Die Gottesfrage, eine tägliche Frage

© L.Klauser – fotolia.com

Gläubige brauchen heute mehr Grundlagenwissen

Wer den Katechismus verstehen will, muss bereits von der Existenz Gottes überzeugt sein. Aber der Katechismus reicht nicht mehr, wenn es um die Frage nach Gott und den Sinn des Lebens im Dialog mit Nichtgläubigen geht. Die Argumente, die für dieses Gespräch gebraucht werden, sind in diesem Werk nur zwischen den Zeilen zu lesen. Katechese und Firmunterricht beantworten solche Fragen nicht tiefgehend genug und die Zeiten, wo im Religionsunterricht nicht nur über Glaubensinhalte, sondern auch dahinter stehende Denksysteme gesprochen wurde, sind zunehmend vorbei – höchstens in der Oberstufe konfessionell geprägter Schulen hört man noch etwas davon. Dabei brauchen Christen heute mehr denn je fundierte theologische und philosophische Grundlagen, geraten sie doch in einer postsäkularen und multireligiösen Welt zunehmend unter Rechtfertigungsdruck, vor allem wenn es darum geht, ethische Fragen des Zusammenlebens zu begründen.

Katholisch ist so differenziert wie das Leben

Das christliche Weltbild ist längst nicht mehr einheitlich. Die Mär von einem zornigen Gott, welcher die Menschen aus einer zeitlich und örtlich vorgeordneten Welt vertrieb, weil sie ihm nicht gehorsam waren, hält sich als Missverständnis der Bibel hartnäckig in den Köpfen der Menschen seit gnostischen Zeiten. Ebenso wird der Titel „Maria Gottesgebärerin“ heute oft missverstanden im Sinne, dass Christus kein wirklicher Mensch war, keine menschliche Natur hatte (Monophysitismus). Wenn es darum geht, was wirklich gemeint ist, wäre das nicht nur für das eigene Seelenheil nutzenbringend, sondern auch für den Dialog mit Nichtchristen und unseren Geschwisterkirchen. Dabei zeigt sich: Der katholische Glaube ist nicht einfach. Hinter der Oberfläche der frohen Botschaft stehen tiefgehende philosophische Grundlagen, die ihre Popularität überhaupt erst ermöglichen und den Glauben in Richtung eines Verstehens erweitern können. Dafür muss man nicht Theologie studiert haben, es genügt, sich mit diesen Inhalten auseinanderzusetzen. Oft ergibt sich dann eine ganz neue Sicht auf die eigene Kirche und den Glauben, welche das christliche Leben wertvoller machen.

Der Glaube an Gott hat seine Selbstverständlichkeit verloren

Die Zeiten haben sich gewandelt. Während man den Gläubigen im 19. Jahrhundert noch verbot, die Bibel zu lesen, um sie vor den Verkehrungen der Aufklärung zu schützen, gelten die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts als die Zeit, in welcher theologische Inhalte zum Alltagswissen gehörten, ein Wissensstand, der seit den 80er Jahren bis heute zunehmend abnahm, sich verschlechterte. Die Folge davon ist, dass immer weniger Menschen verstehen, warum sie sich mit religiösen Fragen beschäftigen sollen. Agnostizismus verbindet sich mit einem radikalen Pragmatismus, bis hin zu einem militanten Atheismus, der durch Rechtsextremismus neuen Auftrieb erhält. Wie sollen Gläubige dieser neuen Herausforderung begegnen?

