Rufer in der Wüste

Es gibt in diesem Land noch Ereignisse, die hielt man schon nicht mehr für möglich. Bazon (griech. Schwätzer) Brock, der Vielredner vor dem Herrn, darf in Saarbrücken als Honorarprofessor Prophetie lehren. In einer Welt, wo Statistiken zählen, irgendwelche Auswertungen gemacht werden, wo randomisiert und durchgezählt wird, da erlaubt es sich eine Hochschule, einen ergrauten und bereits emeritierten Professor den Studenten Prophetie beizubringen. Das ist keine harte Wissenschaft, doch wer genauer nachprüft, was die „richtigen“ Wissenschaftler auf Grund ihrer Daten und Fakten vorausgesagt haben, der muss feststellen, dass eine Wahrsagerin ein ähnliches Ergebnis erzielt hätte.

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Wie viele Künstler so ist auch Bazon Brock von einem gewissen Narzissmus geprägt. Er behält das letzte Wort und was er sagt, das stimmt. Die anderen sind blöd und haben es noch nicht verstanden. Das Problem mit selbstverliebten Künstlern wie Bazon Brock ist allerdings, dass er meist mehr weiß als seine Gegner und Kritiker. Er kennt sich aus und könnte als einer der wenigen Universalgelehrten gelten. Und möglicherweise gibt ihm dieses Wissen auch die Gewissheit, dass er nüchternen Wissenschaftlern weit voraus ist und seine Zukunftsahnungen sicherer treffen als die Ergebnisse zahlreicher Rechnungen aus den aufgehäuften Datenbergen.

Die Wirklichkeit ist ein zuverlässiges Orakel

Der Denker im Dienst und Künstler ohne Werk Bazon Brock orientiert sich an dem, was die Menschen nicht beeinflussen können. Dagegen ist das mehr oder weniger latente Programm der modernen Wissenschaften, der Wirklichkeit genau jenes abzutrotzen. Der Wunsch vieler Menschen besteht darin, durch Wissenschaft und Technik immer weniger der Wirklichkeit ausgesetzt zu sein und einen quasi artifiziellen Raum zu schaffen, in den hinein nichts von außen herkommend mehr wirken kann. Der Preis dafür ist hoch, da der Raum abgeschirmt werden muss. Überwachung kann man in einer politischen Dimension beschreiben, man kann Formen von solchen angeblichen Sicherheitsregelungen jedoch auch als logische Folge des modernen Wissenschaftsverständnisses deuten. Laborexperimente sind relativ sicher durchzuführen. Die einzelnen Parameter werden kaum gestört. Bei Feldexperimenten ist das schon ganz anders. Da kann nicht jeder Einfluss ausgeschlossen werden. Indem jedoch Forschung zuverlässig und reliabel sein soll, wird gleichzeitig der Faktor Zeit ausgeschlossen. Denn nur wenn ein Experiment mit einem gleichen Ergebnis wiederholt werden kann, gilt es als überzeugend. Dass aber gerade der Faktor Zeit für eine Deutung dieser Welt ausschlaggebend ist, muss dabei vernachlässigt werden. Der Faktor Zeit allerdings ist das Kennzeichen des Orakels oder jeder Voraussage. Es wird ja nicht eine zukünftige Zeit vorhergesagt, sondern es wird dem eigentlichen Orakelspruch eine Deutungsbreite und –variabilität zugestanden, die sich im zeitlichen Ablauf ergeben kann.

