilte der Adel jedoch die wichtigen kirchlichen Führungspositionen an seine Söhne. Luther hat dann die weltliche Herrschaft mit dem kirchlichen Leitungsamt so eng gekoppelt, dass bis zum Ende des Ersten Weltkriegs die Landesherren zugleich die Bischöfe ihrer protestantischen Untertanen waren. In England ist der regierende Monarch immer noch formelles Oberhaupt der Nationalkirche. Die Religion diente der Ruhigstellung der Untertanen und der Legitimation fürstlicher Macht, so wie der Atheismus den Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

Macht durch Bildung

Schon die Karolinger erkannten, dass ein großes Reich nicht im Horizont eines germanischen Götterkults zu regieren war, sondern sich auf eine universelle Religion und deren Kulturtechniken stützen musste. Schließlich brauchten sie auch den Papst, um neben dem Kaiser in Byzanz den gleichen Status zu erlangen. Ähnlich waren die Reformation wie die katholische Reform nach dem Trienter Konzil Bildungsinitiativen. In gleicher Weise brauchten die Diktaturen den Zugriff auf die Schulen und die Besetzung der universitären Lehrstühle, um ihre Machtbasis zu sichern. Um welche Macht geht es aber in Demokratien, wo sich die Konfessionen nicht nur zum Religionsfrieden, sondern inzwischen auch zum Dialog verpflichtet haben?

Der technisierte Lebensstil und die Macht der Finanzmärkte

Analysiert man die Weltanschauungen nach ihrer Funktion, die sie für die auf Rohstoffen, der Schaffung neuer Geldmengen durch die Banken und der Digitalisierung der Kommunikation sowie den Techniken, die die Biologie zur Verfügung stellt, haben, dann scheint der Atheismus in der Form der Wissenschaftsgläubigkeit die Weltsicht zu sein, die das Funktionieren des Systems am besten sichert. Dazu einige Punkte

