Die Neurosen im Niemandsland

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Wer durch eine Stadt geht, leidet, wenn er sensibel ist, unter der fehlenden Identität, die sich ihm dort bietet. Die meisten Städte ähneln sich und nur wenige urbane Räume haben ein eigenes Profil. Manche Traditionsstädte pflegen einen gewissen Charme der Vergangenheit, weil Touristen genau dieses Bild erwarten und daher solche Städte besuchen. Manche Orte sind durch einen Fluss, Berge oder das Meer geprägt und haben aus diesem Grund etwas, was man speziell oder außergewöhnlich und damit als etwas Eigenes bezeichnen könnte.

Unsere Städte sind unwirtlich.

Dass dies kein Phänomen der letzten Jahre ist, erfährt man durch die Relektüre des Klassikers von Alexander Mitscherlich „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“, der 1965 erschien.

Alexander Mitscherlich verstand seinen thematischen Aufriss als eine Streitschrift. Ihm ging es dabei um etwas, wofür er kämpfen wollte. Denn die Veränderungen im Äußeren wirken sich auch auf die Psyche des Menschen aus: „Menschen schaffen sich in den Städten einen Lebensraum, aber auch ein Ausdrucksfeld mit Tausenden von Facetten, doch rückläufig schafft diese Stadtgestalt am sozialen Charakter der Bewohner mit.“ Vor allem richtet sich seine Analyse auf den Gedanken der Heimat. Durch eine klare Identität wiesen die Städte früher einen hohen Wiedererkennungswert auf und bargen für den Einzelnen ein Gefühl von Sicherheit. Mit diesem Grund an Vertraut Sein und Sicherheit kann sich der Mensch in die Fremde stoßen: „Um Schwung zu haben, muss man sich von einem festen Ort abstoßen können, ein Gefühl der Sicherheit erworben haben.“

Unsicherheit macht krank

Alexander Mitscherlich hat sich nicht daran gewagt, einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Atmosphäre einer Stadt und den neurotischen Erkrankungen zu ziehen. Er deutet dies jedoch an. Mitscherlich fragt nach den zirkulären Bedingungen seelischen Erlebens und den Reizquanten der Außenwelt. Hintergrund für das Denken des Psychoanalytikers Mitscherlich ist, dass neurotisches Verhalten einen Protest gegen Anpassungsforderungen an die Sittengesetze darstellt, denen das Individuum nicht offen widersteht. Geht man davon aus, dass Architektur und Städteplanung auf den Menschen zurückwirken, so lässt sich fragen, welche sittlichen Gesetze sind möglichweise den Gebäuden, Straßen usw. inhärent? Hierauf kann nur schwer eine Antwort gegeben werden, da im 21. Jahrhundert die ethisch-moralischen Einbindungen keineswegs eindeutig sind. Alte Städte mögen noch durch ihre Kirchen, Straßennamen o. ä. auf einen christlichen Kodex verweisen. Solche eindeutigen Verweise werden heute eher als Folklore erlebt. Der von Mitscherlich angenommene Aspekt der Unsicherheit jedoch, der krank macht, scheint Bestätigung zu finden.

Die in Städte hineingeplante Angst

„Ein wichtiger Erfahrungsbegriff der heutigen Gesellschaft ist der Begriff der Angst.“ Heinz Bude, einer der führenden deutschen Soziologen, dekliniert die Angst durch Bereiche des modernen Lebens durch. Angst, so seine These, ist kein Phänomen einer nur bestimmten gesellschaftlichen Gruppe, „Angst kennt keine sozialen Grenzen“. Seine soziologische Erörterung ist im Grunde genommen eine Fortführung der Schrift Mitscherlichs, obwohl er diese nicht erwähnt. Bude bezieht sich sehr stark auf David Riesmanns „Die einsame Masse“. Die Veränderung in der modernen Gesellschaft sieht Bude als Wechsel „im gesellschaftlichen Integrationsmodus vom Aufstiegsversprechen zur Exklusionsdrohung.“ Der Effekt dieses Wandels zeigt sich in der Botschaft: Optionen wahren, in Szenarien denken, eine günstige Gelegenheit ergreifen, sich vor Selbstüberschätzung hüten, doch gleichzeitig höchst entscheidungsbreit sein. Der moderne Mensch entscheidet sich, weil die getroffene Alternative ihm im Außenbild Vorteile verschaffen könnte. Aus Angst kann er nicht die Wahl für einen Partner/Partnerin treffen oder für ein Studium, einen Beruf. Hat sich jemand falsch entschieden, so ist seine „Karriere“ beendet. Diese Atmosphäre der Angst hat die Gesellschaft durchdrungen und es ist anzunehmen, dass sich solche Entwicklungen auch im Erscheinungsbild der Städte wiederfinden.