Keine Zeit für die religiöse Frage

Ein gangbarer Weg, wie er mancherorts auch beschritten wird, ist die Einführung von Kursen für Erwachsene zur Persönlichkeitsbildung im Rahmen thematischer Schwerpunkte. Die Nachfrage ist hier begrenzt, zu sehr nimmt einen das Umfeld heute in Beschlag: Die Kinder, der unsichere Job, die Frage nach der Rente, Beziehungsfragen, Fortbildungen nach Feierabend und jetzt kommt auch noch die Kirche und stellt die Sinnfrage anstatt nur einfach ein Ort des Auftankens für die Seele sein zu wollen. Dabei hat die Kirche als Institution zur Vermittlung von Glaubensinhalten eine lange Tradition. Dass dies im Schwinden begriffen ist kann nur daran liegen, dass die Angebote die Lebenswirklichkeit der Gläubigen vielfach nicht mehr erreichen. Die Vermittlung abstrakter Inhalte ist ohne praktischen Bezug nicht mehr zielführend. Die postmodernen Pfarreien sind heute ebenfalls in einem Prozess der Umbildung begriffen, der größere Verantwortlichkeiten mit sich bringt. So kommt es, dass sogar die von der Kirche Beauftragten selbst immer weniger Zeit haben, sich mit solchen Aspekten der Glaubensvermittlung zu beschäftigen. Was kann man tun?

Von der Rede zum Erlebnis

Die Frage, wie das Evangelium gelebt werden soll, und warum, gehört zu den ältesten Herausforderungen des Christentums und stellt sich schon bei Paulus, der sich bei der Organisation der Gemeinden Fragen gegenübersah, für die es vom Evangelium her keine direkten Antworten gab. Insofern sind die gesuchten Lösungen die alten. Ein Ansatz wäre die Vermittlung sozialer Kompetenzen im Sinne einer auf dem Evangelium basierenden Persönlichkeitsbildung, welche in direktem Zusammenhang mit den gelebten Beziehungen stehen, also Ehe, Familie, Freunde und Arbeitskollegen. Moralisierende Maßregelung ohne ausreichende Begründung hat sich hierbei bisher als nicht zielführend erwiesen, vielmehr braucht es eine Vermittlungsart, die auf unmittelbares Erleben ausgerichtet ist, damit nicht nur die Qualität der Inhalte beurteilt werden kann, sondern das Erlernte im Alltag konkret umgesetzt wird. Die dabei entstehenden Kompetenzen offenbaren ein ganz anderes Verständnis von Führungsqualitäten, weg vom Autoritarismus des Chefs hin zum inspirierten Motivationalismus eines Anführers, der den Wert der gemeinsamen Ziele höher setzt als den Status von Leitungsinstanzen und dessen Leidenschaft andere mitreißt. Dabei steht fest: Führen und Delegieren müssen alle, wenn in den Beziehungen ein Gleichgewicht von Freiheit und Verantwortung gewährleistet werden soll. Der Zeitgeist geht in Richtung mehr Eigenverantwortlichkeit, das gilt auch für kleinere soziale Systeme.

Die Art der Vermittlung muss sich ändern

Alle Unkenrufe über gescheiterte Versuche in dieser Richtung führen nicht weiter, man muss auf Charisma, Attraktivität und Praktikabilität setzen und bei sich selbst anfangen wenn man will, dass Gläubige und auch Nichtgläubige zu solchen Veranstaltungen kommen. Also auf der einen Seite steht das Erläutern dogmatischer Zusammenhänge in einer verständlichen Sprache, auf der anderen ist deren Bedeutung für das christliche Leben zu klären und zum Dritten muss man geeignete Möglichkeiten anbieten, um die Erfahrbarkeit dieser Wahrheiten durch praktische Übungen zu gewährleisten. Die Auswirkung solcher Schulung ist im sozialen Umfeld direkt nachvollziehbar, weil die Menschen nach den Gründen der damit verbundenen Verhaltensänderungen fragen. An diesem Punkt käme der Hintergrund dieses Ansatzes zum Tragen: Das vermittelte Wissen, mit dem der moderne Christ seine Freiheit rechtfertigen kann. Hierzu bedarf es des Abgleichs zwischen den Lebenswelten von Laien und Klerikern, damit solche den Glauben tragenden Inhalte überhaupt angemessen erarbeitet werden können, und es braucht engagierte Laien, die solche Kompetenzen haben und gemeinsam mit den Priestern geeignete Kurse in dieser Richtung anbieten können.

Michael Sinn

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s