Gott kann man nicht haben, sondern nur suchen

Word Jesus written in search barUnd warum das Denken keine Antwort auf die Frage nach dem Bösen findet

Gott ist der, der etwas will. So erleben wir ihn zumindest als Kinder. Er hat etwas verboten, eine höhere Macht steht hinter dem Gebot, das uns meist über die Eltern erreicht. Wenn wir gegen seine Gebote verstoßen, droht uns Strafe. Im Jugendalter befreien wir uns von diesem Gott. Die Schlussfolgerung liegt nahe: Wenn wir unser Leben in die Hand nehmen wollen, dann können wir es nicht mit einer immer größeren Zahl von Geboten einzäunen. Offensichtlich steht unserer freien Entfaltung der Gott der Gebote im Weg. Aber wie erfahren wir Gott, wenn wir seinen unbedingten Willen durch den Spruch der Gebote nicht mehr spüren?

Verantwortung für sich übernehmen

Gott entzieht sich, wenn wir für uns selbst Verantwortung übernehmen. Er lässt mich tatsächlich mein Leben machen. Wenn ich nicht ernsthaft krank werde oder verunglücke, dann kann ich meine Kräfte ausprobieren, mir etwas vornehmen, etwas auf die Beine stellen. Um Erfolg zu haben, stehen mir die technischen Mittel sowie die immer neuen Erkenntnisse der Wissenschaft, sei es der Medizin, der Elektronik, der Marktforschung, zur Verfügung. Wenn ich mich fit und für mein Berufsfeld auf dem Laufenden halte, kann ich systematisch meinen Erfolg aufbauen. Selbst meine psychischen und kommunikativen Fähigkeiten kann ich optimieren. In all dem lässt Gott mich machen, ich muss mich nicht auf Gott beziehen, wenn ich mich an den Computer setze, jogge oder ein Projekt in Angriff nehme. Neue Erkenntnisse der Wissenschaft, verbesserte Gesundheitspraktiken, neue Etnwicklungen des Marktes ermöglichen eine ständige Optimierung.

Nicht nur die physikalische Welt, auch das Marktgeschehen, meine eigene Karriere, meine Gesundheit und praktisch alles andere lässt sich mit den Verfahren der Wissenschaft, der Medizin, den Optimierungstechniken für die eigene Person gestalten. Es braucht keinen zusätzlichen Bezug auf Gott. Die Welt bietet alles, was der Mensch braucht. Und so steht es schon im 1. Kapitel der Bibel. Am 7. Tag der Schöpfungsgeschichte stellt Gott selber fest: Es ist gut, ja sogar sehr gut geworden. Den Menschen hat er beauftragt, für ihn, für Gott der Schöpfung gegenüber zu stehen und sich die Erde untertan zu machen. Für diese Aufgabe sind dem Menschen genügend Ressourcen zur Verfügung gestellt. Wenn er die Gesetzmäßigkeiten, nach denen die Elementarteilchen, die Chemie, die Lebewesen gebaut sind und die psychologischen und soziologischen Gesetzmäßigkeiten beachtet, hat der Mensch alles, was er zum Leben braucht. Der Naturalismus, der sich in der Absehung von Gott ganz auf diese Welt konzentriert, setzt eigentlich nur das um, was die Bibel auf der ersten Seite festhält: Hand anlegen und die Welt gestalten. Offensichtlich hat Gott die Welt auch dem Menschen überlassen, denn sonst würde er sich ja irgendwie zu erkennen geben.

Trotz aller Optimierung bleibt ein Unsicherheitsfaktor

Jedoch bleibt etwas Ungewisses. Wir haben trotz aller technischen Möglichkeiten unser Leben nicht in der Hand. Das Gelingen kann misslingen oder uns von anderen zerstört werden. Deshalb bleibt die Frage, ob ich mit mehr rechnen muss als mir die Wissenschaften an Erkenntnissen zur Verfügung stellen. Deshalb bleibt zwischen Atheisten und Gottgläubigen die Frage offen, ob ich besser Gott einkalkuliere oder mich auf das konzentriere, was die Welt mir bietet:

Muss ich von der Nichtexistenz Gottes ausgehen?

