Moral, Erlösung – Gott

Foto: dpa / picture-allianceWeiterführung der Frage nach den Postulaten von Kants Religionsphilosophie

„Das Gute tun, heißt sich auf Gott verlassen“ erreichte uns über Facebook die Zuschrift von Prof. Peter Eicher. Da dieser Text nicht so leicht aufzurufen ist, setzen wir die Zuschrift hier noch einmal ein.

„Die Diskussion um Kants Reich-Gottes-Verständnis und um seine Sicht der Beziehung zwischen Ethik und Religionsglaube ist allemal eine Bereicherung und heute dringlicher als eh. Schon Thomas von Aquin hat die Glaubpflichtigkeit gegenüber einem sinnvollerweise postulierten Gott (ScG I,1) von seiner Glaubwürdigkeit unterschieden – er hat es also abgelehnt, den Glauben durch die Vernunft als ein Sollen zu postulieren. Kant hat diese katholische Position verschärft: Ethik gilt auf Grund der selbstursprünglichen Freiheit, ohne welche ein Mensch seine eigene Würde nicht glauben könnte und die Menschheit ihrer Würde nicht gerecht würde. Es sei also nicht unvernünftig Gott als Vollender der Glückseligkeit für ein Leben zu postulieren, das seiner Freiheit in der Erfüllung der moralischen Pflichten gerecht wird. Das heißt aber genau das nicht, was in den beiden hier vorgelegten Beiträgen von Herrn Kollegen Tetens und Sinn ausgeführt wird, dass Moral ohne Gott nicht eine Pflicht sei. „Ohne Gott keine Moral“ wird Herr Tetens zitiert. Ich glaube erstens nicht, dass Herr Tetens dies gesagt hat (es muss ein Missverständnis des referierenden Journalisten sein) und falls er dies so gesagt hätte, wäre es falsch. Für Kant gilt die Moral in vollem Umfange auch dann, wenn jemand oder wenn eine Institution oder wenn die ganze Menschheit nicht an Gott glaubt. Der Aufsatz von Herrn Sinn geht insofern am Kern von Kants Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft vorbei. Empfehlen könnte man sicher das große Werk von Thomas Pröpper, Theologische Anthropologie und ganz besonders auch seinen Artikel „Freiheit“ in dem von mir herausgegebenen Neuen Handbuch theologischer Grundbegriffe. Dietmar Mieht hat darin nb. auch den Artikel „Autonomie“ verfasst, in welchem er zeigt, dass auch für die katholische Ethikbegründung heute diese kantianische Linie selbstverständlich ist. Ethik gilt auch ohne Gott vollständig, für alle und für die ganze Menschheit. Es gibt keine rational schlüssige Glaubpflichtigkeit. Und einen schönen Sonntag wünsche ich in der vollen Freiheit von Glauben und Pflicht und Freude an der Glückseligkeit.“ Ihr Peter Eicher.

– Hier die weiterführenden Überlegungen von Michael Sinn, der den Bericht über die Ausführungen von Prof. Tetens verfasst hatte.

Kant: Moral ohne Gott?

Moralität ist ein Zeugnis der Reife des kultivierten Menschen. Die Freiheit der  Handlungen einer Person finden ihre Grenzen in der Freiheit anderer. Wer das anerkennt sieht auch die Notwendigkeit von individuellen und allgemeinen Regeln ein, die den Freiheitsgebrauch im Umgang miteinander gleichermassen garantieren und begrenzen. Wer das aber nicht anerkennt, wird  sich mit allen Mitteln gegen jegliche Einschränkung seiner Entfaltungsmöglichkeiten wehren. „Sozialdarwinismus“ nennt man eine Haltung, bei der sich aufgrund guter Gene und ererbtem Wohlstand diejenigen Individuen einer Gesellschaft  auf Kosten anderer durchsetzen, welche in diese Hinsicht von Anfang an besser dastehen. Das Recht der Stärkeren, des „Übermenschen“ wird zur Selbstlegitimation von Angehörigen einer Oberschicht, welche sich dieses Recht zusprechen und es notfalls mit Gewalt verteidigen. Ein Unterschied zum Absolutismus besteht lediglich in der Quelle der Legitimation: Für den gleichen Moralbegriff wurde ein Gottesverständnis etabliert, das einer zahlenmässig geringen Adelsklasse ein Paradies auf Erden sichern sollte, wie es sich in den Palastanlagen von Versailles wiederspiegelt. Dies auf Kosten der Bauern, denen oft nicht einmal das Notwendigste zum Leben blieb. Dem Akt der Selbstlegitimation entsprach hier ein Sonnenkönig, der sein Königtum „von Gottes Gnaden“ erhalten zu haben vorgab, wie auch schon andere Herrscher vor ihm. Doch wie sind Moralität und Gott im Verhältnis zueinander zu denken?

