In der Gottesschleife: Von religiöser Sehnsucht in der Moderne. Eckhard Bieger SJ über das neue Buch von Magnus Striet

Dieses Buch ist erstaunlich. Man kann in der katholischen Kirche Deutschlands tatsächlich über etwas anderes reden als über die Zusammenlegung von Pfarreien, den kirchlichen Segen für eine neue Heirat oder die Abschaffung des Zölibats. Und das in einer engagierten Sprache – im Gespräch mit den Denkern, die das Christentum vor die eigentliche Frage, die Gottesfrage, stellen. Es geht nicht nur um Friedrich Nietzsche, sondern auch um Heinrich Heine, Georg Büchner, Carl Amery, und den amerikanischen Romancier Philip Roth. Vor allem mit Albert Camus geht der Autor der Frage nach, wie Gott angesichts des Leids überhaupt gedacht werden kann.

Zuerst Gott: Magnus Striet über die Vorstellung von Gott, die die Moderne ablehnt

Striet zieht eine Linie von Augustinus bis in die Gegenwart. Mit seiner Erbsündenlehre habe er Gott aus der Schuldverstrickung des Menschen herausgehalten, so dass alles, nicht nur die Vergehen, sondern das ganze Leid auf dem Menschen lastet und Gott moralisch nicht angreifbar ist. Ganz im Sinne einer Ursünde sieht Striet im Einfluss dieses Kirchenlehrers die Abkehr so vieler Menschen vom Gottesglauben begründet.

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Augustinus hat die abendländische Theologie zum Scheitern in der Neuzeit geführt

„Augustinus, der die westliche Kultur mit seinem verquasten, menschdenunziatorischen und erdverratenen Pessimismus tief infiziert hat, weil er, um ja nicht Gott mit den Widrigkeiten der Welt belasten zu müssen, mit seinem Konstrukt einer Schuld aller in der einen Tat Adams die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen auf die Sünde reduziert hat, so dass man fortan in allen Regungen des Menschlichen immer nur noch Sünde sah […]“

Dieses Verdikt relativiert der Autor in der Fortführung des Satzes:

„[Augustinus] hat ein großartiges Wort geprägt: ‚Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.‘“

 

Damit sind die Pole des Buches bezeichnet. Der erste sei kurz wiedergegeben: In der Auseinandersetzung mit diesem theologischen Übervater, so könnte man psychologisch interpretieren, verfällt der Autor dem Denkmuster, alles Übel auf eine Wurzel zurückzuführen. Augustinus sozusagen als die Erbsünde der westlichen Theologie – kann das stimmen? Doch für den Katholizismus sehr viel weniger als für den Protestantismus. Diesen spart Striet ausdrücklich aus, weil er sich kein Urteil erlauben will. Historisch ist auch anzumerken, dass der Jansenismus, eine besonders einseitige Ausprägung des Augustinismus, der einen Heilsdeterminismus lehrte, verbunden mit einem tiefen Pessimismus, was die Rettung des Menschen betrifft, von der katholischen Kirche in seinen Auswüchsen ausdrücklich verurteil wurde.

Inhaltlich sei noch anzumerken: Der Tod Unschuldiger, den Camus in „Die Pest“ an einem unschuldigen Mädchen als Herausforderung an einen barmherzigen Gott exemplifiziert, setzt ja voraus, dass es dieses Mitgefühl gibt, welches ein rettendes Eingreifen Gottes verlangen kann. Setzt aber nicht gerade die Theodizee, die Rechtfertigung Gottes angesichts des Leids der Menschen, dieses Leidempfinden voraus? Wo es das nicht gibt, verfängt der Vorwurf nicht: Warum handelt Gott nicht, obwohl er doch können und sogar müsste? Man lese Berichte von Missionaren aus dem Südsudan, die zeigen, dass z.B. zwischen den Dinkas und den Nuer nur das Gesetz des eigenen Stammes gilt, ohne jedes Mitgefühl. Man muss gar nicht auf den Holocaust zurückgreifen oder in den Nahen Osten blicken, um zu fragen, warum Gott dieser ausufernden Gewalt keinen Einhalt gebietet – in einem vom Christentum missionierten Land.

