Selbstbestimmtes Sterben oder unwertes Leben? Ein Beitrag zur Debatte über aktive Sterbehilfe

Das Interesse an der Frage nach aktiver Sterbehilfe bei schwerer Krankheit steigt – drastischer ausgerückt: Darf ich mich umbringen lassen, wenn mir mein Leben sinnlos und unerträglich erscheint? In den Medien wird dieses Thema oft anhand von dramatischen Schicksalen behandelt: Eine Frau, über 90 Jahre alt, die ohne aktive Sterbehilfe angeblich dazu verdammt sei ein jahrelanges Leiden zu ertragen oder ein altes Ehepaar, das seit über 50 Jahren verheiratet ist, und bei dem keiner vor dem anderen sterben will. Wäre es also ein Akt der Menschlichkeit, wenn sie, beide alt und krank, gemeinsam sterben dürften?

© ursule - Fotolia.com

Bild: ursule / Fotolia.com

Mein Leben gehört mir?

Ein Aspekt wird leicht übersehen: Bei Fragen des Lebens und Sterbens geht es nicht bloß um die eigene Befindlichkeit, sondern um existenzielle, unwiderrufliche Taten. Bei der Debatte um aktive Sterbehilfe geht es auch um die Frage, wie ich zum Leben stehe. Die Haltung des Menschen offenbart gleichzeitig seine Philosophie dem Leben und Tod gegenüber. Das Argument für den assistierten Suizid oder auch die Tötung auf Verlangen ist meist „Selbstbestimmung“. Das passt perfekt in die Moderne, in der der Mensch mit Freiheits- und Grundrechten in vielen Dingen selbstbestimmt sein darf. Dies ist auch nichts Schlechtes. Gottlob ist der moderne Mensch nicht mehr Vasall oder Höriger einiger weniger, sondern zur Mündigkeit und Freiheit berufen. Doch sollte man aufhorchen, wenn diese Freiheit beansprucht, über den Tod zu entscheiden.

Selbstbestimmung als Glaubensbekenntnis

Was genau ist mit „Selbstbestimmung“ gemeint? Die Fähigkeit das Leben frei führen zu können? Die Fähigkeit seine Überzeugungen und Meinungen frei zu äußern? Die Freiheit der Religionswahl? Sein Leben ohne äußere Zwänge zu leben? Selbstbewusstsein? Das Wort Selbstbestimmung ist schwammig und eine sehr individuelle Angelegenheit. Gerade in Bezug auf Sterbehilfe ist es vor allem ein Protestbegriff, ein Kampfausdruck, der zeigen will: Gegen die Bevormundung entscheide ich selbst darüber, wie ich mein Leben lebe und wann ich es beenden lasse. Der Satz ist nicht so harmlos und unschuldig wie er klingt. Manche mögen hier ein selbstverständliches Recht sehen, doch dieser Wunsch beinhaltet viel mehr. Leben und Tod werden dadurch radikal umgedeutet. Verlangt wird ein Recht auf unterstützten Suizid oder die Tötung auf Verlangen. Der Arzt, der Archetyp des Heilers, soll den Patienten töten dürfen bzw. das Recht haben, dem Patienten suizidale Mittel zukommen zu lassen. Wenn der Patient diese aber nicht mehr selbst nehmen kann, so fordern viele das Recht, dann getötet werden zu dürfen. Ob der Patient nun durch ärztliche erhaltene Mittel sich selbst tötet, oder aber den Arzt diese Tat tun lässt, ist vom Prinzip dasselbe: Die Intention ist der Tod, der durch aktive Unterstützung anderer erreicht werden soll. Der gewünschte Freitod wird als ein Akt der Nächstenliebe verstanden, ebenso die verlangte Tötung. Dem Leben wird außerhalb der postulierten Selbstbestimmung kein Sinn mehr zugesprochen. Damit wird aber ein schweigendes Bekenntnis abgelegt: Das Leben sowie Leid und Tod seien außerhalb der Selbstbestimmung nur zwangsläufige lebensunwerte Übel. Aktive Sterbehilfe macht so den Atheismus zum Gesetz, der Arzt würde die nihilistische Lebenssicht mit jeder Tötungstat bestätigen. Der Beruf des Arztes wird damit radikal umgedeutet. Assistierter Suizid oder gewollte Tötung werden zum Glaubensbekenntnis, Selbstbestimmung zum Märtyrertod ohne Seelenheil. Genau hier wird aber eine Grenze überschritten. Der säkulare Staat sollte die Bedeutung des Lebens und Sterbens offen lassen. Dies ist nicht mehr gegeben, wenn Suizid oder Tötung auf Verlangen in Notsituationen unter ärztlicher Aufsicht erlaubt wird.

