Foto – das universelle Medium für die Darstellung des religiösen Bezugs…

…für eine katholisch inspirierte Raum- und Internetkomposition

Wir leben mit einer Flut von Bildern, verstärkt noch durch das Internet. Weil es der Bildschirm den Augen schwerer macht, Textzeilen zu lesen, finden sich immer mehr Fotos oder Schrifttafeln. Weil das so ist, hat Facebook die Link-Gestaltung weiter entwickelt. Wenn auf der verlinkten Seite ein Foto platziert ist, wird es verkleinert bei Facebook gezeigt. Wir empfinden das als selbstverständlich und registrieren nicht, dass andere Links nur aus einer Zeile bestehen, die selten eine Vorschau auf den Inhalt der Seite bietet. Fotos, ob groß oder klein, sind zum Leitmedium des Internets und der Sozialen Medien geworden. Die Herausforderungen an die Qualität des Bildmediums sind jedoch keine so anderen, wie sie frühere Epochen gemeistert haben. Ein kurzer Rückblick bzw. ein Blick in die Gegenwart von Baudenkmälern gibt wichtige Hinweise:

 

Besucherströme in romanischen, gotischen und barocken Räumen

Ob romanisch, gotisch oder barock – Ströme von Touristen wandern durch diese Kirchen, obwohl die Mentalitäten dieser Epochen ihnen fremd sein müssen. Sie wollen den Raum auf sich wirken lassen, um ein besonderes Erleben mitzunehmen. Diese Kirchen wie auch Schlösser wirken erst einmal aus sich selbst. Für die Auswahl und das Arrangement der Fotos lässt sich daraus ableiten, dass diese erst einmal ohne Erklärung wirken müssen.

Lässt man sich weiter von den Kirchen inspirieren, käme es zuerst auf die Raumkomposition an. In den Kirchen wird der Blick nach vorne gelenkt, wo vom Ambo die biblischen Texte verlesen und am Altar das eucharistische Mahl gefeiert wird. Die Darstellung von zwei Personen ist fast immer zu finden. Einmal der Gekreuzigte. In der Nähe des Altars hängt in der Regel ein Kreuz. In der Romanik hat der Gekreuzigte offene Augen, mit denen er in das Kirchenschiff schaut. In der Gotik wird der Leib schmerzverzerrt dargestellt. Das Kreuz ist deshalb zentral, weil in der Kirche um Jesus geht, sein Evangelium und sein Mahl, das er dem Gedächtnis seiner Jünger anvertraut hat und das den zentralen Gottesdienst ausmacht.

Im Barock rückt Maria ins Zentrum, nämlich als Motiv für das Gemälde über dem Altar. Ihre Aufnahme in den Himmel, empfangen von Vater, Sohn und Geist, führt den Gottesdienstteilnehmern das Lebensziel vor Augen: als Auferstandene und wie Maria in den Himmel aufgenommen zu werden. Im Barock bleibt das Kreuz im Altarraum, meist jedoch kleiner, weil es unter dem Altarbild auf dem Tabernakel zu stehen kommt.

Im Chorraum und entlang der Säulen werden andere himmlische Bewohner dargestellt. Sie haben ihren Platz an den Säulen, in den Glasmalereien der Fenster, auf Fresken an den Seitenwänden. Es sind Heilige, allen voran die Apostel. Im Barock rahmen Petrus mit dem Schlüssel und Paulus mit dem Schwert den Chorraum ein. In Jesuitenkirchen sind es oft der Ordensgründer Ignatius und der Asienmissionar Franz Xaver. Die Seitenaltäre sind Heiligen gewidmet, die in Skulpturen oder Gemälden ihr Gesicht zeigen. Das Ensemble der himmlischen Bewohner zeichnet den Raum als Vorhof des Himmels aus. Dass der Besucher in einen besonderen Raum eintritt, der ihm in seine endgültige Bestimmung führen soll, wird ihm an mittelalterlichen Kirchen oft durch das Tympanon, das Feld über dem Eingangsportal, vermittelt. Hier wird Christus nicht als Gekreuzigter, sondern als Weltenherrscher dargestellt, an seiner Seite Maria und auf der anderen meist Johannes der Täufer, unter ihm die Menschen, die er zum Weltgericht empfängt. Man betritt also unter dem Weltgericht die Kirche.

Empfangen vom himmlischen Personal

Nach dem Eintreten spürt der Besucher die Blicke der dargestellten Personen auf sich gerichtet, er fühlt sich nach vorne gezogen, wo im Chorraum das Entscheidende stattfindet.

In Kirchen der Orthodoxie blicken die Bewohner des Himmels die Teilnehmer des Gottesdienstes noch sehr viel intensiver an. Sie sind mit geöffneten Augen auf die Ikonostase gemalt.

In manchen Kirchen sind neben Kreuz und Altarbild auch Reliquien aufgestellt, so in Kölner Dom in einem goldenen Schrein die Gebeine der Drei Könige, die dem Stern nach Bethlehem gefolgt sind. In romanischen Kirchen finden sich die Reliquien der Heiligen und auch Königs- und Bischofsgräber in der Krypta unter dem Chorraum.