Umtauschen ist besser als Kaufen

Hat man z. B. Schuhe gekauft und stellt dann fest, dass dieses Paar bei einer ganz speziellen Gruppe dieser Gesellschaft angesagt ist, zu der man jedoch unter gar keinen Umständen hinzu gezählt werden möchte, dann schickt man sie Zalando halt wieder zurück. Bei Ikea kann der Käufer die Möbel auch nach Jahren wieder eintauschen. Städte sind mittlerweile von dieser Umtauschwut und dem Umsetzen spontaner Einkäufe gekennzeichnet. Innenstädte sind mancherorts gespenstisch leer, während Paketdienste die Straßen verstopfen. Die Möglichkeit, das Richtige zu kaufen, führt dazu, dass in jeder Stadt dieselben Ketten ihre Produkte anbieten. Die Reklame dieser Läden macht Städte austauschbar. Es gibt im Prinzip keine Auswahl mehr, obwohl das Angebot sehr groß ist. Der Wiedererkennungseffekt ist auf eine Marke oder ein Warenhaus bezogen und nicht mehr auf die Herkunft aus einer bestimmten Stadt oder Region. Städteplaner werden gedrängt, eine Infrastruktur zu schaffen, die dem Einlösen der Kaufoptionen dienen. Insofern spiegeln unsere Städte die Angst wider, etwas Falsches gekauft zu haben, mit der man in die Exklusionsfalle tappt.

Die letzte Wahrheit des Ichs

Das Ich steht in einem Konflikt zwischen dem Alleinsein als einer letzten Wahrheit und dem Nein als Ausdruck des stärksten Selbstwirksamkeitserlebnisses. Wer ein eindeutiges Nein zu einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklung ausspricht, begibt sich in die Gefahr, dass alle Bemühungen um eine überzeugende Argumentation überflüssig sind, weil eine solch einsehbare Eindeutigkeit spontane Wechsel ausschließt. Angst führt dazu, sich nicht festzulegen, verhindert jedoch gleichzeitig das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Alleinsein wird faktisch zum Prinzip gesellschaftlichen Lebens. Versammlungsorte, Parks, Plätze prägen nur noch wenig das Bild einer Stadt. Stattdessen entstanden und entstehen Wohnparks, die Anonymität deutlich ausstrahlen. Die politisch korrekte Sprache steht auf der einen Seite und die von Bauträgern oder großen Baugesellschaften in die Städte gesetzten Einheitsbauten auf der anderen Seite. Kaum eine Stadt spricht sich gegen ein neues Einkaufszentrum aus und bekommt dann eine irgendwie individuell aufgepeppte Einkaufspassage, die auch in jeder anderen Stadt stehen könnte.

Groß und mächtig

Dass Angst nicht nur Städte und Menschen prägt, die zur Miete wohnen, zeigen die Prachtvillen einkommensstarker Schichten. Aus Angst vor Einbrechern, Randalierern u. a. werden Alarmanlagen eingebaut, die Angst, den Trend nicht getroffen zu haben, führt dazu, dass häufig umgebaut, das Mobiliar regelmäßig erneuert und möglichst dort der Wohnsitz gewählt wird, wo der gerade angesagte Ort ist. Selbst Menschen, die das Geld hätten, wählen nicht nach dem eigenen Geschmack, sondern wie es zu ihrer Karriere passt.

