Soundtrack, die Spur für nebenbei

Vinyl cityIst es eigentlich richtig, Helene Fischer als Sängerin zu bezeichnen und ihre Musik tatsächlich als Musik zu verstehen? Irgendwie singt da eine Frau und es hört sich nach Musik an, doch das Phänomen Helene Fischer ist wie ein Soundtrack, es ist wie die Tonspur auf einer alten Filmrolle. Da könnten auch ganz andere Geräusche auf dieser Spur festgehalten sein, für diejenigen, die darauf abfeiern, ist es ein Happening, es ist nebensächlich, welche Musik da gespielt wird und ob diese Musik Qualität hat. Wichtig ist ausschließlich, ob das „Geräusch“ angesagt ist und beim Feiern Unterstützung bietet. Kritiker verfallen schnell in die gewohnte Manier, eine solche Musik als Schlager und deren Hörer als intellektuelle Tiefflieger abzutun. Manche versuchen krampfhaft, dem Singen eine gewisse Qualität zuzuschreiben, um nicht anerkennen zu müssen, dass es darum gar nicht geht. Ob Helene Fischer den Anspruch hat, die Menschen berühren oder bewegen zu wollen und ihre Musik als Kunst zu verstehen, das wird sie der Öffentlichkeit nicht preis geben. Es kommt an, das reicht.

Die Tonspur auf einer Filmrolle ist eine Parallelwelt zu den Bildern, die ablaufen. Laufen Bild und Ton synchron, dann könnte es sein, dass, wenn inhaltlich der Ton gar nicht zum Film passt, sich hieraus irritierende oder witzige Effekte ergeben. In manchen Fällen dürfte es möglicherweise gar nicht auffallen. Die Bilder können durch den Ton verfälscht oder verstärkt werden. Der Ton ist in der Regel den Bildern folgend komponiert, selten dürfte es sein, dass die Bilder auf den Ton bezogen sind. Der Soundtrack wirkt nicht auf die Bilder ein und umgekehrt. Lediglich aus der parallelen Präsentation heraus können sich Effekte ergeben.

Das Leben ist wie ein Film

Das Bild von der Filmrolle könnte verdeutlichen, wie Menschen Erfahrungen machen oder eben nicht machen. Das Leben läuft ab wie ein Film, die Musik kann die Bilder dramatisch erscheinen lassen, angstbesetzte Szenen können durch eine ruhige Musik verharmlost werden. Es kann der Eindruck bestehen, dass das Leben spannend und aufregend ist, weil die Hintergrundmusik dementsprechend ist. Liefert die Tonspur Abwechslung, Dramatik, suggestive Klänge und Musik, dann erscheint Langeweile wie ein Krimi. Wird den Darstellern ein bedeutungsschwangeres Vokabular in den Mund gelegt und machtvoll präsentiert, dann hat dies eine deutende Funktion für die Handlung oder einzelne Szenen. Gilt Helene Fischer als angesagt, dann wird das Drumherum als Musik definiert, es ist jedoch gar nicht auf die Musik als solche bezogen. Jemand, der im Konzertsaal sitzt oder eine Opernaufführung im Fernseher schaut, der wird an manchen Stellen die Augen schließen, um den gegenteiligen Effekt zu erzielen. Das Äußere, die Bilder werden ausgeblendet, um ganz der Musik zu lauschen. In diesem Augenblick ist der Hörer nicht verfügbar, er ist ganz in seiner Welt. Die Gefahr für diktatorische Gesellschaften von Seiten der Kunst, Musik und auch Religion besteht weniger im Inhalt dessen, was dargestellt wird, als vielmehr darin, dass bei einem tiefen Genuss der Rezipient in eine fremde Welt eintaucht, in der andere Gesetze gelten und zu der es nur einen Zugang über dieselbe Erfahrung gibt.

