(In) Kirchen führen. Ein Plädoyer für Glauben in der Kirchenführung.

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Die Kirchen sind noch heute wesentliche Elemente des Stadtbildes in den meisten Orten Europas. Zwar haben sie ihre Rolle als prägende Gebäude in vielen Orten zugunsten von Bürotürmen verloren, doch ziehen gerade alte Kirchen die Menschen immer noch an, gleich ob es Christen, Muslime oder Atheisten sind.  Besonders große Kirchen leisten es sich daher, das Werbeobjekt Kirche durch Führungspersonal aufschließen zu lassen. Dabei kann der Kirchenführer verschiedene Perspektiven wählen, unter denen er die Kirche betrachtet.

Kunsthistorischer Zugang

Für viele Kirchenführer stellt sich zu Beginn ihres Dienstes die bange Frage, was sie den Besuchern eigentlich erzählen sollen. Die geläufigen Ratgeber, die sie dafür konsultieren können, sind normalerweise von Kunsthistorikern abgefasst worden und beschäftigen sich intensiv mit der Frage, welches Objekt von welchem Künstler wann gefertigt worden ist. Hier präsentiert sich also ein kunsthistorischer Zugang, den die meisten Kirchenführer dann auch wählen.

Historischer Zugang

Ein anderer Zugang ist eher historisch orientiert und erzählt die Geschichte der Menschen, von denen die Kirche gebaut, gestaltet und belebt wurde. Das ist besonders an historisch bedeutsamen Orten wie Köln, Frankfurt etc. eine beliebte Methode, den Menschen das Gebäude nahe zu bringen.

Theologischer Zugang

Es gibt aber auch einen theologischen Zugang, bei dem die Kirche nicht als Bühne für Künstler oder Herrscher begriffen wird, sondern als liturgischer Raum. Gerade mittelalterliche Kirchen sind in ihrer Konzeption als Spiegelbild des Glaubens angelegt und als Räume zwischen Himmel und Erde, als himmlisches Jerusalem, konzipiert worden. Zugleich sind sie auch Räume für eine Liturgie, die den meisten Besuchern in dieser Form unbekannt ist und die bereits lange vor der Liturgiereform in den 70er Jahren manche Wandlungen erlebt hat. So sind in einer gotischen Kirche oftmals mehrere liturgische Räume unter einem Dach vereint, während erst in der Barockzeit eine Konzentration auf den Hauptaltar, wie wir es noch heute kennen, einsetzt.

Religionspädagogischer Zugang

Von allen beschriebenen Ansätzen wird der letztere am ehesten dem Kirchengebäude als Ort gelebten Glaubens gerecht. Doch bleibt es dennoch eine historische Führung. Versuche, moderne Kunst, soweit vorhanden, in die Erzählung zu integrieren, führen nur bedingt weiter, weil sie ebenfalls die Konzentration wieder auf das Kunstwerk legt.

Für die meisten unvertraut und bei einer normalen Führung auch kaum umzusetzen, ist ein religionspädagogischer Ansatz. Hierbei wird die Kirche unmittelbar als Ort gelebten Glaubens, nämlich desjenigen der Geführten, begriffen. Dabei wird keine Information vermittelt, sondern es sollen Stimmungen hervorgerufen werden. Der Mensch soll sich selber als Subjekt im Gebetsraum erfahren, die Kirche zum Meditationsobjekt werden, über das man sich im Anschluss, auf Wunsch, austauschen kann. Ein solcher Ansatz muss dem gewöhnlichen Kirchenführer, der in der Regel keine theologische Ausbildung hat, steil erscheinen und ist auch nur in Gruppen durchführbar, die sich speziell für eine solche Führung angemeldet haben.

Dass der Glaube sichtbar werde

Die verschiedenen Konzepte von Führungen zeigen Kirche in verschiedenen Perspektiven: Als Orte der Kunst, der Geschichte, des vergangenen und des erlebten Glaubens. Indem Kirchenbauten das alles hergeben, sind sie noch heute Zeugnisse für ihre Kirchengemeinschaft, die ebenfalls Orte menschlichen Schaffens, der Geschichte, des früheren und des aktuellen Glaubens sind.

Doch so wie man der Kirchengemeinschaft nicht gerecht wird, betrachtet man sie nur unter einem Aspekt, so kommen auch die Kirchengebäude nicht richtig zum Tragen, wenn man sie als Kunsttempel oder Geschichtsorte begreift. Gerade in unserer Zeit muss der Glaube der Menschen wieder Teil einer Kirchenführung werden, um die Menschen daran zu erinnern und das missionarische Potenzial der Kirchengebäude zu nutzen. Ein rein religionspädagogischer Ansatz ist dabei nicht immer durchführbar und auch nicht wünschenswert. Doch die Erzählung und das Zeugnis des Glaubens, sowohl in der Geschichte wie in der Gegenwart, gehören dazu.

Maximilian Röll

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