Das Unterdrückte schlägt zurück

Wenn die Annahme Mitscherlichs stimmt, dass die Städte auf die Menschen zurückwirken, dann können bestimmte Entwicklungen im sozialen Leben auch in dieser Weise erklärt werden. Moderne Städte unterdrücken Gefühle und Sehnsüchte des Menschen, die sich in Zerstörungswut, Zerstreutheit, Konzentrationsmangel, Rücksichtslosigkeit o. ä. umkehren. Burnout, ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Vandalismus u. ä. sind nicht nur das Produkt eines schlechten Elternhauses, sondern auch das Ergebnis einer Stadtplanung, die vorgibt modern zu sein, obwohl ihre Triebfeder die Angst ist. Da diese Neurosen wie in einem Niemandsland, so nannte es Hannah Arendt, blühen, wird den hieran erkrankten Menschen auch eine beziehungslose Therapie angeboten, die mehr von der Angst bestimmt wird, ob die Richtung des Therapieansatzes noch in ist. So wie Banken riesige Hochhäuser bauen, um ihre Macht zu beweisen, so bauen Kliniken riesige Komplexe, um die vielen möglichen Optionen nach außen hin zu zeigen. Es wird kein deutliches Nein signalisiert, um den Erkrankten allein schon durch die Andersartigkeit des Gebäudes ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu geben.

Aus Angst nicht religiös

Es ist auch zu fragen, wie kirchliche Gebäude geplant werden müssten, um den Menschen in ihrer Angst zu helfen? Dem modernen und von Heinz Bude als von Angst geprägt diagnostizierten Menschen dürften klare Festlegungen irritieren. In den Städten schwindet die Anwesenheit von Religion. Kirchen werden von anderen Gebäuden überragt, sie werden abgerissen und umfunktioniert. Dies kommt der Verdrängung der Angst entgegen. Damit die Angst nicht verdrängt wird, sondern im Gebäude symbolisch zum Ausdruck kommen kann, müssen solche Häuser Angst machen. Dies geschieht z. B., wenn Muslime eine Moschee bauen wollen. Im Gegensatz zur herkömmlichen Meinung, dass religiöse Erziehung oder Religion allgemein zu einem Faktor der Angst werden kann oder die strenge moral-religiöse Ordnung Angst auslöst, muss vermutet werden, dass der Mensch des 21. Jahrhundert Angst vor der Religion hat, weil er sich vielleicht falsch entschieden hat. Manche neueren Kirchenbauten scheinen diesem Gefühl Platz zu geben, da der Besucher solcher Räume nicht eindeutig bestimmen kann, wo er sich gerade befindet. Wirkt ein solcher Bau auf den Betrachter zurück, so wird das religiöse Denken ebenso unentschieden sein. Und möglicherweise werden Eindeutigkeiten in der Architektur und Städteplanung aus dem religiösen Fundus entlehnt, um paradoxerweise den Menschen das Gefühl zu geben, bei seiner Option richtiger zu liegen als bei einer anderen. Und möglicherweise liegt hierin auch der Schlüssel für ein Verstehen der Städte, da ist etwas nicht richtig oder falsch, sondern richtiger. Eine solche Scheinsicherheit ist wie eine Lüge, die als Lüge nicht erkannt wird, da die Angst sie zu einer als Kompromiss oder Konsens getarnten Rationalisierung verwandelt hat.

Thomas Holtbernd

Ein Gedanke zu “Die Neurosen im Niemandsland

  1. Scheinsicherheit-Angst vor Religion…
    wir sind Kinder zweier verlorener Weltkriege,geimpft mit Schuldkomplexen und Verlustängsten.
    Die „Exklusivität “ der Kirche ebenso wie die der Vereine haben mit ihrer Überalterung eine nunmehr
    70 -jährige Gelegenheit zur gemeindebildenden Inklusion verpasst:
    Bunker statt Oase-im Dorf genauso wie in der Stadt.
    Die Hoffnung: Gefahr erkannt- Gefahr gebannt… !

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