  • Die Ausschaltung des Faktors Mensch in der Wirtschaft
    Der heute herrschende Atheismus ist dem Ideal der Wissenschaftlichkeit verpflichtet. Diese verspricht Berechenbarkeit. Nach diesem Konzept forscht und lehrt die Nationalökonomie, die über den Status der Volkswirtschaftslehre zu einer globalen Wirtschaftstheorie weiterentwickelt wurde. Nach den Prinzipien dieser Wissenschaft muss der Mensch ein berechenbarer Faktor im Wirtschaftsgeschehen sein. Das wird er, wenn die Wirtschaft nicht durch die Menschen, sondern durch Zinssätze, die Lohnstückkosten und die bereitgestellten Geldmenge gesteuert werden kann. Ethische Grundlagen der Waren- und Finanzmärkte sind nicht Gegenstand dieser Wissenschaft, selbst nachdem erwiesen ist, dass bestimmte Werthaltungen fast zum Kollaps der Finanzmärkte geführt haben. Diese Wissenschaft geht immer noch davon aus, dass weitere Stellschrauben zur Steuerung der Märkte eingebaut werden können, um das Funktionieren der Mechanismen zu garantieren. Der Naturalismus untermauert diese Sicht der Wirtschaft. Die Legitimation des jetzigen Wirtschaftssystems spitzt sich noch zu:
  • Die Kontrolle des Konsumenten
    Es ist für die Marketingabteilungen der Firmen wie auch der Fernsehanstalten nicht neu, dass Konsumenten bzw. Zuschauer nur z.T. berechenbar sind. Die Wirtschaftswissenschaften führen diesen psychologischen Faktor in ihre Theorien ein. Inzwischen ist dem Konsumenten mit den digitalen Medien beizukommen. Die Spuren, die Nutzer im Internet hinterlassen, hat die Berechenbarkeit der Konsumenten so verbessert, dass man nicht mehr nur Käuferschichten, sondern jeden einzelnen in seinen Präferenzen bestimmen kann. Die digitalen Techniken ermöglichen es in hoher Perfektion, jedem individuell die Produkte, Reisen u.a. zu präsentieren, die auf die größte Kaufneigung treffen. Wissenschaft in Verbindung mit dem fehlenden Datenschutz der digitalen Medien haben die Steuerung der Kundenwünsche in einem Maße perfektioniert, dass selbstbestimmtes Handeln, das einmal mit dem Pathos der Wissenschaftlichkeit ermöglicht werden sollte, von eben diesen Wissenschaften nur noch als Selbsttäuschung beschrieben werden kann. Die Hirnforschung liefert dazu die noch fehlenden Begründungen. Die Steuerung jedes einzelnen wird noch ergänzt durch die Mechanismen der sog. Geldschöpfung:
  • Die Finanzindustrie als Instrument der Machtausübung
    Wissenschaft stellt im Konzept des aktuellen Naturalismus die Kenntnisse bereit, um eine neue Zivilisation zu bauen. Dazu waren im Zusammenhang mit der Industrialisierung Rohstoffe erforderlich. Nachdem durch die perfektionierte industrielle Fertigung nicht mehr die Produktion, sondern der Absatz der Produkte zum Problem geworden ist, ist die Macht in den Unternehmen von den Ingenieuren auf die Marketingstrategen und die Betriebswirte übergegangen. Es sind nicht mehr die Arbeitskraft und die Maschinen, die die Unternehmen steuern, sondern die Beherrschung der Märkte. Hier gibt es kein Knappheitsproblem mehr, denn Geld können die Banken in beliebiger Menge „schöpfen“. Zwar braucht es weiterhin Rohstoffe, vor allem Erdöl, um Produktion und Verkehr am Laufen zu halten. Der entscheidende Rohstoff ist jedoch das Geld, nämlich um sowohl Investitionen wie Konsum vorzufinanzieren. Wer Geld „drucken“ kann, und das sind die Länder, die die Globalisierung vorantreiben, also neben den USA die Euroländer wie auch China, können den Absatz ihrer Waren und Tourismusangebote durchsetzen. Der Vorteil für die Player des Finanzsektors besteht nun darin: Sie können von den Krediten, die die Zentralbanken zur Verfügung stellen, einen gehörigen Prozentsatz abzweigen und als sog. Boni in ihre Taschen lenken. Je höher Finanzprodukte, also Aktien und Immobilien, in ihrem Wert steigen, desto höher die Boni. Ohne dass ein Auto mehr produziert oder eine Hotelrechnung mehr bezahlt wird, steigen die Einnahmen der Banker. Kann man einen solchen Mechanismus, der sich ja innerhalb der Spielregeln des Wirtschaftssystems entwickelt, mit dem Gedanken vereinbaren, dass das Glück des Menschen darin besteht, sein Vorteilsstreben zu überwinden und sich für den Bedürftigen einzusetzen oder gar, dass man einmal für sein ganzes Leben Rechenschaft ablegen muss? Der Naturalismus, der auf all diese Überlegungen keine Rücksicht nehmen muss, ist mit dem herrschenden Wirtschaftssystem, das auch die postkommunistischen Staaten übernommen haben, sehr viel besser vereinbar als das Armutsideal des Christentums oder des Buddhismus.
  • Biotechnologie
    Mit der Freilegung des Genoms sind nicht nur an Tieren und Pflanzen, sondern auch am Menschen Verbesserungen der biologischen Substanz möglich. Das auch umzusetzen, dafür hat der Naturalismus die Legitimationsbasis für Eingriffe, z.B. in das Erbgut, die In-Vitro- Fertilisation u.a. Biotechnologien geliefert. Das Versprechen dieser Technologien, die nächste biologische Entwicklungsstufe mit menschlichem Konstruktionswillen in Angriff zu nehmen, ist verlockend und braucht eine Philosophie, die das gegenüber der Gesellschaft rechtfertigt. Es sind dann auch tatsächlich weltanschaulich orientierte wie religiöse Gruppierungen, die diesen wissenschaftlichen Fortschritt infrage stellen, nämlich zu machen, was machbar erscheint.
  • Euthanasie
    Wenn es keine Frage nach einem Jenseits der Todesgrenze gibt, sondern mit dem Hirntod die Person ihr Existieren eingestellt hat, ist der selbstgewählte und dann auch der empfohlene Tod, auch um dem Leiden der Demenz zu entgehen, ein selbstverständliche Entscheidung, die durch den Naturalismus sehr viel einfacher zu rechtfertigen ist als mit einer Vorstellung vom Menschen, die ein Weiterleben nach dem Tod in Erwägung zieht. Denn kann ich meinem Leben einfach ein Ende setzen, wenn mich in der jenseitigen Welt irgendwer empfangen muss, damit ich dort einen Platz erhalte, so wie hier ein Neugeborenes in die Hände fürsorgender Menschen fällt, ohne die es nicht ins Leben findet?

Wer muss wem was beweisen?

Die Gläubigen, wie die professionellen theologischen Lehrer, haben sich in die Position manövrieren lassen, dass sie ihren Glauben vor dem Gerichtshof der empirischen Wissenschaft rechtfertigen müssen. Es ist heute fast nur noch das kirchliche Lehramt, das für beide Konfessionen den „Faktor Mensch“ verteidigt. Der sog. Naturalismus, der nur die durch Wissenschaft zugänglichen Wirklichkeitsbereiche als gegeben zulässt, kann nicht beweisen, dass er die ganze Wirklichkeit erfasst. Denn er kann mit seinen Methoden innerhalb der vorhanden Welt Erkenntnisse gewinnen, nicht jedoch solche, die ein Leben nach dem Tod als möglich oder nicht gegeben erweisen. Auch die Naturalisten müssen „glauben“, eben dass es außerhalb dieses Kosmos nichts mehr gibt und mit dem Tod die geistige Person ins Nichts sinkt. Es sind also nicht nur die Gläubigen, die „glauben“. Wenn also weder der Gottesglaube noch der Atheismus beweisbar sind, muss ein anderes Kriterium gesucht werden. Entsprechend dem Grundgesetz der Bundesrepublik müsste es die Weltsicht sein, die die Würde des Menschen nachhaltiger garantieren kann.

Eckhard Bieger S.J.

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Ein Gedanke zu “Der Atheismus scheint plausibler: Warum der Atheismus den Neoliberalismus und den Biologismus stützt

  1. Die -Ismen sind vom Unglaublichen,Misslingenden,etc. mehr überfordert als diejenigen,die mit der Transzendenz „rechnen“.
    Was jenen wie auch den Theokraten fehlt ist die sokratische Demut.
    Das mindert beider Authenzität.

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