Diese Reliquien waren im Mittelalter Anziehungspunkt für große Pilgergruppen. Wenn sie in die Krypta romanischer Kirchen stiegen, um den Sarkophag zu berühren, oder wenn sie den Reliquienschrein in seinem Glanz betrachten konnten, fühlten sie sich dem Himmel näher. Die Raum- wie Bildkompositionen sind früheren Genrationen so überzeugend gelungen, dass sie auch die Menschen aus den säkularisierten Gesellschaften anziehen.

Perspektive für das eigene LebenKirchen und Stadien
Zwar werden die Kirchen von den Kunsthistorikern säkular beschrieben, nämlich als seien sie Ausstellungsräume für Kunstwerke. Trotzdem verhalten sich die Besucher anders als in einem Museum. Sie erleben das Zueinander von Raum, Lichtführung und den Darstellungen und damit die Gesamtkomposition als etwas Besonderes. Der Besucher kommt nicht in die Rolle, die künstlerischen Meisterwerken zu bewundern, sondern er spürt, dass es um etwas anderes geht, ihm nämlich eine Perspektive für das eigene Leben zu eröffnen.

Solche Konstellationen, die nicht bloß etwas „ausstellen“, die nicht nur Reaktionen auf das Dargestellte auslösen, sondern demjenigen, der die Räume betritt, einen Platz in einem großen Geschehen bieten, sind für die säkularen Gesellschaften die Stadien, in denen die Sport-Liturgien gefeiert werden. Die Kirchen geben dem Stadtteil, dem Dorf und manchmal der ganzen Stadt mit den sie umgebenden Plätzen noch immer ein besonderes Gepräge. Deshalb werden sie auch im Osten Deutschlands renoviert, obwohl 80% der Bevölkerung es „normal“ findet, sich nicht religiös zu verstehen.

Die digitalen Medien

Die Stadien, in denen Sieg und Niederlage gefeiert werden, zeigen, dass Liturgien immer noch Gesucht werden, weil sie den Menschen über das Alltägliche hinausführen. Auch die Plätze behalten ihre Bedeutung. Das zeigt sich am Public Viewing. Um an einem großen Ereignis teilnehmen zu können, muss man mit anderen zusammen sein. Der Bildschirm ersetzt nicht das Stadion, die Fernsehübertragung eines Gottesdienstes nicht die Erfahrung im Kirchenraum. Es müssen besondere Ereignisse sein, weshalb man auf die Plätze der Stadt, des Dorfes geht. Im Alltag ist der gewöhnliche Platz, an dem man sich Orientierung holt, das Internet und noch mehr die Social Media.

Digitale Religiosität

Neues, auch eine Perspektive für das eigene Leben, wird heute medial vermittelt. Das war schon immer so, denn eigentlich ist der Unterschied zu einer gotischen Kathedrale nicht so verschieden. Z.B. wurde Chartres so prächtig gebaut, weil, verbunden mit einem Getreidemarkt, viele Menschen angezogen werden sollten. Über diese Märkte konnten die Bauten dann auch finanziert werden. Liest man von diesen bis heute erfolgreichen Räumen die Kriterien ab, wie die Plätze im Internet religiös gestaltet und Fotos auswählt und arrangiert werden müssen werden, dann könnten es diese sein:

  • Fotos müssen erst einmal ohne Erklärung wirken.
  • es sollten Bilder sein, die auf eine andere Wirklichkeit verweisen
  • wie diejenigen, die eine Kirche betreten, sich in einen anderen Raum versetzt fühlen, sollte auch auf den Plätzen im Internet diese himmlische Dimension spürbar werden.
  • Fotos müssen in erster Linie nicht eine Information, sondern eine Emotion, ein Gefühl vermitteln.
  • wie der Eintretende von den Figuren angeblickt wird, so sollte sich derjenige, der auf eine Homepage kommt, der sich in eine Community einklinkt, angesprochen fühlen. Es geht also nicht wie bei den meisten Homepages um die Institution, sondern um den Blick, den der Betreiber der Homepage den Besuchern eröffnet. So hat das Gebetsapostolat als URL mit-beten.net und nicht gebetsapostolat.de gewählt.

Wie kommt man zu spirituellen Fotos:

„In dem, was ich sehe, das andere sehen“, so beschreibt Helmut Zimmermann in einem Gespräch den kreativen Vorgang. Selten entsteht durch Konzeption ein Foto, das für sich selbst spricht, ohne in ein Umfeld, ob eine Zeitschrift, in einem Prospekt, in einer großformatigen Fotoreihe eingebettet zu sein. Das gilt für andere Darstellungen ähnlich. Von den tausenden Schnitzwerken in Kirchen sind der Großteil deshalb nicht weggeräumt worden, weil ein Ensemble aus der Gotik sich auflöst, wenn man eine Figur, einen Seitenaltar herausnimmt. Für sich wäre die Figur oder der Seitenaltar nicht besonders aussagefähig. Es gibt aber nicht wenige Werke, die man überall aufstellen kann und denen selbst die Sterilität eines Museums nichts anhaben kann.