Ein Weiteres: Nationalsozialismus wie Stalinismus mit ihren Schauprozessen, den Konzentrations- und Straflagern, wurden im katholischen Empfinden nach dem Krieg nicht als Anfrage an Gott verstanden, sondern als Folge des Abfalls von Gott. Gibt es nicht einen ähnlichen Impuls in der Ökologiebewegung oder im Aufbäumen gegen den neoliberalen Kapitalismus. [Siehe: https://explizitnet.wordpress.com/2014/08/09/gott-oder-mammon/]. Diese Einwände sprechen nicht gegen eine Lektüre des Buches, sondern für eine Fortführung der Gottesfrage. Die geht der Autor im letzten Abschnitt an, indem er Attribute Gottes auf den Prüfstand hebt, die aus der griechischen Philosophie in die christliche Gottesvorstellung eingeflossen sind.

 

Anfragen an den Einfluss der griechischen Philosophie auf das Gottesbild

Die Aussage von der Allwissenheit Gottes kann nicht einfach mit der menschlichen Freiheit in Einklang gebracht werden. Denn wenn Gott allwissend ist, weiß er von der Entscheidung des Menschen. Indem er diese voraussieht, muss der Mensch sich so, und damit nicht frei entscheiden, wie Gott es voraussieht. Es gibt also einen Widerspruch, der mit dem Ende Mittelalters virulent wurde und die Reformation maßgeblich beeinflusst hat. An der Frage ist schon Johannes Calvin gescheitert.

Die Vorstellung von der Allmacht Gottes kollidiert mit dem Nicht-Eingreifen Gottes, wenn die Würde und überhaupt das Lebensrecht eines Menschen infrage stehen. Striet sieht hier einen berechtigten Einwand der Moderne, den er einen moralischen nennt. Wenn Gott allmächtig ist, also gegen die Gewalt und auch das unschuldige Sterben eines Kindes einschreiten könnte, es aber nicht tut, dann wäre das unter Menschen „unterlassene Hilfeleistung“. Diese Aporie lässt der Autor stehen und fordert die Theologie auf, diese Realität nicht zu übergehen.

Eine spirituelle Praxis, eine Wohlfühl-Frömmigkeit, die sich aus den Antinomien der Wirklichkeit zurückzieht, karikiert er an mehreren Stellen als bloße Pflege der eigenen Seele, die durch die beiden Testamente der Bibel nicht gerechtfertigt ist.

Bis hier haben diejenigen das Wort, die die christliche Gottesvorstellung infrage stellen und sich vom Glauben verabschiedet haben. Ihre Argumentationsmuster werden dargestellt. Eine Infragestellung der Moderne, die ja seit der Französischen Revolution und mit dem Leninismus einen Gegenentwurf nicht nur formuliert, sondern auch umgesetzt hat, findet sich nicht. Jedoch wechselt der Autor mit dem Kapitel: „Erinnerung an den Gott Jesu. Ein krisenanfälliger Gott“. Das Sprachspiel hin zu einem Bekenntnis, dass nicht mehr beansprucht, die Antinomien philosophisch aufzulösen, sondern in der Person Jesu mit den Antinomien zu leben, ohne sich aus der Wirklichkeit davonzustehlen.

Hier wünscht sich der Leser eine Reflexion. Denn wenn mit dem eigenen Denken die Welt in zentralen Fragen des Menschseins so fragil bleibt und der Mensch mit der Auflösung seiner Existenz ins Nichts rechnen muss, dann ist doch gerade hier der Platz der Religion. Sonst würde ja die Philosophie zur Bewältigung des Lebens und seiner Ängste ausreichen. Stattdessen setzt sich der Autor am Ende in einem Exkurs mit Kritikern an seiner Erlösungslehre auseinander. Um die Seiten zu rezipieren, müsste man die Veröffentlichungen kennen, auf die sich der Autor bezieht.

Mit dem Buch hat der Verlag ein breites Feld eröffnet. Ihm ist zu wünschen, dass sich weitere Autoren an den Computer setzen. Der deutschen Kirche ist zu wünschen, dass die Frage „ankommt“. Den Lesern kann eine lebendige Lektüre versprochen werden.

Eckhard Bieger S.J.

Zum Buch: Magnus Striet, In der Gottesschleife. Von religiöser Sehnsucht in der Moderne,“ 174 Seiten, Herder, Freiburg i.B. ²2015

Zur Theodizee-Frage s.a. den Beitrag von Thomas Holtbernd: https://explizitnet.wordpress.com/2014/11/08/der-krieg-ist-vorbei-und-die-religion-wurde-zur-illusion-uber-das-auslaufen-der-theodizeefrage/

 

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