Handeln aus Pflicht macht nicht glückselig

Für Immanuel Kant ist Gott nicht massgeblich, wenn es um die Pflicht zu gutem Handeln geht, noch setzt er den Erfolg von solcherlei Handeln voraus. Gut ist bei Kant lediglich ein guter Wille und dieser resultiert aus der Einsicht des Menschen, dass ihm aufgrund seiner Freiheit eine Würde zukomme, die es zu bewahren gilt. Der Würdebegriff findet sich schon bei Platon und kommt im Christentum dem Menschen aufgrund seiner Geschöpflichkeit und seiner Stellung im Kosmos zu, wird ihm also nicht vom Menschen sondern von Gott zugesprochen. Anders bei Kant, deshalb ist seine seine Argumentation zirkulär, weil bei ihm nur derjenige Mensch guten Willens sein kann, der dem Menschen an sich eine Würde zuerkennt. Wenn jemand diese Voraussetzung nicht erfüllt, wird er sich der von Kant formulierten Verpflichtung nicht unterwerfen. Somit hängt die Moral bei ihm an einer Selbstgesetzlichkeit des Menschen. Sie ist eine Pflicht, die zu befolgen ist, um Würde zu erweisen. Aber Würde wozu? Kant sieht die Glückseligkeit des Menschen als ein Ziel an, welches in diesem Leben durch Tun des Guten anzustreben aber nicht zu erreichen ist. Damit der Glückswürdige auch glückselig ist, bedarf es einer entsprechenden Fügung des Geschicks. Die von Kant anzustrebende Heiligkeit aufgrund vollkommener Sittlichkeit entspricht also einer Einsicht zu pflichtgemässem Handeln, die vom Glück des Menschen in seinem Menschsein Erfüllung zu finden unabhängig ist. Weil Glückseligkeit im Diesseits nicht zu erreichen ist, kann nur ein jenseitiger Gott dafür sorgen, dass Glück und Moral zusammenkommen. Deshalb ist es für Kant auch nicht unvernünftig, an einen solchen zu glauben. Kant braucht also für die Legitimation moralischen Handelns keinen Gott.

Der Mensch kann sich selbst keine Würde zusprechen

Ein berechtigter Einwand ist es zu fragen, weshalb dem Menschen Würde zuzurechnen sei, wenn er seine Erfüllung nur im Tun der Pflicht um des Gesetzes willen finden soll. Der Mensch setzt sich bei Kant selbst zum Ziel, das es zu erreichen gilt. Der Lohn sittlicher Rechtschaffenheit ergibt sich dabei aus einem günstigen Geschick. Anders wäre es bei Kant, wenn der Mensch an einen Gott glaubt, dessen Gebote er befolgt, der die Erfüllung seines Menschseins garantiert und ihm diese aus Gnade und Liebe zukommen lässt. Die Pflicht zu moralischem Handeln bleibt zwar die gleiche, aber der Mensch verwirklicht die Annäherung an eine Welt ohne Übel nicht um seiner selbst willen sondern um des gerechten Gottes willen, der ihm nicht nur Würde zuspricht sondern als einziger dafür sorgen kann, dass er glückselig wird, während der Nicht-Gläubige hier auf den Zufall verwiesen bleibt. Zufall deshalb, weil die Natur dem Glückswürdigen nicht die Erfüllung seines Glücksverlangens garantieren kann. Bei Holm Tetens setzt allein der Glaube an eine Welt ohne Übel die Möglichkeit einer Erlösung voraus. Denn zu oft findet der Glückswürdige ins einem begrenzten Leben das Glück nicht, allein schon deshalb, weil er zu früh stirbt. Damit das ersehnte und durch moralisches Handeln auch verdiente Glück  aber nicht nur zufällig zustande kommt, sondern gnadenhaft gewährt werden kann, ist moralisches Handeln bei Kant ohne Gottesbegriff nicht sinnvoll. Somit ist aus dieser Perspektive eine Moral ohne Gott zwar denkbar, aber sie garantiert nicht, dass dem Glückswürdigen auch das Glück zu Teil wird. Die Selbstlegitimation des Menschen kann  durch den Würdebegriff also nicht ausreichend begründet werden, wenn der Mensch glücklich sein will. Man könnte sagen: Der kantianische Mensch steht seinem Glück dort im Wege, wo er selbst für seine Würde garantieren muss.