Fotos von dieser Aussagetiefe entstehen genauso wie die Kunstwerke nicht durch Zufall. Das Auge muss sie sozusagen erarbeiten.

Fotografieren ist Lichtkunst

Was wir heute Foto nennen, hieß einmal „Lichtbild“. Das Licht ist eigentlich das Medium des Fotos. Das erklärt auch, warum das Schwarz-Weiß-Foto seine Eindrücklichkeit mit dem Aufkommen der Farbfotografie nicht verloren hat. Da man das Licht selbst nicht fotografieren kann, wohl aber den Lichteinfall, die durch das Licht herausgehobene Fläche, die Spiegelung auf dem Wasser, ermöglicht das Licht, Transzendenz in der Fotografie anzudeuten. Das Transzendente selbst ist nicht zu sehen, sie zeigt sich aber, indem sie Materielles zum Leuchten bringt. Licht, z.B. eine „Lichtung“, ist darstellbar, wenn es um sie herum anderes gibt, von dem sich das „Belichtete“ abheben kann.

Deshalb gibt es Tage, an denen besondere Fotos schwieriger zu gestalten sind, nämlich wenn keine Wolke am Himmel ist oder die Wolkendecke alles in das gleiche Licht taucht.

Licht hat seine Zeiten, deshalb muss man ihm auf die Spur kommen, ob im Wald oder in Kirchenräumen – erst der Lichteinfall bringt einen Raum, eine Baumgruppe, ein Gesicht zum Sprechen. Insbesondere das Licht am Morgen und am Abend ist geeignet, eine besondere Atmosphäre zu schaffen. Spirituell Fotografieren ist eine Form der Meditation.

Wenige Auswahl-Kriterien

Da im Internet auf das Foto der Blick zuerst fällt, entscheidet sich an den Fotos, ob sich der religiöse Raum für den Surfer öffnet. Die Qualität von Fotos kann man wie bei Kunstwerken nicht einfach durch das Anlegen von Kriterien bestimmen, sondern durch mehrmaliges Hinschauen erahnen. Es gibt jedoch einige Hinweise, die sowohl bei der Auswahl wie bereits bei der Suche nach Motiven eine Art Geländer bieten.

  • eine gewisse Abstraktion macht ein Foto nicht nur langlebiger, sondern signalisiert, dass es mehr eröffnet als nur das, was zu sehen ist. Das führt direkt weiter zu der Regel:
  • wenige Elemente auf dem Foto verdichten.
  • ein Ausschnitt des Fotos bietet meist mehr spirituellen Impact.
  • meist trifft zu, dass künstliches Licht dem Motiv Tiefe nimmt.
  • Insgesamt muss das Foto über mehrere Tage hinweg den Blick „aushalten“.

Alles, was zur spirituellen Dimension von Fotos zu sagen ist, setzt eine Darstellung möglichst auf dem ganzen Bildschirm voraus. Der Header einer Homepage sollte nicht in Konkurrenz zu dem Foto stehen, auch wenn heute eindrückliche Fotos zur Gestaltung des Headers eingesetzt werden.

Zum Schluss: Warum Foto das universelle Medium ist
Wer auf einem Platz eine Kirche baut bzw. diese stehen lässt, wendet sich an alle Menschen. Wer im Internet die religiöse Dimension erschließen will, muss sich allen ohne ausführliche Erklärungen verständlich machen. Das scheint mit der Gegenwartskunst nicht so einfach zu sein. Nicht nur Joseph Beuys braucht für seine Installationen eine Erklärung. Die meisten Künstler, die Transzendenz darstellen, entwickeln eine eigene künstlerische Sprache. Je mehr Kunstwerke, desto mehr Sprachen, die man erst verstehen lernen muss. Das gilt auch für die Symbolik der religiösen Kunst, dass z.B. ein Oktogon auf den 8. Tag der Auferstehung hinweist und Taufbecken daher achteckig sind. Oder das der Löwe nicht nur Macht symbolisiert, sondern auch für Auferstehung steht, da nach früher Tiersymbolik der Löwenvater am 3. Tag das Löwenbaby anbrüllen muss, damit es zum Leben erwacht. Offensichtlich gab es damals eine Kunsterziehung, dass viele Menschen die Symbolik verstanden. Entsprechend den Differenzierungsprozessen der Moderne teilen sich auch die Interpretationsgemeinschaften für die Gegenwartskunst in viele kleine Gruppierungen – nicht jedoch für die Wahrnehmung eines Fotos. Bei dem Test einer Fotoreihe konnte der Autor bei Jung und Alt ein direktes Urteilsvermögen beobachten. Ein Blick genügte den Testpersonen, um über die Qualität eines Fotos zu urteilen. Offensichtlich ist die Fotografie zur universellen Sprache geworden. Deshalb könnte es sein, dass das Foto, neben der Architektur, das universelle Medium für die Darstellung des Religiösen geworden ist.

Eckhard Bieger S.J.

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