Die Mauer war die DDR

mauer

Als vor 25 Jahren die Mauer in Berlin fiel, war das der emotionalste Moment der Wiedervereinigung in Ost und West. Während die Abwicklung der DDR und die Wiedervereinigung den Prozess beendeten, ist doch kein Ereignis so sehr im Gedächtnis der Deutschen geblieben. Denn mit der Mauer war mehr gefallen als nur eine Betonwand. Mit ihr wurde gleichsam die alte DDR von der eigenen Bevölkerung eingerissen.

Der antifaschistische Schutzwall: Identifikationsobjekt der DDR-Elite

Die Mauer war das aufschlussreichste Objekt der DDR-Elite und ihre eigentlichste Schöpfung. Niemals zuvor und niemals danach hat sich ein Regime so sehr an eine bestimmte Grenze gebunden, abgesehen vielleicht von der großen chinesischen Mauer. Erich Honecker, der damals noch die DDR in seinen greisen Händen hielt, hatte einst, als er noch jünger und auf dem Weg zur Macht war, die Mauer als sein ‚Gesellenstück‘ errichtet. Und sie verkörperte alles, was Honecker und mit ihm die vergreisende Elite dachte: Die eigene Bevölkerung wegzusperren, zu kontrollieren, mit technischer, nüchtern-preussischer Effizienz und in der Einstellung, hier kein Unrecht zu tun, sondern sich gegen ein faschistisch-kapitalistisches Regime im Westen zu verteidigen. Denn die meisten Politbüromitglieder, wie Honecker und Mielke, waren bereits im Dritten Reich gegen den Nationalsozialismus aktiv gewesen und setzten diesen Kampf, so ihre Meinung, mit der Mauer fort. Die Mauer war gleichsam das kommunistisch-religiöse Wahrzeichen der Deutschen Demokratischen Republik. Sie trennte in den Köpfen der DDR-Führung den sakralen Kommunismus vor dem dämonischen Westen, sie beschützte die Arbeiter und Bauern davor, in die Fänge der unheiligen Kapitalisten zu geraten. Wie in allen totalitären Auffassungen, so war auch den DDR Chefideologen klar, dass der Irrtum, also eine abweichende Position, keine Rechte hat. Notfalls gilt es, die eigene Wahrheit in Beton zu gießen.

Die Gefängnismauer: Das Hassobjekt der Bevölkerung

Doch außerhalb der Partei- und Stasikader gab es keine Sympathie für die Mauer. Die Bevölkerung der DDR sah in ihr nichts als eine Gefängnismauer, mit der sie in einer großen, immer mehr abgewirtschafteten Besserungsanstalt festgehalten wurden. Diesen neuen, sozialistischen Menschen wollte das Regime mit Indoktrination und Gewalt erzwingen. Je länger die DDR währte, umso mehr legte sich dieser Filz der Kontrollwut und des Spitzelsystems über die Bevölkerung. Kein sozialistisches Land hatte jemals eine so hohe Dichte an Sicherheitspersonal wie die DDR, für keine war das Gefühl, der Stasi ausgeliefert und systematisch eingesperrt zu sein, so prägend.

Die Grenze: Das Symbol der Teilung

Neben dem Blick des Ostens gab es indes noch den Blick des Westens. Für diesen war die Mauer vor allem eine Grenze. Und zwar eine massive Grenze, die mitten durch eine Stadt lief. Das machte sie präsenter, symbolisch aufgeladener als die anderen Grenzen der DDR, die gleichsam gut gesichert und mit Selbstschussanlagen ausgerüstet, den Westdeutschen jedoch zumeist nur von Klassenausflügen in den Osten bewusst waren. ‚Die Grenze‘, das war ‚die Mauer‘. Zugleich zeigte gerade die Mauer, welche Operettenhaftigkeit die DDR an ihrem Ende für die Westbevölkerung hatte. Denn während sie für die Menschen im Osten ein unüberwindlicher Todesstreifen war, bedeutete die Mauer für die Westberliner ein eher harmloses Objekt ihres Alltags und für Jugendliche eine beliebte Sprayfläche. Der Sozialismus, verkörpert durch die DDR, war Teil der westlichen Lebenswirklichkeit geworden. Jenseits der Mauer konnte die DDR  jedoch westwärts keine Furcht mehr auslösten.

Die Mauer muss weg

So weinte man in Ost und West, als das Volk der DDR sich der Mauer und damit ihres Staates bemächtigte. Die Mauer wurde gegen die Menschen in Ost und West hochgezogen, hatte sie getrennt, eingeschlossen und war zum Fetisch des Regimes geworden, dass so viel Material in ihr verbaute, dass man damit zehntausende Wohnungen hätten bauen können. So fiel mit ihrer Mauer die alte Elite, vielen die Ängste und brachen die Hoffnungen und Träume eines ganzen Volkes wieder aus. Denn wenn die Mauer fallen konnte, dann war nichts unmöglich. Auch nicht die Einheit. Die ein Jahr später neben den Resten der Mauer gefeiert wurde.

Maximilian Röll

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