In der Auseinandersetzung zwischen Naturalisten, den heutigen Vertretern des Atheismus, und den Theisten, die die Existenz Gottes behaupten, geht es nicht um die Frage, ob der Mensch die Welt gestalten soll. Ein katholisches Krankenhaus folgt gleichen medizinischen Erkenntnissen und daraus folgenden Therapien wie eines ohne Anbindung an eine Konfession. Es gibt weder christliche Autos noch atheistische Supermärkte. Trotzdem bleiben viele in der Gottesfrage nicht neutral. Es geht um die Existenz bzw. Nicht-Existenz Gottes. Die Atheisten wollen die Gläubigen überzeugen, dass es dem intellektuellen Standard entspricht, nicht von der Existenz eines höchsten Wesens auszugehen. Dazu werden nicht nur Argumente vorgelegt, sondern der Gläubige auch als dumm und nicht auf der Höhe der Zeit dargestellt. Gerade eine solche Herabwürdigung der intellektuellen Fähigkeiten der Gläubigen zeigt, dass man es nicht bei einem normalen Zusammenleben belassen kann, sondern, so wie die Gläubigen den anderen missionieren, auch Atheisten ihr Gegenüber von ihrer Weltsicht überzeugen wollen.

Die intellektuelle Herabwürdigung haben die Gläubigen früher in der Weise praktiziert, indem sie die Atheisten als Narren hingestellt haben. Narren sind im früheren Karneval nicht wie heute diejenigen, die sich als Politiker oder andere öffentlich blamiert haben, sondern der Karnevalsnarr ist derjenige, der Gott nicht aus den Werken seiner Schöpfung erkennt.

Offensichtlich ist Intelligenz im Spiel, wenn um es die Gottesfrage geht. Wenn der andere sich nicht überzeugen lässt, dann wurde ihm einfach das Denkvermögen abgesprochen. Nachdem die Gläubigen, also der engere Kreis der Kirchenmitglieder wie auch die meisten theologischen Lehrer, die intellektuelle Oberhoheit verloren haben, nehmen sie diese Herausforderung inzwischen kaum noch an, vielmehr bleiben sie unter sich. Dabei wäre es dringend an der Zeit, nicht nach innen in den Kirchenraum hineinzusprechen, sondern im Gespräch und auch in der engagiert geführten Auseinandersetzung zu erproben, wie man sich von der Existenz Gottes überzeugen kann. Dann müsste wahrscheinlich über Gott auch innerhalb der Kirche anders gesprochen werden.

Gott ist kein feststellbarer Gegenstand

Den Naturalisten, die sich ganz auf das mit wissenschaftlichen Erkenntnissen Fassbare beschränken, ist nämlich erst einmal recht zu gebe. Wenn der Atheismus in der Gestalt der Wissenschaftsgläubigkeit erklärt, dass die Wissenschaft mit ihrem Erkenntnisinstrumentarium Gott nicht erfassen kann, dann ist das auch nicht anders zu erwarten. Denn alles, was mit naturwissenschaftlichen Methoden erfasst werden kann, ist nicht Gott. Zwar gibt es dann keine wissenschaftliche Erkenntnis Gottes. Auch eine Suche, wie die nach dem Higgs-Teilchen im groß ausgebauten Genfer Forschungszentrum CERN würde Gott nicht erfassen können. Denn würde man am CERN behaupten, einen Hinweis auf Gott gefunden zu haben, wäre es sicher nicht Gott, sondern etwas Überraschendes im Kosmos.

Eine Grenze der wissenschaftlichen Methodik muss aber nicht erst dann konstatiert werden, wenn etwas außerhalb des Kosmos erfasst werden soll, z.B. Engel oder gar Gott. Sie hat bereits ihre Möglichkeiten ausgereizt, wenn es um das menschliche Gewissen oder das Verantwortungsgefühl des einzelnen geht. Ob der Mensch ein Gewissen hat, kann man nicht durch Beobachtung der Hirnströme messen noch die Stärke seines Verantwortungsgefühls. Man wird auch kein „Gottes-Gen“ finden, genauso wenig lässt sich die Seele mit dem Seziermesser herausoperieren. Gott „gibt“ es nicht, wie es einen Berg oder einen Baum gibt, auch wenn Heiligtümer oft auf einem Berg gebaut oder Bäume als heilig verehrt werden. Aber auch den Menschen „gibt“ es nicht wie es ein Haus oder einen Felsen gibt.

Gott kann man keinem Experiment unterwerfen

Das Verhältnis, das die Wissenschaften zu ihrem Gegenstand einnehmen, verstellt sowohl den Zugang zum Selbstbewusstsein des Menschen wie den Zugang zu Gott. Denn als wissenschaftlich gesichert gilt erst, was wiederholbar ist. Gerade die Physik, Modell für den Wissenschaftsgläubigen, verlangt die Wiederholbarkeit des Experiments, der Messung, damit sie als real eingestufte werden kann. Man kann Gott aber keinem Experiment unterwerfen. Das gilt schon für den Menschen. Wer die Geliebte einem Experiment unterwirft, ob sie tatsächlich liebt, zerstört genau durch das Experiment die Liebe. Wie wir also schon vom Menschen anders sprechen müssen als von einem Roboter, so noch mehr von Gott. Wir „haben“ Gott nicht, sondern wir sind Suchende. Erfahrene in der Gott-Suche sagen sogar, dass Gott den Menschen noch viel mehr sucht als der Mensch Gott. Atheisten wie Gläubige stehen weiter vor einem unlösbaren Problem