Das große Rauschen

Die übliche Schelte über die Privatsender und die immer abstruseren Formate nimmt nicht in den Blick, dass all diese Sendungen ein großes Rauschen erzeugen. Die Inhalte sind unwichtig, ob zwei Nackte sich begegnen und verlieben sollen oder sich zwei auf dem Standesamt zum ersten Mal begegnen und den Bund fürs Leben schließen, solche Konzepte berühren keine moralischen Vorstellungen, so sehr das konservative wie progressive Kräfte auch vertreten mögen. Machern wie Kritikern ist gemeinsam, dass sie bestimmte Lebensereignisse automatisch mit einer gemachten Erfahrung gleichsetzen. Welche Tonspur bei solchen Formaten mitläuft, das ist unerheblich. Die moralische Tonspur fördert das Sichaufregen und Sichrichtigfühlen, die Tonspur der Macher ist marketinggerecht und an der Einschaltquote interessiert. Das Ganze benebelt wie ein weißes Rauschen das Gemüt und lässt nicht erkennen, was notwendig ist, um eine tatsächliche Erfahrung zu machen.

Der Schlag mit dem Hammer

Wenn die Tonspur in die Bilder einbricht, dann macht der Mensch eine Erfahrung. Wenn jemand vom Blitz getroffen wird, mehrere Tage auf der Intensivstation liegt und überlebt, dann ist er im wahrsten Sinne des Wortes erleuchtet. Es ist wie der Schlag mit dem Hammer. In das Gewohnte, üblich Gedachte bricht etwas herein. Und in einem solchen Augenblick sind die Bilder nicht mehr parallel zur Tonspur. Die Töne sind mit den Bildern verbunden, keine Begleitmusik mehr. Eine gezeigte Landschaft ist „Die Vier Jahreszeiten“. So kann es auch sein, dass die Erfahrung eines anderen Menschen, die er z. B. in seiner Musik ausdrückt, für einen anderen zum „Hammer“ wird. Dies kann mehr oder weniger zufällig geschehen oder dadurch, dass ein Musikstück „nett“ erscheint, man möchte mehr davon hören, versteht nicht, was so anziehend ist, hört es öfter oder andere Stücke des Musikers und wird süchtig, d. h. man sucht eine nicht versiegende Quelle und verliert zumindest für einen Augenblick die Kontrolle über sein Ich. Musik, die entweder zu unterkomplex ist oder für das Ich gleich schon die Rettung anbietet, verhindert Erfahrung. Eine Religion, die einfach strukturiert ist oder sich als Rettung generiert, lässt religiöse Erfahrungen nicht möglich werden.

Am Ende war das Tohuwabohu

In der Bibel wird die eine Version der Schöpfungsgeschichte als Ordnen des Chaos beschrieben. Am Ende ist alles gut. Die Entwicklung des Menschen läuft aber möglicherweise anders. Erst lernt der Mensch, die Dinge zu unterscheiden und zu benennen, dann will er sich ausruhen. Belässt es der Mensch bei dieser wohlverdienten Ruhe, dann verfällt er dem Irrtum, dass die Ordnung des Tohuwabohus das Chaos beendet habe. Lässt der Mensch einen Computer Musik komponieren, dann sind die Noten wohl geordnet, doch es fehlt der Funke, der aus der Ordnung ein wenig Chaos macht, die Tonspur mit der Bildspur vermengt, das Weltbild durcheinander bringt und das Ganze Erfahrung nennen lässt. Musik, Kunst und Religion sind radikal, weil sie Erfahrung als Ende der Ordnung fordern. Wer von einem Musikstück ergriffen ist und die Welt nicht mehr begreift, der ist im Augenblick und will Ewigkeit. Jeder Ordnungsversuch zerstört diese Erfahrung. Auf der anderen Seite kann ein solches Wirrwarr nur erlebt werden, wenn vorher ein Ordnungsgefüge aufgebaut worden war. Musik genussvoll hören zu können, ist abhängig von der Schulung des Hörens und damit ist nicht notwendigerweise gemeint, Noten lesen zu können oder ein Wissen über Harmonielehre u. ä. haben zu müssen. Für religiöse Erfahrungen ist dies ähnlich. Religion muss gelernt werden, um dann religiöse Erfahrungen machen zu können.

Christoph Schulte bin ich für viele Anregungen zum Soundtrack dankbar.

Thomas Holtbernd

Foto: Fotolia

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