Ohne Gott gibt es keine verwirklichte Moral

Ein Mensch, der sein Glück in der Erfüllung von Pflichten finden soll, benötigt ein höheres Ziel, dass ausserhalb seiner selbst liegen muss. Dieses Ziel muss ihm Hoffnung versprechen, es muss sich als würdig erweisen und im Rahmen seiner Möglichkeiten liegen. Dieses Ziel kann der Mensch für einen Menschen niemals sein, ganz gleich wie perfekt dieser auch sein mag.  Denn zumindest ist seine Anwesenheit und damit die Möglichkeit, dem anderen Glück zu gewähren, durch den eigenen Tod begrenzt. Erst ein persönlicher Gott,  der auf Augenhöhe zu seinen Geschöpfen herabgekommen ist, um mit ihnen in den Dialog zu einzutreten, kann Ziel einer endgültigen Zukunft des Menschen sein. Ohne einen solchen Gott bleibt der Mensch bei sich, er kreist um sich selbst und jedes Sprechen von Moral dient der Selbstvergewisserung  und führt zu einer fehlgeleiteten Anthropologie, bei der der Mensch sein Paradies innerhalb einer endlichen Welt selbst zu realisieren versucht. Auch wenn der Mensch bei Kant Zweck an sich selbst ist, so bedroht dieser Zweck noch  die Mittel, mit denen ich zum anderen komme: Das Tun des Guten um des Gesetzes willen kann immer in Selbstrechtfertigung umschlagen. Es unterscheidet sich dann grundlegend von einem Tun des Guten um der Liebe willen, die der Mensch von einem solchen Gott empfängt und selbstlos weitergibt um des Reiches Gottes willen. Der Glaube bleibt bei Kant zwar Gegenstand freier Entscheidung, aber er wird dann notwendig, wenn es um den Lohn sittlicher Vollkommenheit geht, weil es unvernünftig wäre, wenn der Mensch die Qualität seiner Existenz der Logik von Ereignissen überliesse, die er nicht überschauen kann. Auch der Gott der Christen lässt dem Menschen die Freiheit der Entscheidung, hat ihn aber in weiser Voraussicht auf sich hin geschaffen, damit sein Handeln auf eine vollkommenere Existenz ausgerichtet ist. Auch wenn Kant das so nicht sagen würde ist der Glaube in dieser Hinsicht nicht nur eine Möglichkeit und schon gar keine Pflicht sondern etwas Gesolltes, weil er eine Einladung Gottes ist und so zugleich  der Vernunft und der Freiheit des Menschen entspricht.

Fazit

Es ist also auf der einen Seite Peter Eicher Recht zu geben, dass die sittlichen Forderungen sich aus der Würde des Menschen ableiten lassen.  Aber es geht nicht nur um die Begründung von Moral, sondern auch um Moralität, die praktische Umsetzung der Moral. Bereits Kant kommt zu der Frage, wie die dem Menschen angemessene Vollkommenheit ihr Ziel findet. Dieses besteht nicht nur in der Rechtschaffenheit des einzelnen, sondern führt zu Verhältnissen, die die Würde jedes einzelnen Menschen einschliesst. Ohne Moral kein Leben in Würde – gerade mit Blick auf den  anderen.  Voraussetzung eines geglückten Lebens ist also das moralische Handeln aufgrund einer Würde, die dem Menschen nicht wegen seiner Freiheit erst nachträglich  zuerkannt sondern ihm aufgrund seiner Geschöpflichkeit  als Freiheitswesen a priori anerkannt wird. Eine solche Würde ermöglicht ihm erst, sich sowohl seinem Schöpfer als auch dem anderen in Respekt und Vertrauen, ja in Liebe zuzuwenden, weil der gerechte Gott jedem die gleiche Würde gegeben hat. Denn ebenso wie Menschenwürde nicht graduierbar ist, kann pflichtgemässes Handeln nie allein aus Liebe geschehen, egal wie umfassend die dahinter stehende Einsicht ist.

Michael Sinn

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