Je schneller, desto weniger prophetisch

Ein Orakelspruch erweist sich in der Zeit als richtige Prophetie. Stürmen auf den Menschen ständig neue Informationen ein, wird etwas berichtet, was vorherige Nachrichten bestätigt oder widerlegt. Ist gerade eine Studie erschienen und erfolgt wenige Monate später der Bericht von einer neuen Untersuchung, dann richtet sich der Blick auf die Umstände. Wird in dieser Studie genau das untersucht, was in jener Studie Gegenstand der Forschung war? Hat man die richtigen Annahmen getroffen? Waren die Variablen genug abgegrenzt? Gab es Moderatorvariablen, die das Ergebnis beeinflusst haben? Die Ergebnisse sollen möglichst gut abgesichert sein. Und dass dieses System wissenschaftlicher Forschung zu Fälschungen führen kann, ist nur logisch. Ist sich ein Forscher über das Ergebnis sicher und ist die untersuchte Menge zu klein, dann ist die Verführung groß, Daten zu erfinden. Was jedoch vor allem nicht beachtet wird, das ist die Möglichkeit der Veränderung einer Forschungstheorie durch die Zeit. Es ist immer wieder erstaunlich, dass wissenschaftliche Erkenntnisse von Mystikern schon erkannt worden sind, bevor dazu geforscht wurde. Es scheint möglich zu sein, durch einen mystischen oder spirituellen Blick auf die Wirklichkeit Erkenntnisse zu bekommen, die in ihren Formulierungen wie Horoskope klingen, sich jedoch später in wissenschaftlicher Deutung bestätigen. Dies gelingt, weil diese Menschen sich dem Zeitgeschehen entzogen haben und dadurch ihr Blick auf die Wirklichkeit frei wurde. Das könnte man auch Prophetie nennen.

Wirklichkeit ist nicht materialistisch

Während ein Naturwissenschaftler streng darauf achtet, dass das, was er untersucht, auch spürbar oder für andere nachvollziehbar vorhanden ist, denkt ein Prophet darüber hinaus. Er fühlt sich quasi in den Bauplan des Materiellen ein und trifft mit diesem Blickwinkel seine Voraussagen, die von der Zeit unabhängig sind. Das Reale der erforschten Welt eines Propheten ist die Sprache, von der ein Seher immer weiß, dass sie wiederum durch die Kontamination mit der Zeit ungenau sein muss. Er ist gezwungen, von seinen Zuhörern das zu erwarten, was er selber gemacht hat. Allerdings bietet er den Zuhörern bereits ein Gerüst an. Der Bezug auf das Materielle würde den Propheten von seinen Erkenntnissen abhalten. Er lässt sich von der Wirklichkeit ansprechen. Dass diese Wirklichkeit auch mit religiöser Sprache ausgedrückt werden kann, ist nicht verwunderlich sondern adäquat. Und die Verbindung der religiösen Sprache mit einem Gott oder Teufel lässt sich aus dem Umstand erklären, dass der Prophet ohne Gerüst auf die Wirklichkeit mit ihren möglichen Gefahren zugeht und quasi die Materialisierung der Wirklichkeit vermeidet, wie dies, so müsste gefolgert werden, es die modernen Wissenschaften tun. Durch Ausschluss bestimmter Variablen, durch eine konkrete Versuchsanordnung, durch methodische Vorgaben wird die Wirklichkeit in eine materiell greifbare Wirklichkeit gepresst. Und genau durch diesen Prozess werden die Wirkmechanismen verstellt.

Die Diktatur der Wissenschaften

Vielleicht ist das, was heute die Wissenschaften machen, nicht wirklich neu. Die Menschen haben immer schon versucht, vom Materiellen her ihr Gefühl von Sicherheit aufzubauen. Lieber zu den Fleischtöpfen, die man hat, als zu den sprudelnden Quellen, die imaginär sind und von den Spinnern oder eben den Propheten angepriesen werden. Die Vorherrschaft der Wissenschaften ist insofern kein neues Phänomen. Und die Notwendigkeit prophetischen Tuns gilt auch für alle Zeiten. Die angeblich neue Spiritualität oder die Wiederkunft des Religiösen dürfte hingegen mehr als Sehnsucht der Menschen gedeutet werden, endlich wieder etwas Prophetisches von der Wirklichkeit zu hören als immer nur Fakten, Fakten, Fakten.

© Thomas Holtbernd

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