Die Wissenschaft kann das Böse nicht ausmerzen

Es gibt eine Frage, die nachdenkliche Menschen nicht zur Ruhe kommen lässt: Welchen Sinn macht es, wenn so viele Menschen nicht nur leiden, sondern durch Missgunst, Mobbing, Krieg oder auch nur durch das Zerbrechen menschlicher Beziehungen, leiden müssen. Krankheit und Hunger lässt sich durch Einsatz von Wissenschaft, Technik und geeigneten Organisationsstrukturen minimieren. Neid, Eifersucht, Hass, Ressentiments gegen Minderheiten lassen sich jedoch nicht aus der Welt schaffen. Es ist trotz aller menschlichen Anstrengungen nicht zu erwarten, dass die Menschen sich aus diesen Verstrickungen lösen können. Der Fortschritt von Wissenschaft und Technik erhöhen sogar das Gefahrenpotential. Die Atomtechnik macht die Anreicherung von radioaktivem Uran immer einfacher, so dass jeder Staat in der Lage ist, in Konflikten mit der Atombombe zu drohen und diese auch einzusetzen. Das vielversprechende Internet hat sich als die perfekte Überwachungstechnik herausgestellt, die die Erfolge der traditionellen Geheimdienste weit in den Schatten stellt. Die Biotechnologie kann mit den Erkenntnissen der Genomanalyse und biotechnischen Verfahren den Menschen in seiner biologischen Struktur umbauen. Atombombe, Internet und Gentechnik sind jetzt schon eine Bedrohung, in den Händen von Diktatoren erst recht. Trotz aller Perfektionierung lauert die Gefahr, dass die technischen Möglichkeiten gegen den Menschen gewendet werden. Ob Gläubige oder Atheisten, keiner hat ein sicheres Abwehrmittel.

Gibt es einen Sinn für das Böse?

Die schwierigere Frage ist eigentlich nicht, ob es einen Gott gibt, an den wir uns wenden können, sondern warum Gott, der die Welt als etwas Gutes geschaffen hat, um sie dem Menschen als Lebensraum zu übereignen, neben sich noch das Böse zugelassen hat. Wenn dann noch der Mensch mit der Frage nach dem Sinn ausgestattet ist, dann wird diese Frage noch dringender. Diese Frage beantwortet sich nicht im Sinne vieler Mythen wie auch Sciencefiction Filme, dass das Gute am Ende stärker bleibt als das Böse. Das wollen wir gerne hören, aber aus der Geschichte wissen wird, dass das Böse kaum zurückzudrängen ist. Und eigentlich soll das Böse überhaupt nicht sein. Es beeinträchtigt nicht nur andere, sondern hindert den, der Böses tut, an der eigenen Lebensqualität. Denn in der Evolution, aus der der Mensch am Ende hervorgegangen ist, liegt die Tendenz zur Vervollkommnung. Es ist schon gegen den Menschen gerichtet, nicht das Vollkommenere zu verwirklichen, umso mehr wird der Sinn des Menschen vereitelt, wenn das Gute zerstört wird. Das Böse lässt sich nicht aus dem Zufall erklären, sondern eine Handlung wird erst böse, wenn dahinter eine Absicht steht. Woher kommt diese Absicht und wie gelingt es ihr, den einzelnen in diese Absicht, nämlich zu zerstören, hineinzuziehen?

Deformation, das Drama, der Film

Ohne das Böse gäbe es keine Krimis und den größten Teil der Literatur und des Kinos nicht. Jede Geschichte erzählt, wie das Böse jemanden in seine Fänge bekommen hat. Die meisten Filme entlassen den Zuschauer mit dem Gefühl, dass die Agenten des Guten das Böse dingfest gemacht haben. Nicht wenige Filme greifen auf Mythen der Vorzeit zurück. Es gibt nur wenige Stücke, die den Ausgang offen lassen. Die Bibel findet eine erstaunliche Lösung: Der Held, der Gute, der Messias Gottes wird hingerichtet, jedoch lässt Gott ihn nicht im Tod.
Wenn es also um eine Welt ohne oder mit einer Beziehung zu Gott geht – sie wird sich an der Frage des Bösen entscheiden.

Eckhard Bieger S.J.

Foto: Fotolia

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