Wie ein Segler seinen Vater als Kriegsverbrecher überführte

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Von der Olympiamedaille zum Kriegsverbrecher

Der 9. November ist auch der Tag der Reichprogrammnacht. Die Verführbarkeit der Ideologie sind viele erlegen. In der Aufarbeitung des Nationalsozialismus führte der Sohn auf die Spur zum Vater.

 

Zufälle prägen unser Leben, manche davon sind schier unglaublich. 1960 überflog der Frankfurter Staatsanwalt Joachim Kügler die Sportberichte von den Olympischen Spielen in Rom. Im Flying Dutchman, las er, hatte der Hamburger Rolf Mulka, zusammen mit Ingo von Bredow, die Bronzemedaille gewonnen. Eine Medaille, die Erfolg und Enttäuschung zugleich war, denn 1956 und 57 war Mulka Weltmeister geworden und galt als Favorit auf die Goldmedaille. Kügler stutzte. Mulka, ein seltener Name, der ihm aber etwas sagte. Ob der Segler etwas mit jenem Robert Mulka zu tun hatte, den er suchte? Kügler recherchierte nach, und tatsächlich, sein Verdacht bestätigte sich. Der Medaillengewinner bei Olympia war der Sohn des Adjudanten von Rudolf Höß, der Lagerkommandant des größten Vernichtungslagers der Nazis war, von Auschwitz nämlich.

Kurz nach dem Krieg war Robert Mulka in Hamburg verhaftet worden, nach gut einem Jahr aber als „entlastet“ wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Danach hatte er seine alte Tätigkeit als Exportkaufmann wieder aufgenommen. Erst als Ende der fünfziger Jahre nach den Ausschwitz-Verbrechern gesucht wurde, geriet auch Robert Mulka wieder ins Fadenkreuz der Staatsanwaltschaft, es war aber nicht bekannt, wo er sich aufhielt. Der Medaillengewinn seines Sohnes brachte die Staatsanwalt Kügler auf die Spur. Wenige Monate nach Olympia wurde Robert Mulka verhaftet und saß im 1. großen Auschwitz-Prozess 1963 auf der Anklagebank. Der Schriftsteller Peter Weiß hat aus den Aussagen der Angeklagten und Zeugen das bedrückende Theaterstück „Die Ermittlung“ verfasst. Hier kann man nachlesen, wie Robert Mulka, der für die Beschaffung des Giftes Zyklon B und für den Transport der Gefangenen in die Gaskammern verantwortlich war, versucht hat, sich rauszureden und immer neue Ausreden erfand. Obwohl er im Apparat ganz oben stand, will er von der Massenvernichtung der Menschen nichts mitbekommen haben, wie übrigens all die anderen Angeklagten auch nicht.

Zu 14 Jahren Zuchthaus wurde er verurteilt, überlebte einen Suizidversuch und wurde schon 1968 schwerkrank entlassen. Im Jahr darauf starb er.

Rolf Mulka blieb Segler. Als zu einem großen Empfang der Stadt Hamburg auch die prominenten Sportler eingeladen wurden, fehlte sein Name auf der Einladungsliste. So was nennt man wohl Sippenhaft.

Seine Enkeltochter, die Urenkellin des KZ-Adjudanten also, ist auch Seglerin geworden und bei der Olympiade 2012 in London gestartet, allerdings ohne eine Medaille zu gewinnen. Und weil es sicher schwer ist, im Schatten eines solchen Urgroßvaters zu leben, soll ihr Name hier verschwiegen werden. Die Mulkas setzten also die Segeltradition fort, nicht jene des unseligen Ahnen Robert.

 

Heinrich Peuckmann

 

 

 

 

 

 

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