Man mag hier eine Schwarzmalerei sehen, die das Leid des Einzelnen aus dem Blick nimmt. Schaut man auf die Argumente der Befürworter von aktiver Sterbehilfe, dann erkennt man jedoch den Bekenntnischarakter dieser Forderung. So wie die Kirchen daher gegen aktive Sterbehilfe eintreten müssen, so proklamieren bekennend atheistische Verbände wie die Giordano Bruno Stiftung ein Recht darauf. Richard Dawkins hat einmal in dem Buch „River out of Eden“  ein Bekenntnis abgelegt, das verdeutlicht, worum es geht, um einen Ausdruck der innerweltlichen Beschränkung, der Hoffnungslosigkeit:

“In a universe of blind physical forces and genetic replication, some people are going to get hurt, other people are going to get lucky, and you won’t find any rhyme or reason in it, nor any justice.” – Dawkins, Richard, River out of Eden. A Darwinian View of Life, London 1996, S. 155.

Die Begründung der Kirche:

Für die katholische Kirche ist Freitod wie Euthanasie  gegen die Gabe des Lebens gerichtet, wenngleich sie der psychischen Verfassung des Einzelnen Rechnung trägt:

„Der Freitod oder Selbstmord ist daher ebenso wie der Mord nicht zu rechtfertigen; denn ein solches Tun des Menschen bedeutet die Zurückweisung der Oberherrschaft Gottes und seiner liebenden Vorsehung. Selbstmord ist ferner oft die Verweigerung der Selbstliebe, die Verleugnung des Naturinstinktes zum Leben, eine Flucht vor den Pflichten der Gerechtigkeit und der Liebe, die den Nächsten, den verschiedenen Gemeinschaften oder auch der ganzen menschlichen Gesellschaft geschuldet werden – wenn auch zuweilen, wie alle wissen, seelische Verfassungen zugrunde liegen, welche die Schuldhaftigkeit mindern oder auch ganz aufheben können.“ – Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung zur Euthanasie, 5. Mai 1980

Selbst in der nach Kant entwickelten autonomen Moral wäre aktive Sterbehilfe verwerflich, da sie nur eine psychologische, aber nie eine vernünftige Tat sein kann. Kant unterscheidet vor allem zwei Motive: Ein enttäuschter Lebenswunsch, der das momentane Leben aus angeblicher Lebensliebe nicht erträgt und Angst. Nach Kant ist es ein Widerspruch in sich, wenn man aus Lebensliebe eben dieses beendet. Angst kann nach Kant kein Handlungsmotiv eines autonomen, d.h. vernünftigen Wesens sein, da sich nicht der Mensch als Handlungssubjekt in ihr offenbart, sondern Fremdbestimmung (Heteronomie) durch ein Empfinden (Angst). Vernünftig kann ein Leben nach Kant nur dann sein, wenn man das Leben versteht, als etwas, das man sich nicht selbst gegeben hat. Folglich darf man es sich auch nicht selbst nehmen. Man lebt also dem Wesen des Lebens entsprechend und ist in ihm wirklich selbstbestimmt, wenn man nach den Gesetzen der Vernunft handelt.

Totale Selbstbestimmung ist eine Illusion

Eine Selbstbestimmung, wie sie die Befürworter der aktiven Sterbehilfe vertreten, exisitiert nicht. Weder die Geburt noch die ersten Lebensjahre, Begabungen, das Aussehen, die sexuelle Orientierung usw. sind selbstbestimmt. Selbstbestimmung gehört nicht in den Bereich des Lebensgutes, nicht in den Bereich des Gegebenen, sondern in den Bereich der freien Entscheidungen. Kann man selbst darüber entscheiden, ob man geboren werden will? Kann man selbst entscheiden, ob Ebola eine tödliche Krankheit ist? Kann man selbst entscheiden, was das Leben für einen bereithält?

Die Verantwortung der Bekenner

Es ist freien Menschen selbst überlassen, wie sie ihr Leben leben und wie sie sterben wollen. Allerdings ergibt sich daraus kein Recht, getötet zu werden oder Tötung vom Arzt einzufordern. Dadurch werden Wert und Würde des Lebens gesellschaftlich radikal uminterpretiert. Eine solche Interpretation wird nicht folgenlos bleiben im Umgang mit Geburt, Sterbenden und Kranken.

Josef Jung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s